Kulturelle Aneignung — Marvel, Matt Damon und Gähn

Die Linie bei der cultural appropriation zu ziehen ist schwierig: Einerseits möchte keiner der Paranoia verfallen und hinter jeder Ecke eine Verschwörung sehen (Aluhut lässt grüßen!), andererseits muss und soll frühzeitig sensibilisiert werden, wenn etwas nicht in Ordnung ist.

Wann fängt also Exploitation an, wann ist es Anerkennung — und bedarf es überhaupt einer Anerkennung? Einen guten Einstieg in Sachen kultureller Aneignung und wie man solche erkennt, liefert die Seite Everydayfeminism. — sie zeigt in einfachen Worten, warum kulturelle Aneignung kein Kavaliersdelikt ist und ungleiche Kräfteverhältnisse seit Jahrzehnten für falsche Konditionierung in unserem Denken sorgen.
Dass der Kontext des Sachverhalts und der betroffenen Person wichtig ist, um cultural appropriation zu definieren, wird verdeutlicht.

Als Beispiel nehme ich die Figur des Ancient One aus Doctor Strange, wo Tilda Swinton als mystisch-asiatisch anmutende Weise Benedict Cumberbatch, aka Doctor Strange, in einem wilden Mix aus Kampf- und Zauberkünsten unterweist. Anfangs ziemlich aufgebracht wegen des Whitewashings, bin ich nach dem Schauen des Filmes zu einer anderen Meinung gekommen.

Natürlich ist die Rolle des Ancient One auf dem ersten Blick mit Tilda Swinton komplett falsch besetzt, sie hat so gar nichts mit einem der Figur aus den Graphic Novels gemeinsam. Allerdings komme ich zum Schluss, dass es mit einem südost- oder ostasiatischen Schauspieler als Ancient One viel schlimmer gekommen wäre.

Wie klischeehaft wäre denn dieser Trope? Ein älterer, (ost)asiatischer, geheimnisvoller Großvater, der den jungen, wilden und weißen (ha!) Mann Dr. Strange in die physischen und mentalen Kampfkünste einführt?
Hatten wir schon oft, ich sage nur Karate Kid, und es ist zum Fremdschämen. Das wäre für mich im Film von Doctor Strange cultural appropriation gewesen — zum Glück wurde ein weiterer Charakter, die karikaturhafte Figur von Wong um einiges besser ausgestaltet. Mehr Tiefe — so weit es bei einer Nebenfigur geht — und eine höheren Stellenwert innerhalb des eigenen Film-Universums; das hat mich positiv überrascht.

Dass Marvel dagegen bei Iron Fist die Chance vertan hat, Into the Badlands Konkurrenz zu machen, hat die Enttäuschung über die Casting-Politik bei mir noch viel größer gemacht. An dem Desaster in Sachen Fehlbesetzung kommt aber bisher niemand an Emma Stone ran, sie spielte in Aloha eine chinesischstämmige Hawaiianerin (der Film floppte zu Recht — Mitleid habe ich keines). Die Schauspieler*innen können alle Nein sagen, dass sie das bei solchen Rollen nicht tun, das ist das Problem. Auch die verschwurbelten “Entschuldigungen”, warum sich keine PoC für die Rolle casten lassen — siehe bei Gods of Egypt (auch ein Flop) — sind nicht einleuchtend.

Ein ähnliches Problem von Whitewashing plagte auch die Live-Action Verfilmung von Ghost in Shell, aber diese Thematik ist im Manga- und Anime-Universum ein eigenes Problem, welches ganze Bücher füllt.

Warum schreibe ich das hier?
Ihr kennt bestimmt alle den Schauspieler Matt Damon. Also der, der als weißer Mann ganz China vor dem Übel bewahrt hat (und dabei floppte) und davor auch noch Zeit hatte, einer afroamerikanischen Filmemacherin ihre Welt und Diversity an sich zu erklären. Ha. Ha. Ha.

Ich hatte tatsächlich einen “Matt Damon Moment” — weiße Männer erklären mir meine Welt. Versteht mich nicht falsch — weiße Männer können mir gerne alles erklären, alles… außer wie ich meine Welt zu sehen habe, die ich als PoC durchaus durch eine andere Brille sehe. 
Wie heisst es im Film “A Time to Kill”: It’s how you was raised. (…) No matter how you see me, you see me different.

Sofern man (oder frau) nicht gerade Azealia Banks ist, wird es lächerlich, wenn Non-PoC in vielen glatten Worten zu erklären versuchen, wie ein PoC-Thema anzufassen ist und wie ich zu denken habe. 
Konkret ging es um ein Video der Gruppe Coldplay: Hymn for the Weekend; selbstverständlich ist das Video wunderbar ästhetisch und zauberhaft gedreht und übertritt elegant die Grenze zur cultural appropriation.
Hände ohne Sinn exotisch verknoten? Check. 
Alles bunt? Check. 
Kinder? Check.
Bollywood Stars? Check. (nur leider nicht als solche zu erkennen)
Cooler Backdrop (Indien)? Check.
Paar native Statisten? Check.
Und die Liste geht weiter und weiter: siehe The Guardian und Teen Vogue.

Dass dieses Video in der PoC-Community auch nicht ganz ohne Pro und Kontra vorüber ging, lässt sich bei Billboard und Browngirlmagazine gut nachlesen. Am Ende liegt es tatsächlich im Auge der Betrachter*in, wie er/sie das Video empfindet. Für mich ist es einfach nur ein plattes Wiederholen gängiger Klischees und dazu nicht mal gut vorbereitet.
Es ist keine “Anerkennung” oder “Liebeserklärung” an eine andere Kultur.
Wie das geht, zeigen andere Künstler viel besser.

Eines meiner liebsten Videos, welches ein gelungenes Zusammenspiel kultureller Eigenschaften zeigt, ist übrigens dieses hier:
https://www.youtube.com/watch?v=1gCulUDvALM

Eine Weiterentwicklung findet nicht mit der Inklusion des Landes als exotischer Statist statt. Nein, die Piano Guys zeigen hier, wie man es viel besser machen kann, ohne in den Fettnapf zu treten.

Zurück zur Coldplay-Diskussion. 
Einer der Kommentare in dem Diskussions-Thread war nichts weiter als “Gähn”. Das stach mir unter den anderen Beiträgen, egal ob ausholendes Geschwafel oder pointierter Hinweis, raus.
Denn ich bin ganz anders erzogen worden (ja, ja, früher war alles besser) und mir zeigte dieses Wort die Respektlosigkeit und den Wert, den dieses Thema für einige Leute besitzt (nämlich gar keinen).

Selbst wenn eine andere Meinung nicht akzeptabel ist, so toleriert man sie und geht in eine Diskussion. Oder hat das Verhalten mit einer Desensibilisierung zu tun, die sich im Geist ausbreitet, weil man mit einigen Dingen einfach nicht mehr behelligt werden möchte?
Philosophisch betrachtet, sagt mir ein Wort schon viel mehr, als endloses Gerede ;) Wenn aus charmanter, ehrlicher und ungefilterter Meinung am Ende nur noch Rüpelhaftigkeit übrigbleibt, dann ist es mir — nach Versuchen — eine ernsthafte Diskussion nicht mehr wert.
Wer mir nach einer ernsthaften Fragestellung und während einer Unterhaltung, sei sie in Person oder virtuell, nur ein Gähnen vor die Nase setzt, zeigt offen und unhöflich, wie uniteressiert er/sie ist. Und das ist sicherlich nicht nur in der ostasiatischen Kultur so, sondern auch überall.
Schon mal etwas von Gähnen ist Rost, Schweigen ist Gold gehört?
Ich schon (seit heute ;) ).

Wie dem auch sei, ich habe gelernt, dass Themen, die mir wichtig sind, bei anderen Menschen natürlich nicht den selben Stellenwert haben und sie es auch dementsprechend zum Ausdruck bringen.
Und ich weiß, wie ich mich auf keinen Fall verhalten werde: Gähn.

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