“Affen leben nicht in Hochhäusern”

Dhakas historischer Altstadt droht der Abriss — ein paar Wenigen ist das nicht egal. Ein Spaziergang.

Ganz gemächlich schlendert der bullige Rhesusaffe über diese alte Mauer aus Backziegeln, die die Brüstung des alten Herrenhauses bildet. Er lässt sich auf seine Hinterbeine nieder, gähnt herzhaft, kratzt sich vollkommen unbeeindruckt den pelzigen Bauch und lässt den Blick schweifen über seine Heimat: Die Altstadt, Puran Dhaka, im Herzen der Altstadt von Bangladesch. Dicht an dicht stehen da unten die Häuser, zum Teil hundert bis zweihundert Jahre alt, es lärmt zu den Affenohren herauf, Verkehrsgetöse, Marktgeschrei, Diskussionen, Rikschafahrer, Gemüsehändler, Anzugträger. Den Affen berührt das alles wenig, was die eiligen Menschlein da treiben. Er blinzelt. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck erhebt er sich, nimmt Anlauf, spannt den muskulösen Körper, springt und verschwindet in den Baumwipfeln.
„Vor zwei Jahren war er noch der König im Rudel“, sagt Biraj. Er kennt den Affen, sie beide sind hier aufgewachsen in Puran Dhaka, Old Dhaka. Biraj ist 32, seit 32 Jahren lebt er hier. Aber Biraj weiß etwas, das der Affe nicht weiß. Ihre Heimat ist in Gefahr. „Wenn sie die alten Gebäude abreißen, zerstören sie auch den Lebensraum der Affen“, erklärt er. „Die leben nicht in Hochhäusern.“

Seit zwölf Jahren kämpft die Urban Study Group, deren Mitglied Biraj ist, für das kulturelle Erbe von Puran Dhaka. Damals, 2004, hatte die Regierung nach dem Einsturz eines historischen Gebäudes einfach beschlossen, alle baufälligen Gebäude komplett abzureißen. Eine Handvoll Architekturstudenten war nicht ganz einverstanden mit der Radikalkur und zusammen mit ihrem Professor Taimur Islam formten sie den Protest. Rekrutierten Freiwillige, bildeten Menschenketten. Gründeten ein Büro. Seitdem kartographieren sie die Altstadt und bieten historische Spaziergänge an. Am PC bauen sie die alten Viertel nach, entfernen scheibchenweise illegale Gebäude und Anbauten, und legen Meter um Meter die ursprüngliche Schönheit der Stadt wieder frei.

“Der Hausbesitzer hat gedroht, mir ein Bein zu brechen. Und der Bürgermeister ist einfach gegangen.”

Auf unserem Spaziergang bleibt Biraj vor einer eindrucksvollen Residenz stehen. Barocke Balkons im ersten Stock, filigrane Steinornamente zieren den Giebel. Die Eingangstür führt in einen geräumigen Innenhof mit einer von Säulen getragenen Galerie. Wer die baufällige Fassade ignoriert, die eingestürzte linke Balkonhälfte, die Buchbinderei-Abfälle im Innenhof und die Bambusrohre, die Teile der Decke stützen, den beschleicht eine Ahnung, wie wunderschön diese Stadt mal war, vor langer Zeit, bevor die Menschen hereinströmten auf der Suche nach Arbeit und der Flucht vor dem Meeresspiegel. Birajs sanftes Gesicht leuchtet ein bisschen, wenn er über die Geschichte der Gebäude spricht, wenn er erklärt, welcher Bruder von wessen Sohn das „Boro Bari“, das Alte Haus, hat bauen lassen, welche Epochen der Architekturgeschichte sich in den Säulen und Balkons wiederfinden.
Seine Begeisterung teilen aber nicht alle seiner Nachbarn. „Hier haben wir mal den Bürgermeister zu einer Präsentation eingeladen“, plaudert er. „Aber es gab eine Unterschriftenaktion gegen den Erhalt von alten Gebäuden. Der Besitzer von dem Haus hier hat gedroht, mir ein Bein zu brechen. Und der Bürgermeister ist dann mittendrin gegangen.“

Es geht in Puran Dhaka, Überraschung, ums Geld. Dhaka, Stadt mit acht Millionen Einwohnern und ausgelegt auf ungefähr eine, trotzdem ständig weiter wuchernd, braucht Platz. Lebensraum. Wohnungen. Und Hochhäuser bauen heißt Geld machen. Baufällige Altbauten restaurieren heißt viel investieren, für manche zu viel, und dann weniger Geld machen. Deswegen fordert die USG, dass die Regierung die Besitzer für Einbußen entschädigen soll. Eine bestimmte Summe für jedes Stockwerk, das nicht gebaut wird — in Indien funktioniert so ein Modell schon.

“Die Politik muss jetzt erkennen, welches Potential in unserer Altstadt steckt.”

Ein bisschen was tut sich mittlerweile. Langsam, schwerfällig. Letztes Jahr hat der High Court die Regierung verpflichtet, eine lange geplante Erfassung aller historisch relevanten Gebäude fertig zu stellen. Viele Häuser stehen inzwischen unter Denkmalschutz — was die Besitzer unglücklich macht, so lange es keine Entschädigungsregelung gibt. Um trotzdem ein bisschen Kohle zu machen, vermieten viele ihre Prunkbuden an Buchbindereien als Werkstätten und Lagerhallen. Im ersten Stock des Boro Bari stapeln sich Pakete mit Papierschnipseln zwischen den Holzbalken, im Eck schürt eine greise Frau ein offenes Feuer. „Alles illegal“, sagt Biraj, „aber mit Geld kann man hier viel machen.“ Er hüpft kurz neben einer massiven Druckmaschine, und der alte Dielenboden schwankt bedenklich. Sein Gesicht verzieht sich zu einem schiefen Grinsen.

Ob die Visionen, die die USG am PC basteln, eines Tages wieder Wirklichkeit werden, darauf wagt es dann doch keiner, sich festzulegen. „Wir sind jetzt an einem entscheidenden Punkt“, meint Taimur Islam, der die USG aus seinem Familienvermögen finanziert. „Jetzt kann es entweder steil bergauf gehen, oder es bricht zusammen.“ Die Eigentümer und vor allem die Politik müssten jetzt eben erkennen, welches Potential in ihrer Altstadt steckt.

Ein letztes Mal macht Biraj dann noch Halt auf unserer Tour durch Old Dhaka. „Hier hab ich als Kind gewohnt“, sagt er und zeigt auf eine riesige Baustelle. Bagger dröhnen um einen achtstöckigen Rohbau. Und Affen sind weit und breit nicht zu sehen.