„Vergesst die Klausur. Wir machen Barcamps!“
Patrick Schumacher
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Warum studieninterne Barcamps jeder Vorlesung und jedem Seminar trotzen können.

Barcamps im Studium. Eine Verantstaltungsform, die sich von herkömmmlichen Vorlesungen und Seminaren maßgeblich unterscheidet. Und das durchaus positiv. Ein Fazit.

Ich habe bereits davon berichtet, dass wir im ersten Semester des Onlinekommunikation-Studiums am Mediencampus der Hochschule Darmstadt studieninterne Barcamps veranstalten. Barcamps als Lehrveranstaltung im Web Literacy Lab. Vier davon liegen nun hinter uns, das Wintersemester neigt sich dem Ende. Höchste Zeit das Ganze Revue passieren zu lassen und ein allgemeines Fazit zu ziehen.

Studieninterne Barcamps

Als Einstieg und Verständnisgrundlage eine kurze Zusammenfassung, wie die studieninternen Barcamps bei uns abgelaufen sind.

Die Dozenten geben Themen vor, die anschließend an kleinere Gruppen verteilt werden. Die Sessioninhalte werden mit Hilfestellungen der Dozenten in den Teams intern konzipiert, entwickelt und für eine 45 minütige Sitzung aufbereitet. Im Fokus stehen Interaktion und Meinungaustausch.

Die Durchführung erfolgt in der ganzen Gruppe und wird mit einer Pitch-Runde eingeleitet. Innerhalb von wenigen Minuten überzeugen die Gruppen alle anwesenden Kommilitonenen, ihre Session zu besuchen um sich aktiv auszutauschen. Pro Barcamp laufen sechs Sessions, drei Stück davon immer parallel.

Als Nachbereitung wird eine Dokumentation erstellt. Sie ist Bestandteil eines Lernportfolios, welches jeder Kommilitone im Laufe des Semesters als Leistungsnachweis erstellt. Inhalte sind dabei u. a. Dokumentationen, Leitfragen, sowie Blog-Artikel, die sich mit behandelten Themen auseinandersetzen.


Barcamps finde ich super, weil…

Ja, ich bin immer noch begeistert von den Barcamps. Ich liebe diese offene, praktische Veranstaltungsform.

Kreativität, Spaß, Offenheit

Es ist kaum zu glauben, wie kreativ manche meiner Mitstudenten beim Pitch ihrer Barcamp-Session vorgegangen sind. War ich der Annahme, dass man mit zwei Sätzen gut pitchen und damit seine Kommilitonen davon überzeugen kann, die eigene Session zu besuchen, so kam dann doch alles anders.

Der Duft von Kuchen und Brownies als kleiner Bestechungsversuch konnte einigen Kommilitonen die Entscheidung für die richtige Session recht einfach machen.

Andere überzeugten mit selbst produzierten Videos, verrückten Ausdruckstänzen oder inszenierten Theaterstücken in zweiminütiger Ausführung. Eine Reihe an kreativen Ideen, die ich mir für einen Pitch nie hätte einfallen lassen, weil ich es von Barcamps nicht gewohnt war.

Doch das alles funktionierte. Die offene lockere Veranstaltungsform ermöglicht es, kreativ zu sein. Die Session an sich wurden abwechslungsreich, ohne übermäßige Folienschlachten umgesetzt und regten zu aktiven Austausch während und nach den Barcamps an.

Komunikation, Argumentation, Diskussion

Aktiver Autausch. Kommunikation in seiner schönsten Form durch Barcamps. In der Gruppe, während Diskussionsrunden oder online auf Twitter.

Um Sessions für ein Barcamp zu entwickeln, mussten wir in Teams zusammenarbeiten. Die erfolgreiche Arbeit hatte in großen Teilen Erfolg durch ein kommunikatives Miteinander. Jedes Mitglied hatte Einfälle und Meinungen, die in die Sitzung einfließen durften, je nachdem ob es argumentativ überzeugen konnte.

Die Barcamps an sich waren allesamt so konzipiert, dass wir in Diskussionsrunden zusammensaßen und über die referierten Themenpunkte offen reden konnten. Verschiedene Ansichten zu den präsentierten Inhalten wurden miteinander diskutiert und die gefundenen Ergebnisse in Dokumentationen und Blogs niedergeschrieben. Nahezu jeder konnte seine Meinung zum Thema äußern. Sowas ist in dieser Ausführlichkeit in herkömmlichen Vorlesungen, aber auch in interaktiven Seminaren nur selten, bis nahezu nie möglich.

Auch digital war ein reger Austausch zu beobachten. Setzten einige ihre Tweets nur für das Lernportfolio ab, waren andere auch außerhalb der Barcamps fleißig am Kommunizieren. Themen aus den Sessions wurden online einfach weitergeführt und endeten letzten Endes in zahlreichen Blogs.

Relevant war letzter Punkt vorallem für uns Studierende der Onlinekommunikation, da es Schwerpunkt unseres Studiums ist.


Aber: Barcamps haben Schwächen, da…

Genug geschwärmt von den Barcamps. Leider mussten wir während und nach den von uns organisierten Veranstaltungen feststellen, dass das Barcamp an sich, trotz den oben genannten Punkten, nicht dem Idealtyp von Lehrveranstaltung entspricht.

Parallelität von Sessions

Barcamps sind von natur aus so konzipiert, dass Teilnehmer sich entscheiden müssen, welche Session sie besuchen wollen — je nachdem, welches Thema (oder welcher Pitch ;-)) locken konnte. Das ist zwar einerseits ein gutes Konzept, da auf eigene Interessen und Vorlieben mehr oder weniger eingegangen wird, allerdings wird durch die Parallelität der Sitzungen verhindert, dass man alle Sessions besuchen kann.

Jede Session wird von einer zugeordneten Gruppe konzipiert und realisiert. Das komplette Team ist während der eigenen Session anwesend, denn jeder übernimmt eine Aufgabe: Sei es Fotografie, Präsentation oder das Zwitschern auf Twitter. Sitzt man nun in seiner eigenen Session kann man zwangsläufig an parallelen Veranstaltungen nicht teilnehmen.

Selbst, wenn man gerade keine Session vorbereitet hat, ist man ständig gezwungen zu wählen. Und ganz im Ernst: Die Entscheidung, ob man an einer Session über Dark Web oder Internetsucht teilnimmt, kann verdammt schwierig werden.

Einzelne Sessions zu verpassen, führt zwangsweise dazu, dass relevante Lerninhalte manchen Studierenden also nicht vermittelt werden. Diese müssen nachträglich über das Lesen von Dokumentationen, Blogs und Tweets selbst angegeignet werden.

Studiengänge

Nun ist die Frage noch offen, ob Barcamps überhaupt in jedem Studiengang sinnvoll umsetzbar sind. Ich mag das leider zu bezweifeln. Ein Modul müsste so konzipiert sein, dass Barcamps zeitlich zu bewerkstelligen sind. Zudem ist eine inhaltliche Aufbereitung aller relevanten Lehrinhalte von Nöten. Damit Barcamps allerdings funktionieren, muss man über Inhalte diskutieren können, da Meinungsaustausch im Mittelpunkt steht.

Gut vorstellen kann ich mir das bisher nur in interdisziplinären Studiengängen, wie Medien oder auch Psychologie. Bei eher faktischen Disziplinen, beispielsweise Mathematik oder Informatik, sehe ich da leider weniger Potential, Inhalte über Barcamps zu vermitteln. Aber sehr wahrscheinlich lieg ich damit wohl doch falsch. Ich bin ja leider noch nie in den Genuss gekommen, in andere Studiengänge reinzuschnuppern. ;-)


Barcamps im Studium. Ein Fazit.

Universitäten, aber im Besonderen Fachhochschulen sollten öfters den Weg gehen, solche offenen, selbstorganisierten Veranstaltungsformen in Module zu integrieren. Der praktische Lerneffekt und das selbstständige Auseinandersetzen mit Lerninhalten sind klare Pluspunkte gegenüber Folienschlachten in sehr langatmigen Vorlesungen mit Klausur als Leistungsnachweis.

Barcamp im Studium? Ja, bitte!



Na? Ich freu mich über deine Meinung zum Thema Barcamps im Studium.