Ethnopluralismus

Was ist Identität? Was ist Kultur? Was macht “mich” aus?
Zeiten, in denen fast alles unsicher zu sein scheint — die Finanzen, das Klima, die Politik und der eigene Arbeitsplatz — findet eine Bewegung statt, die sich anmaßt, dies alles beantworten zu können.
Es geht um den kultähnlichen Ethnopluralismus, dessen “Fachbegriff” vor Zynismus implodiert und von Rechtsradikalen als pseudo-wissenschaftliche Rechtfertigung für ihre Ideologie hochgehalten wird.

Nein, es ist nicht möglich, sich wie Pilatus von Schuld und Dummheit abzuwaschen, in dem man Ethnopluralismus als scheinbar gut gemeinte Weltanschauung wie ein Schutzschild vor sich schiebt.
Ein funktionierender Ethnopluralismus wäre nichts weiter, als eine gemeinsam entworfene Apartheid, eine freiwillige, grausame “Rassentrennung”. Anscheinend der feuchte Traum aller Radikalen im Nadelstreifenanzug.

Denn das Gefährliche an der Idee des Ethnopluralismus ist, dass sie für alle Nationalisten verführerisch klingt und Radikale — ironischerweise über alle Kulturen hinweg — miteinander verbindet. Rechtsradikale, international vereint im Wunsch nach ewiger Trennung. Wenn die Sachlage nicht so ernst wäre, wäre es zum kaputtlachen.

Der Aufstieg vom Ethnopluralismus ist das Ergebnis des Scheiterns der misslungenen Integrationspolitik. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern speist sich aus beiden Richtungen. Werden keine Angebote bereit gestellt und verliert sich das Interesse, so sind Paralelgesellschaften nicht weit weg — von dort aus ist es zum Ethnopluralismus nicht mehr fern.

Parteien wie die AfD, Front National oder PVV sind sogenannte Ghettos in ihren Städten gar kein Dorn im Auge. Im Gegenteil, da Ghettos eine multikulturelle Gesellschaft verhindern, ist es diesen Parteien eher gelegen, diese Trennung nicht nur räumlich, sondern auch geistig endgültig zu vollziehen. Schlimmer noch, der Ethnopluralismus ist die perfekte Begründung dafür, dass Paralelgesellschaften besser sind, als das gemeindschaftliche Zusammenleben der Kulturen.

Gerade unter Aussiedlern, Einwanderern und PoC in der zweiten, dritten und vierten Generation wirkt Ethnopluralismus mit großer Anziehungskraft.
In der Ferne wird oft Halt im Vertrauten gesucht, die zum Teil rationale, aber auch irrationale Angst vor der Assimilation zieht Einwanderer immer stärker in eine Abwehrspirale.

Mir wurde in einer Unterhaltung mit einem Aussiedler tatsächlich das Paarungsverhalten von Guppys und anderen Fischen im Aquarium als Beispiel dafür genannt, warum artfremde Partner quasi sittenwidrig sind: Die Natur macht es nicht, daher muss es falsch sein.
Dass wir Menschen um einiges weiterentwickelt sind als Guppys und Guppys weder Weltkriege noch Kolonialisierungen angezettelt haben (und keine Globalisierung in Sachen Finanzen und Handel antreiben), wurde dezent ignoriert.

Leider ist die multikulturelle Gesellschaft als großes Ganzes ist viel zu abstrakt und nicht greifbar — das, was die Mehrheit aller Menschen am meisten interessiert, ist immer noch das, was vor der eigenen Haustür (oder im Aquarium) passiert. Und in Zeiten der Unsicherheit ist es immer einfacher, sich nach Innen abzuschotten, anstatt die Tür aufzustoßen und mutig in’s Ungewisse zu gehen.

Multikulturell zu sein, bedeutet nicht, seine Kultur und seine Identität aufzugeben, sondern, sich vieles anzueignen. 
Wie heisst es so schön in Doctor Who:

“We all change, when you think about it. We’re all different people all through our lives. And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving, so long as you remember all the people that you used to be.”
- Doctor Who

Kultur ist Erinnerung. Geschichte ist Kultur. Wissen ist Kultur. 
Unsere Kultur und auch die Identität sind kein starres Gerüst; beides baut auf dem Fundament der eigenen Lebensgeschichte auf, auf dem angeeigneten Wissen und auf den Menschen, denen wir begegnen und lieben, hassen, verehren. 
Ethnopluralismus bedeutet Stillstand, es kann keinen Fortschritt geben. Keine Innovation. Das Gegenteil einer lebendigen Kultur und Identität.

Meine Identität ist ein Spiegel aller Erlebnisse meines Lebens; meine Kultur definiere ich über mein Wissen, das ich mir angeeignet habe. 
Immer in Bewegung, immer in Entwicklung.

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