Social TV: Wie Social Media das Fernsehen verändert

Fernsehen ist im Wandel und Social Media hat dabei eine große Mitschuld. Verändertes Konsumverhalten, neue Programmideen und teilweise sogar das Verschmelzen von Fiktion und Wirklichkeit.

Ich besitze keinen Fernseher mehr. Aber ehrlich gesagt vermisse ich auch keinen, denn das, was ich sehen möchte, kann ich mir im Netz anschauen. Oft On-Demand, manchmal aber auch live. Und dennoch bin ich bestens informiert, was so im TV läuft, denn das Medium interessiert mich immer noch ungemein. Ich versuche es zumindest. Vor allem das Phänomen Social TV ist ein Gebiet, wofür ich mich sehr begeistern kann.

„Social TV ist die Erweiterung von Social Media in den Fernsehbereich hinein,
indem sich Nutzer während des Fernsehens oder im Anschluss daran in sozialen
Netzwerken oder entsprechenden Plattformen zu den Programminhalten
äußern.“ *

„Fernsehen ist tot.“ – Schon vor zehn Jahren kursierten solche Headlines durch die Medien und viele waren im Glauben, das Fernsehen würde in den nächsten Jahren zunehmend an Bedeutung verlieren. Doch noch immer laufen in vielen deutschen Haushalten die Flimmerkisten im Wohnzimmer. Über Inhalt und Qualität der Sendungen und Showformate lässt sich sicherlich streiten, doch eines muss man den Fernsehmachern hierzulande zusprechen: Sie wandeln sich. Sie werden interaktiver.


Web TV als Fernseh-Ersatz

Die Revolution von Web 2.0 und ein fortschrittlicher Breitbandausbau haben dazu geführt, dass multimediale Inhalte mit hohem Speicherbedarf für fast jeden Deutschen im Netz verfügbar sind.

Vorreiter in Sachen Onlinefernsehen ist dabei ohne jeden Zweifel die Videoplattform YouTube. Nicht umsonst hat Google vor zehn Jahren das damalige Start-up aufgekauft und es zu einem der wichtigsten Content-Anbietern im World Wide Web gemacht.

Die non-linearen Videos führen zu einem zeitunabhängigen Konsum der Zuschauer. Immer mehr deutsche Produktionsfirmen reagieren darauf, wodurch heute reine Web-Serien entstehen, beispielsweise „Der Lack ist ab“ von MyVideo/ProSiebenSat1, oder das für Amazon Instant Video angekündigte Hacker-Drama „Wanted“ mit Matthias Schweighöfer.

Doch trotz dieser Entwicklungen ist das lineare Fernsehen nicht – wie vorausgesagt – tot. Erst vor einem Jahr hat sich das Internet-Start-up „Rocket Beans TV“ gegründet, mit der Aufgabe einen Online-Sender anzumelden, der 24 Stunden am Tag ein lineares Fernsehprogramm ausstrahlt.

Aber auch die deutschen Fernsehanstalten reagieren auf den VoD-Markt und haben längst Mediatheken und Videoplattformen für ihre Fernsehsendungen entwickelt, die dort zeitweise und teilweise kostenpflichtig als Streaming-Video abgerufen werden können – inklusive linearer Livestreams parallel zum Fernsehen.


3 Beispiele für Social TV

Durch die zunehmende Verlagerung ins Internet, hat sich Social TV durchgesetzt. Ich habe 3 Beispiele gefunden, die gut einzelne Elemente dieses neuen Fernsehens zeigen.

1– „Tatort“ — Paralleler Austausch mit Second Screen. 
Mann muss wahrscheinlich hinterm Mond leben, um die Sonntagabend-Krimireihe der ARD nicht zu kennen. Tatort lockt immerhin jeden Sonntag durchschnittlich bis zu 13 Millionen Menschen vor die Empfangsgeräte. Und an dieser Sendung kann man vortrefflich den Second Screen-Trend beobachten.

(c) ARD (2013): Tatort: Die fette Hoppe.

Zuschauer kommunizieren auf einem zweiten Bildschirm wie Smartphone oder Tablet mit anderen Zuschauern über die Sendung. „Tatort-Twittern ist Kult“, wie Die Welt bereits 2012 in einem Artikel über Social TV bemerkte. Längst hat die Serie einen eigenen Account bei Twitter und tweetet regelmäßig über aktuelle Tatorte, die als Wiederholung oder Erstausstrahlung in den ARD-Kanälen laufen. Sonntags zur Primetime ist das offizielle Hashtag #Tatort häufig in den Deutschland-Trends vertreten. Oft müssen sich die Fernsehanstalten der öffentlich-rechtlichen ARD neben Lob und Ideen auch Kritik annehmen, da das parallele Kommunizieren zum Rezensieren einlädt.

Doch der Microblogging-Dienst Twitter ist nicht die einzige Plattform, welche die ARD zum „sozialen Fernsehen“ nutzt. Ausgewählte Sendungen sind auf der eigenen Website mit Kommentarfunktion und Anbindung an Social Media-Kanälen ausgestattet, womit die Möglichkeit besteht, direkt im Web oder über eigene Mobile Apps Sendungen zu kommentieren.

2– „Chat Duell“ — Altes Konzept wird interaktiv
Ein Sendeformat, welches von Interaktion mit den Zuschauern lebt, ist „Chat Duell“. Die Show ist eine Produktion von Rocket Beans TV. Viele assoziieren die Bohnen wohl mit einem Nischen-Sender, für Gaming-interessierte sind sie klarer TV-Ersatz. Wenn nicht, hiermit sei eine ausdrückliche Empfehlung für den Internetsender ausgesprochen.

Die Prime-Time-Show „Chat Duell“ des Senders wird live ausgestrahlt und ist angelehnt an das Konzept der in den 90er Jahren ausgestrahlten Rate-Show „familien duell“. Zwei Teams treten in Fragerunden gegeneinander an, die meistgenannten Antworten, die bei Umfragen gestellt wurden, zu raten.
In der Neuauflage werden den Zuschauern Fragen eingeblendet, die sie im Chat beantworten sollen. Anders als beim Original ist die Anzahl, der an den Umfragen teilnehmenden Nutzer also nicht auf hundert Menschen beschränkt – die Top-Antworten werden als prozentualer Anteil ermittelt.
Ohne den Chat, hinter dem eine große Community steckt, ist das Sendeformat nicht möglich, da nur durch interaktive Teilnahme der Zuschauer die Sendung funktionieren kann.

Screenshot: (c) Rocket Beans TV(2015): https://youtu.be/OncvdaFFsN8, Twitch-Chat nachgestellt.

Das zeigt, welches Potential Social Media auf Fernsehformate haben. Allerdings ist das Konzept der außenstehenden Mitbestimmung nur in Liveproduktionen möglich, da der Chat in On-Demand-Inhalten und Aufzeichnungen nicht ins Spielgeschehen eingreifen kann. Trotzdem findet Kommunikation über die Sendung auch nach Ausstrahlung in den Kommentaren der hoch geladenen YouTube Videos statt. Das dadurch erhaltene Feedback wird immer wieder von der Produktionsfirma aufgenommen und in folgenden Sendungen berücksichtigt.

3– „Berlin — Tag & Nacht“ — Wenn Fiktion und Wirklichkeit verschmelzen. 
Seit fast 5 Jahren läuft auf dem Privatsender RTL 2 die Erfolgsserie „Berlin — Tag & Nacht“. Auch wenn die Macher sich mit harter Kritik gegen die Scripted-Reality-Soap auseinandersetzen müssen – und ich persönlich auch nicht wirklich viel mit der Serie anfangen kann – so verzeichnet das Format dennoch einen immensen Erfolg. Und das sieht man nicht nur an den Quoten und diversen Ablegern. Nein, Social Media-Aktivitäten sind hier auch von Bedeutung. Auf der Facebook-Seite von BTN haben sich inzwischen mehr als 3 Millionen Fans eingefunden, welche die täglichen Einträge der Produktion verfolgen.

Facebook wird als Werkzeug der Zuschauerbindung genutzt und regt zum „sozialen Fernsehen“ – durch Reaktion und Kommunikation. Inhalte der Beiträge sind dabei Gedanken und Hintergrundinformationen, die so direkt nicht in der Serie Platz gefunden haben, oder diese ergänzen. Das Besondere an der Social Media-Strategie: Serie und Wirklichkeit verschmelzen. Fast alle Posts werden aus der Sicht der in der Soap agierenden Personen verfasst. Und schaut man sich mal die Kommentare der Community an, bemerkt man, dass die Fans die Illusion haben, direkt mit den dargestellten Personen zu kommunizieren. Manchmal kann ich da nur den Kopf schütteln, aber es funktioniert. Die Strategie hat dazu geführt, dass sich eine große Fanbase aufbauen konnte, wodurch die auf zunächst 120 Folgen konzipierte Serie bis heute läuft.


Fazit

Neue Web-only-Fernsehgesellschaften wie Rocket Beans TV sind auf soziale Interaktion mit einer Community in Social Media-Kanälen angewiesen. Chat Duell ist dabei nur ein Beispiel von Sendungen, die durch Social TV-Elemente funktionieren. Die direkte Feedback-Möglichkeit führt zu Qualitätsverbesserung, Ideen und Vorschläge der Community werden als
Input für neue Formatideen genutzt und ganze Sendungskonzepte basieren auf der Interaktion mit den Zuschauern.

Diese Tatsache wird auch den klassischen Fernsehsendern bewusst, die mit eigenen Apps und Mediatheken den Zeitgeist treffen und sich um eine soziale Kommunikation mit den Zuschauern bemühen. Sei es als Second-Screen-App oder direkt über Social Media-Plattformen. Sendungen wie „Tatort“, „IBES“ oder „The Voice of Germany“ sind regelmäßig Trending Topic auf Twitter, zahlreiche Serien sind mit Fanseiten auf Facebook vertreten und diverse Shows greifen auf Input aus den sozialen Netzwerken zurück.

Fernsehen wird sozialer. Fernsehen wird interaktiv. Fernsehen lebt.


*Buschow C. et al. (2013), zit. aus dem Engl. nach: Research and Markets (Hrsg.) (2010): Social TV and the Emergence of Interactive TV.



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