
Hilfe, ich bin permanent online!
Permanently online, permanently connected.
Wir leben im Zeitalter der Smartphones, Watches und Tablets. Eine Epoche, in der wir den Zugang zum Internet stets in der Hosentasche, am Handgelenk oder gar in der Brille tragen. Wir sind permanent online.
Ich studiere Onlinekommunikation. Ich arbeite als Webentwickler. Ich lebe und networke im digitalen Netzwerk. Auch ich bin permanent online.
„Musst du als #onkomm-Student jetzt rund um die Uhr online kommunizieren? Heute schon etwas gepostet?“
Mein Studium und mein Beruf setzen es quasi voraus, dass ich online bin. Aber mir selbst wird klar: Ich bin es eindeutig zu viel und zu lange.
Ein Tag permanent online
Früh am Morgen
Mein Tag beginnt früh am Morgen mit dem Klingeln des Weckers. Der Wecker: eine Smartphone-App natürlich. Einen klingelnde Uhr habe ich lange nicht mehr. Beim Ausswipen der Wecker-App stelle ich unweigerlich fest, dass ich neue E-Mails erhalten habe und checke diese sofort. Zwar sind es fast jeden morgen nur nervige Newsletter, die ich irgendwann mal bestellt habe, doch sind es gerade diese, die mich zu früher Stunde schon ans Smartphone fesseln. Beängstigend.
Nachdem ich durch kurzes Blicken auf die Uhr bemerke, dass ich schnellstens unter die Dusche sollte, ploppen auch schon die ersten Benachrichtigungen von meinen sozialen Netzwerken auf. Twitter erzählt mir, welche Hashtags gerade im Trend sind und Facebook erinnert mich an eine Veranstaltung am morgigen Tage. Online.
Unterwegs
Den Bus habe ich nach der Dusche längst verpasst. Laufen ist angesagt. Bis zum Bahnhof sind das schon mal 30 Minuten. Eine halbe Stunde, in der ich gefühlte sechzig mal mein Smartphone aus dem Wintermantel zücke und einfach nur den Homescreen anklotze. Angetrieben von dem ständigen Gefühl, es würde vibrieren und ich konnte etwas verpassen. Keine Benachrichtigung. Der morgen ist still. Meine rechte Hand längst gefroren. Am Bahnhof angekommen ein letzter Blick in die Bahn-App. Verspätung angekündigt? Fehlanzeige.
Im späten Zug angekommen habe ich Zeit mich durch sämtliche Feeds zu navigieren. Twitter, Facebook, E-Mails. Nach ein paar Däumchen, Herzen und Retweets ist es Zeit sich zurückzulehnen. Meine Hand ist durch das viele Swipen und Tippen wieder aufgetaut. Ich packe mein iPad aus, öffne Google Drive und lese mir die Vorlesungsfolien durch. Das Dokument habe ich, wegen fehlendem Sim-Slot, bereits gestern auf mein Tablet geladen.
Auf dem Weg zum Campus muss ich wieder laufen. Die Musik aus der Play Music-App läuft und weitere Benachrichtigungen trudeln auf meinem Smartphone ein: Neuer Kontakt auf Xing, neue Pinnwand auf Pinterest und ein neuer Post in der Facebook-Gruppe meines Studienganges. Online.
Im Studium
Auf dem Campus angekommen sind mein Smartphone und mein Tablet gleich mit dem W-Lan verbunden. Die Verbindungsdaten sind selbstverständlich gespeichert.
In der Schlange vor der Café-Theke bittet mich die Swarm-App um einen Check-In am Mediencampus. GPS-Zauber. Meinen liebevoll dekorierten Kakao lichte ich für Instagram nochmal ab. Online.
Die Vorlesung zu Onlinekommunikation beginnt. Google hilft mir bei Fachbegriffen, OneNote speichert meine Notizen in der Cloud und Twitter erheitert mein Gemüt bei der anschließenden Übung. Die Übung ist eine willkommene Abwechslung zum ständigen Blick auf das schwammige Beamer-Bild: Wir alle starren auf unsere ultrascharfen Laptop und Tablet-Bildschirme.
So geht es den ganzen Morgen. Meine Gerätschaften liegen stets vor mir auf dem Tisch. Meinen College-Blog, den ich mir zu Anfang meines Studiums noch besorgt hatte, ist längst verschwunden. Einen Stift mit Tinte habe ich mir erst für die Klausuren gekauft.
In der Pause esse ich in der Mensa und öffne nebenbei Medium. Erste Notizen für meinen nächsten Blog-Beitrag entstehen. Zeit zum Konkretisieren der Gedanken habe ich nicht, denn wichtige E-Mails treffen ein. Am Handy gefesselt checke ich gleich nochmal Twitter und retweete einen interessanten Artikel, geteilt von einem Medienmenschen. Online.
Webworker
Wieder zu Hause angekommen geh ich auch schon gleich an die Arbeit. Meine eigene Website steht wieder auf dem Plan. Nach mehrmaligen Googlen nach Best Practise Umsetzungen meines Vorhabens verirre ich mich wieder in der digitalen Onlinewelt. Kurz vorbeigehuscht auf dribbble lande ich schließlich auf einem meiner liebsten Web Design-Blogs. Ablenkung.
Mir kommen neue Ideen und ich mache weiter. Weborientiert. Tests auf Smartphone, Tablet und Desktop gehören dazu. Immer mit den Augen und Fingern auf einem Bildschirm. Ich mache mir einen Tee und bin fast schon erleichtert, dass mein Wasserkocher keinen Display besitzt. Ich arbeite weiter. Online.
Kontakte pflegen
Ich werde wieder abgelenkt: mein Handy vibriert. Meine Freunde unterhalten sich auf Hangouts. Ich beteilige mich und nutze die Gelegenheit und starte auch Gespräche auf WhatsApp. Soziale Kontakte wollen gepflegt werden, vor allem jetzt, wo ich nicht mehr in meiner Heimat bin.
Erneut lande ich auf Facebook. Der Feed ist vollgemüllt mit Nachrichten und Links. Ich finde mich nicht mehr zurecht. Das Chaos herrscht, doch bin ich gefesselt. Kollegen, Freunde und Bekannte. Alle posten ihr Leben. Wie jeden Tag. Ich vergebe obligatorische Däumchen, verfasse ein paar Kommentare und zu interessanten Veranstaltugen sage ich auch noch zu. Ich bestelle mir Konzertkarten. Online.
Spät am Abend
Es ist spät, ich gehe zu Bett. Nur noch eine Folge Scrubs auf Amazon Prime Video möchte ich sehen. Die letzten Nachrichten landen auf meinem Handy. Wieder erreichen mich Newsletter, Herzchen, Däumchen und Textnachrichten. Sie müssen warten. Mein Akku meldet Energiesparmodus an. Feierabend.
Aus einer Scrubs-Folge wurden mittlerweile fast drei. Ich schlafe ein. Meine Geräte sind nun am Ladegerät. Immer noch: Online.
Permanent online. Permanent verbunden.
POPC, FOMO, Smombie, Internetsüchtig
24 Stunden am Tag online. Mit dem Smartphone, Tablet oder dem Notebook. Eine Verbindung ins Internet ist immer irgendwie da. W-Lan zu Hause und auf dem Campus. Mobiles Netz überall, sogar im Zug. Ich bin POPC (permamently online, permamently connected).
Das schlimmste daran: Ist man mal im Funkloch oder das Handy in der Hosentasche greift die Angst ein. FOMO — Fear of missing out. Ständig quält mich das Gefühl, mein Smartphone hätte vibriert oder das Benachrichtigungs-LED würde leuchten. Ich könnte ja etwas verpassen.
Kein Wunder also, dass ich als Smombie (Smartphone+Zombie) durch die Straßen laufe, mein Handy ständig aufwecke und dann enttäuscht bin, dass alles nur Einbildung war.
Beängstigend, wie digital mein Alltag mittlerweile geworden ist. Wie oft und lange ich im Internet unterwegs bin. Welche Paranoia ich entwickele.
Ein #onkomm-Barcamp und letzten Endes auch eigene Beobachtungen haben mir eines gelehrt: Es ist Zeit was zu ändern.
Konsequenzen ziehen
- Bei meinem nächsten Semester wird der College-Block wieder eingeführt, Tablet nur für Recherchearbeiten.
- Das Handy bleibt unterwegs in der Hosentasche.
- Die Benachrichtigungen von meinen mobilen Apps werden ab sofort gefiltert. Nur noch wichtige und relevante Infos erreichen mich mobil.
- Der Flugzeugmodus findet endlich öfters mal seine Daseinsberechtigung, auch ohne Flugreise. Nachts. Während der Lernerei. In der Vorlesung.
- Am Abend lese ich ein Buch oder höre Musik zum Einschlafen. Ganz ohne Bildschirm. Vielleicht hilft auch Sport oder warmer Tee.
Ich mache einen langsamen, aber hoffentlich wirksamen Entzug. Mit dem Ziel: Permanent offline.
Na, auch ein FOMO oder Smombie?