7-64M3 00000001₂ — Raum

Raum

Da sitzt er, T, ein Informatiker aus Berlin, inmitten dieses weißen sterilen Raums ohne Fenster. Braunhaarig, Dreitagebart tragend — ein jung wirkender Mann von 35 Jahren. Sein Outfit — Hauptstadt-Hipster-Klischee: Leicht verwaschene dunkle Jeans, braune Leder-Sneaker, lässiges Hemd und dunkles T-Shirt. Am linken Arm trägt er eine analoge Segeluhr mit blauem Ziffernblatt und braun gemustertem Lederarmband. Sie haben T mit Handschellen an einem Tisch inmitten des Raumes fixiert — so wie man es aus Verhörszenen amerikanischer Polizeiserien kennt. Doch dies ist nicht Amerika, sondern Deutschland. Und dies ist auch kein normales Verhör durch die Exekutive eines souveränen Staates.

Die Gründe, die zu seiner Anwesenheit heute hier und jetzt führten, sind vielfältig. Man kann auch nicht behaupten, dass er unschuldig ist — also “unschuldig” im klassischen, moralinsauren Sinne. Aber das mit der Schuld ist eh so eine Sache. Soweit er weiß, bedarf es für juristische Schuld Vorsatz, beziehungsweise bewusste oder wenigstens fahrlässige Entscheidungen zur Durchführung von Handlungen, welche zu Resultaten führen, die als strafbar erachtet werden. Aber ist eine KI zu bewussten Entscheidungen fähig? Und viel wichtiger: Ist eine KI in der Lage, bewusste und unbewusste Entscheidungen zu erkennen, sie zu klassifizieren und gegebenenfalls sogar juristisch zu bewerten? T ist natürlich keine KI, weshalb diese Fragen in seinem Verhör auch nur indirekt eine Rolle spielen werden. Das Spiel an dem T teilnahm und die Missionen die er “gespielt” hat, werden allerdings von einer KI gesteuert. Vielleicht wird die KI des Spiels aber auch von einer Gruppe von Administratoren gesteuert. Oder die KI steuert die Administratoren, die wiederum das Spiel steuern? So genau weiß das wohl keiner. T war so weit im Spiel aufgestiegen, dass er Vorschläge für neue Missionen erstellen konnte. Dies wurden wiederum vom Spiel interpretiert, bewertet und im besten Fall weiteren Mitspielern vorgeschlagen. T ist zwar kein Jurist, aber mit dem Beschreiben von Regeln kennt er sich gut aus. Mit dem Befolgen selbiger, selbst seiner eigenen, nicht so sehr — ein Grund, weshalb er sich nun in dieser misslichen Lage befindet.

T atmet langsam und sehr bewusst ein und aus und versucht sein Stressniveau zu senken. Seine Gedanken rasen. Mögliche Szenen, Bilder, Fetzen von potenziellen Frage- und Antwortkonstellationen rauschen durch seinen Kopf. Wie kann er aus dieser Situation nur wieder heil herauskommen? Macht es überhaupt einen Unterschied? Für die Idee? Für die Sache?

T hat nicht mitbekommen wie der Mann in den Raum trat. Vielleicht war er aber auch schon die ganze Zeit im Raum. Die Tür befindet sich hinter T — glaubte er jedenfalls. Seine Fesseln hindern ihn daran, sich komplett nach hinten umzudrehen. Der Mann trägt einen schwarzen Anzug mit schwarzen Schuhe und einem weißen Hemd. Seine rote Krawatte wirkte lächerlich deplatziert, doch T ist sich sicher, dass sie den Rang des Mannes in der Organisation anzeigt. In Kombination mit seiner Glatze und den starren Augen wirkte dieser Mann in der Summe wie ein intelligenter doch eiskalter, brutaler Typ, der auch schon mal Finger bricht, um an Informationen zu gelangen. “Ich nehme an Sie wissen warum Sie hier sind?” sagt der Mann im schwarzen Anzug. “Viel wichtiger für Sie ist allerdings die Frage wo und wann Sie sind”. T ist irritiert doch der Mann hatte recht: Das warum konnte er sich denken, aber auch wenn er sich anstrengte konnte er nicht genau sagen wie er eigentlich hierher gekommen ist, geschweige denn wo dieses hier eigentlich ist. Bei der Betrachtung des Raumes fällt ihm auf wie gleichmäßig die Oberflächen von Wand, Decke, Stuhl und Tisch gestaltet sind. Auch die Haut seiner Arme und Hände sowie die Gesichtszüge seines Gegenübers wirken unnatürlich gleichmäßig gezeichnet. “Ganz recht” sagte der Mann “Dies ist ein Verhör-Konstrukt. Wir haben also alle Zeit der Welt, wobei Zeit eigentlich der falsche Begriff ist.” T erstarrt vor Schock. “Wa… wan…” — T versuchte einen Satz zu Bilden, doch dies fiel ihm sichtlich schwer. “Ersparen wir uns dieses Gestammel! Wir haben dieses Gespräch schon tausende Male geführt und wir werden es noch tausende Male führen — oder jedenfalls solange wie es dauert, um alle Informationen zu erhalten, die für uns von Wert sind. Und versuchen Sie mir nicht Geschichten zu erzählen: Ich kenne sie bereits alle!”


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