Rückenwind für Strohdämmung!

In den letzten Wochen ist in den Medien, vor allem in Deutschland, viel über das Entsorgungsproblem von Styropor (Polystyrol) berichtet worden. Weil mich als Strohblogger natürlich auch alle “anderen” Dämmvarianten interessieren, hat mich das Thema stark beschäftigt. Ich möchte heute versuchen etwas Licht in diese, teileweise sehr undurchsichtige, Sache zu bringen, aber auch ein paar Fragen aufwerfen.

Ich möchte vorwegschicken, dass ich Styropor keinesfalls verteufeln will. Styropor ist seit langer Zeit ein sehr wichtiges Mittel zur Erreichung von Energieeffizienzzielen und wird es wahrscheinlich auch noch eine Weile bleiben. Weder Strohdämmung noch Styropordämmung sind ein Allheilmittel. Für mich zählt in jedem Fall der richtige Umgang mit den Baustoffen.

Was ist passiert?

Um Styropor als Dämmstoff einsetzen zu können, muss zur Einhaltung der Brandschutzbestimmungen ein Flammschutzmittel beigemischt werden. Das bis dato beigefügte Flammschutzmittel HBCD wurde 2013 von der POP-Konvention in die Liste für persistente organische Schadstoffe aufgenommen und seit Frühjahr 2016 gilt EU weit ein weitgehendes Handels- und Verwendungsverbot. Deutschland hat per 1. Oktober 2016 verordnet, dass Dämmstoffe, die das gesundheitsschädliche Brandschutzmittel HBCD enthalten, nicht mehr mit sonstigem Bauschutt zusammen entsorgt werden dürfen. Demnach dürfen die alten Dämmplatten nur in Müllverbrennungsanlagen unter speziellen Bedingungen verbrannt werden. Weil die Trennung des Bauschuttes sehr hohen Aufwand bedeutet, und es zudem nur wenige Müllverbrennungsanlagen mit den hohen Standards gibt, schossen die Entsorgungspreise astronomisch in die Höhe. Der darauf folgende Aufschrei der Bauwirtschaft hat zweieinhalb Monate angedauert. Dann hat der Bundesrat seinen Beschluss zurückgenommen und die Entscheidung um ein Jahr vertagt.

Die Dämmstoffindustrie hat bereits einen Ersatz für das giftige HBCD gefunden. Welchen Stoff es sich genau handelt, konnte ich noch nicht herausfinden und ob die Unbedenklichkeit des Ersatzstoffes nachgewiesen wurde, das weiß ich leider auch noch nicht. Neu produziertes Stypror enthält jedenfalls heute kein HBCD mehr. Was allerdings bleibt sind die riesigen Mengen an Styropor mit HBCD, die in den letzten Jahrzehnten verbaut wurden und irgendwann auch wieder entsorgt werden müssen.

Ist HBCD wirklich giftig?

Die POP-Konvention, die EU, der deutsche Bundesrat und Greenpeace sagen JA. Das österreichische Umweltministerium sagt NEIN.

Soweit so gut. Ich fasse hier jetzt auf einfache und kurze Weise zusammen was ich dazu in Erfahrung bringen konnte und wie ich es verstanden habe: Das Flammschutzmittel HBCD enthält bromierte Verbindungen die sich in der Umwelt im Laufe der Zeit, in immer höher werdenden Konzentrationen, anreichern. Sind die Stoffe einmal z.B. im menschlichen Körper eingelagert, ist es praktisch unmöglich sie wieder abzubauen. Bei Messungen vom WWF wurden die Verbindungen in Fischen von Gebirgs-Seen, in Walen, Seehunden und auch im Blut von EU Parlamentariern nachgewiesen. Soweit ich es verstanden habe wurde zwar noch keine unmittelbare gesundheitsschädliche Wirkung beim Menschen nachgewiesen, es besteht aber der dringende Verdacht, dass bei noch weiter ansteigenden Konzentrationen, gefährliche Wirkungen zu Tage treten werden. Tierversuche haben, von der Schädigung des Nervensystems über Hyperaktivität bis zur Minderung der Fortpflanzungsfähigkeit, sehr viele negative Wirkungen gezeigt.

Zusammengefasst heißt das für mich: Wir wissen noch nicht genau welche schädlichen Wirkungen diese Verbindungen auf den Menschen haben, wenn wir allerdings die riesigen Mengen an HBCD haltigem Styropor weiter vergraben, oder ungefiltert verbrennen, werden wir es sehr bald, sehr genau wissen!

Was ich bisher nicht verstanden habe ist:

  1. Warum sagt das österreichische Umweltministerium “Alt-Styropor ist kein gefährlicher Abfall”?
  2. Wie kann in Österreich sichergestellt werden, dass alle Styroporabfälle unter den richtigen Bedingungen verbrannt werden?
  3. Was passiert in Deutschland in einem Jahr?

Was mir noch aufgefallen ist!

Die “Styroporkrise” in Deutschland hat rund zweieinhalb Monate angedauert, und sie wurde Mitte Dezember 2016 vom Bundesrat beendet, oder besser gesagt um ein Jahr vertagt. In dieser Zeit habe ich mich von Google-Alerts über neue Presseartikel zum Thema Stypropor informieren lassen. Es waren ungefähr drei bis fünf neue Artikel pro Tag. Es hat sich kein einziger Artikel mit dem tatsächlichen Problem, nämlich der Giftigkeit von HBCD und einer möglichen richtigen Entsorgung, beschäftigt. Es waren alles Reproduktionen der Kasandrarufe von der Bauwirtschaft wie zum Beispiel: Beschwerden über die nun entstandenen hohen Kosten zur Entsorgung, Fordreungen zur Rücknahme der Verordnung und Klagen über das nun bevorstehende Zugrundegehen ganzer Zweige der Bauwirtschaft.

Bezüglich der wichtigen Aufgabe, kritische und lösungsorientierte Diskussionen in Gang zu bringen, haben in diesem Fall unsere klassischen Medien ganz klar versagt. Diese Informationsarbeit fällt offensichtlich heute immer mehr den Bloggern zu. Nun, dafür gibt es jetzt ja Menschen wie zum Beispiel die Energieblogger :-). Eine Antwort auf die Frage wie zukünftig am besten mit dem Alt-Styropor umgegangen werden soll habe ich leider auch nicht. Es gibt eine Diplomarbeit zu dem Thema, die Ansätze enthält und ich hoffe auch auf Rückmeldungen zu meinem Artikel, denn eine Diskussion über das Grundproblem ist dringend notwendig.

Rückenwind für Strohdämmung!

Mein heutiger Artikel hat leider nicht viel mit Stroh zu tun, was man jedenfalls hoffen darf ist, dass aufgrund der “Styroporkrise” mehr Menschen beginnen umzudenken und vielleicht Stroh als alternativen Dämmstoff in Erwägung ziehen.

Ich freue mich schon auf deine Rückmeldung! Vielleicht hast du ja eine Antwort auf die für mich nach wie vor offene Frage, wie man in der Zukunft mit der Styropor-Altlast umgehen soll!

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Links zum Thema:

Umweltbundesamt: Was macht einen persistenten organischen Stoff wie HBCD auf lange Sicht so problematisch für Mensch und Umwelt?

Greenpeace: Polybromierte Flammschutzmittel

Österreichisches Umweltministerium sagt: HBCD-haltiges Alt-Styropor ist kein gefährlicher Abfall

WWF: Fish too polluted to eat?

Masterarbeit Entsorgung von Dämmstoffabfällen in Österreich von Michael Huber Boku Wien 2013