#DigitaleKirche und Diskriminierung

EINLEITUNG

Analoger und digitaler Leitartikel
Dieser Text ist ein Beitrag zur Debatte um den Artikel “Und wie wir wandern im finstern Digital” von Hannes Leitlein. Der Artikel erschien am 24.03.2017 unter der Rubrik “Digitales” auf der Plattform “zeit-online.de”. Veröffentlicht wurde er anscheinend schon zuvor in der Papierversion der Beilage “Christ und Welt” der Zeitung “Die Zeit”.

Analoger und digitaler Kongress
Die Veröffentlichungen des Artikels lagen damit zeitgleich zur Veranstaltung “DYNAMISSIO — der missionarische Gemeindekongress 2017”, welche vom 23.03. — 25.03.2017 in Berlin stattfand. Auf dem Kongress selbst wurde zumindest am Freitag, dem 24.03.2017, im “Forum Politik und Kultur 10” (FPK 10 / “Digitale Kirche in der Digitalen Gesellschaft?! — Wie kann gelebter Glaube im Internetzeitalter aussehen?”) teilweise ähnliche Themen verhandelt, wie im Artikel.
Mittlerweile scheinen die zumeist männlichen* Beiträge des Kongresses über die Videoplattform “vimeo” digital verfügbar zu sein.

Digitale Debatte
Noch während des Kongresses entwickelte sich, auch dank der digitalen Begleitung durch Karsten Kopjar (auf medientheologe.de) und Ingo Dachwitz, eine Debatte um das Thema eines Forums (FPK 10) und des Artikels.

Debatte zum Forum:
https://twitter.com/hashtag/DigitaleKirche
Social-Media-Wall zum Forum:
https://walls.io/79kQHYApv

Debatte zum Artikel:
https://twitter.com/papapastor/status/845400829817442304

Zudem wurden anschließend mehrere Artikel veröffentlicht, welche sich direkt auf den Zeit-Artikel bezogen:

Im folgenden Beitrag wird durch eine Analyse von Teilen der Debatte versucht, die Debatte selbst voranzutreiben und dabei bestimmte Perspektiven zu verstärken. Bezugspunkt ist vor allem der Artikel von Niklas Schleicher, welcher durch die Artikel von Ines Hansla und Hannes Leitlein an passender Stelle ergänzt oder kontrastiert wird.

PROBLEMATISIERUNG

Mangelnde Relevanz und Repräsentanz
Hervorzuheben ist Anfangs, dass in der bisherigen Debatte als Frau nur die Theologin Margot Käßmann genannt wurde und Frauen* bisher kaum beteiligt waren (erfreuliche Aunahme: Ines Hansla).

Nachtrag: Im Gastbeitrag “So geht Seelsorge online” vom 24.03.2017 kommen mit Friederike Erichsen-Wendt, Eva Schulz, Gesche Joost, Joana Lewandowski mehrere Frauen* zu Wort. Interessant sind hier auch die Kommentare.

Kirchlicher und (theologisch) akademischer “Oberbau”
Aus den Artikeln von Niklas Schleicher und Hannes Leitlein lässt sich herauslesen, dass sowohl Personen aus dem (theologisch) akademischen, als auch kirchlichen “Oberbau” keinen relevanten Raum im Bereich kritischer Auseinandersetzung mit dem Thema #DigitaleKirche einzunehmen scheinen oder innerhalb dieses Raumes anerkannt werden:

Margot Käßmann:

“Sie habe das mit diesem Facebook, schreibt sie, tatsächlich einmal ausprobiert. Ihr Fazit nach einiger Zeit des Probierens und Bedenkens: Es gefällt ihr nicht. Die Leute würden im Digitalen alles von sich preisgeben”.
“Inmitten des enormen Mitteilungsbedürfnisses ist für Vertraulichkeit offenbar kein Platz mehr”.

Hierzu Hannes Leitlein:

“Ein Schlag in die Magengrube all derer, die ihrem Kirchenverständnis ein Update verpasst haben”.

Hierzu Niklas Schleicher:

“Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich”.

Niklas Schleicher zu Werner Thiede:

“Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit”.
Der “geistliche Oberbau” ist weder relevant, noch präsent im Bereich #DigitaleKirche.

Kirchliche und (theologisch) akademische Führungskreise scheinen nicht Teil der Debatte zu sein. Bis auf eine mehrfach genannte ambivalente Ausnahme, die nicht wirklich eine ist:

Heinrich Bedford-Strohm:
Der systematische Theologe und Ratsvorsitzende (“Landesbischof”), welcher “zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet” (Zitat Hannes Leitlein) und sich darüberhinaus anscheinend ebenfalls nicht repräsentativ und relevant kritisch mit dem Thema #DigitaleKirche auseinander setzt.

Hierzu Ines Hansla

“Ich frage ich mich, warum man sich so gern an ihm abarbeitet und seine Aktivitäten so genau seziert. Für mich, aber das mag aus meinem operativen Wissen heraus stammen, ist klar, dass man in seiner Position nicht eben auch noch alle Kanäle umfassend und selbst bedienen kann und in 1:1-Konversationen einsteigen kann”.
“Zurück zu „Padford-Strohm“ (nie vorher von diesem Spitznamen gehört). Auch hier ist sicher Luft nach oben. Das sehe ich auch so, bin ganz bei Hannes Leitlein, aber ist dieses krittelnde Close-Up wirklich hilfreich?”

Indirekt geht Ines Hansla anfangs auf die Aspekte Relevanz und Repräsentanz ein, welche, wie noch zu zeigen ist, für die Debatte wesentlich sind. Sie richtet sich hier jedoch nicht nur an Leitungsgremien wie Botschafter*innen, Ratsvorsitzende oder Päpste, sondern an die gesamten Gemeinden, wenn sie sagt:

„Social Media muss von gesamten Unternehmen getragen werden“
“Und da spreche ich noch nicht mal von ganzheitlichen Content Marketing-Strategien, sondern der inneren Haltung zu Social Media. Womit ich beim dritten Satz der Woche wäre: „Social Media (vor-)leben“.”
Es geht also einerseits um Repräsentanz, das “(vor-)leben“ von digitaler Kirche und andererseits um Relevanz, der “inneren Haltung” zu digitaler Kirche von allen Gliedern.

Hannes Leitlein scheint dies vor allem als Forderung der Basis an den “Oberbau” darzustellen, was nachvollziehbar und notwendig aber, wie Ines Hansla richtig feststellt, nicht ausreichend ist. Diese Forderung richtet sich nicht in ihrer Gänze “an Alle”, aber in Teilen an alle einzelnen Bereiche / Statusgruppen der Gemeinden.

Ines Hansla gibt wichtige Impulse, wenn sie fragt:

“ist dieses krittelnde Close-Up wirklich hilfreich?”
“Wirft es weitere Digitalinitiativen und ggf. verunsicherte Kirchenmitglieder, die unschlüssig sind, ob sie Social Media und die Digitalisierung in ihrem Gemeinde-Alltag ‘wirklich brauchen’, nicht erneut zurück — bestärkt sie in ihrer möglichen Ablehnung, es zumindest mal zu probieren? Nährt Haltungen wie ‘Wenn es schon die in der EKD nicht können, wie soll ich das machen?’ und ‘Dann brauche ich das doch auch nicht…’“

Ines Hansla relativiert dieses Argument im letzten Absatz ihres Beitrags selbst indem sie aus einem Social-Media-Kurs zitiert:

Wer in Social Media erfolgreich sein will, muss sich auch was trauen

Hierzu ein Vermittlungsversuch: 
Kritik ist notwendig, allein aber nur selten hinreichend. Leistet Hannes Leitlein nicht hilfreiche, konstruktive Kritik wenn er nach dieser zumindest kurz vor Schluss auf existierende Hilfe verweist?:

“Und selbstverständlich gibt es in der Kirche Leute, die sich dieser Probleme bewusst sind, sie diskutieren, die sich aber dennoch ins digitale Getümmel begeben. Man müsste sie nur zurate ziehen.”

Gerade an dieser Stelle folgende Fragen an Personen aus kirchlichem und (theologisch) akademischem “Oberbau”:

  • Sind denn wirklich alle Person unter Ihnen “nicht auf der Höhe der Zeit” (Niklas Schleicher)?
  • Herrschen unter Ihnen allen “Berührungsängste, Unverständnis und Desinteresse” (Hannes Leitlein)?
  • Haben Sie die Twitter-Debatte mitverfolgt oder einen der genannten Artikel gelesen?
  • Hat sich eine Person unter Ihnen, tot oder lebendig, mit der Thematik #DigitaleKirche auseinander gesetzt?
  • Wollen / brauchen Sie Hilfe beim Thema #DigitaleKirche?

Mit diesen Fragen zurück zum Artikel von Niklas Schleicher:
In diesem wird deutich, dass auch Personen aus dem (theologisch) akademischem und kirchlichem “Oberbau”, die nicht mehr unter den Lebenden weilen, für die Thematik lediglich belanglose Zitate liefern können:

“um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein!”

Um die Debatte voranzutreiben sind Bekräftigungen oder Widerlegungen von inhaltlichen Punkten eines Hannes Leitleins durch Niklas Schleicher oder Ausweitungen der Perspektiven und Adressatenkreise durch Ines Hansla sicher sinnvoller, als kontextlose einsilbige Zitate von Karl Barth. Denn, wie Niklas Leitlein selbst feststellt, trifft Hannes Leitlein “auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind”.

Es scheint in Kirche und Theologie schlichtweg an relevanten und repräsentativen Beiträgen zur Thematik #DigitaleKirche zu fehlen.

Das Fehlen von Relevanz und Repräsentanz von Kirche und Theologie wird auch durch die mehrfache Kritik Niklas Schleichers an Bemühungen von Hannes Leitlein deutlich, in welchen jener versucht an kirchlich und theologisch relevanten und repräsentativen Konzepten anzuknüpfen:

“Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen”
“Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich”

Eine Aussage die sich, wenn überhaupt, dann nicht nur an Hannes Leitlein richten lässt. Das Fehlen von kirchlicher und theologischer Reflektion des Themas #DigitaleKirche betont dieser selbst mehrfach:

“Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss.”
“Dabei wäre es höchste Zeit, die digitale Gegenwart theologisch zu deuten, in ihr das Evangelium zu erkunden, zu teilen, zu leben.”

Auch hier bringt Ines Hansla eine weitere Perspektive in die Debatte ein:

“Für mich ist die aufgeflammte Diskussion nach dem Beitrag leider ein allzu gutes Beispiel, wie verkopft das Thema in Kirchenkreisen zuweilen angegangen wird.”
Was hier etwas überspitzt gezeigt werden soll, ist, dass es vor allem um zweierlei geht: Relevanz und Repräsentanz.

Es geht um Relevanz, 
nicht nur von Zitaten (Karl Barth), sondern auch von Meinungen (Margot Käßmann, Werner Thiede), Handlungen (Heinrich Bedford-Strohm) und Statusgruppen (Kirchenrat / “Oberbau”) in Institutionen (Akademia und Kirche) in der Thematik #DigitaleKirche.

Es geht um Repräsentanz, 
nicht nur in, sondern auch von “Social Media Netzwerken” (Facebook / Twitter) von Meinungen, Handlungen und Alters- und Statusgruppen (die “jungen 15–40 jährigen” und den “einigen Menschen” mit “Angst” und anderen, die “überfordert” sind) in Institutionen (Akademia und Kirche).

Niklas Schleicher:
“Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere”.
Egal ob es zur Selbstverständlichkeit oder Angst und Überforderung geworden ist, das Digitale ist relevant und präsent.

Diese Präsenz und Relevanz des Digitalen in Form von Forderungen, Selbstverständlichkeiten, Ängsten und Überforderungen muss Kirche und Theologie adressieren.

Sowohl bei der Relevanz, als auch bei der Repräsentanz von Kirche und Theologie scheint es also auch in der Thematik #DigitaleKirche enorme Defizite zu geben.
Aber nicht nur dort. Wie in beiden Artikeln offensichtlich wird, mangelt es auch bei der Argumentation selbst an Relevanz und Repräsentanz und dies nicht nur beim akademischen und kirchlichen “Oberbau”.

ERKLÄRUNGEN

Mangel an Relevanz und Repräsentanz
Gibt es Erklärungen dieses Mangels an Relevanz und Repräsentanz?
Also Antwort folgender These, welche zumindest Teilweise durch Beobachtungen von Ines Hansla gedeckt wird:
Es gibt zumindest Erzählungen, welche musterhaft die Debatten durchliefen und durchlaufen und für diese nicht förderlich sind.
Von jenen Erzählungen werden einige besonders präsente ausführlicher ausgelistet:

Soziografische Sagen
Eine “soziografische Sage”, bestehend aus einzelnen Erzählungen, welche versuchen den Mangel an Relevanz und Repräsentanz vermeindlich sozio(demo)grafisch auf die Existenz mehrerer (meist zweier) scheinbar unvereinten und unvereinbaren Gruppen zurückzuführen:

Zum Einen die Gruppe

der “jungen 15–40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll”.

Zum Anderen die Gruppe für die unter anderem folgendes gilt:

“Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist”
Es wird also von mehrerenMenschengruppen erzählt, die nicht nur keine Überschneidungen zu haben scheinen, sondern die sich auch gegenseitig (existenziell) auszuschließen scheinen.

Hierzu Ines Hansla:

“So habe ich zumindest Leitlein gar nicht verstanden. So verstehe ich auch meinen Job aktuell nicht. Es geht nicht um ein „Entweder-Oder“, sondern um die aktive Integration von digitalen Möglichkeiten.”

Erzählungen
Genauer wird diese soziografische Sage durch folgende einzelnen Erzählungen aufgebaut (die Auflistung ist nicht vollständig):

  • Die Erzählung vom Alter
    Es wird erzählt, wie die beiden Gruppen sich durch ihr Alter zu unterscheiden scheinen und sich dadurch grob in diejenigen Unterteilen, die unter 40 Jahre (“-40”) alt sind und die über 40 Jährigen (“40+”).
  • Die Erzählung von der Anzahl
    Es wird erzählt, wie die beiden Gruppen sich durch ihre Anzahl zu unterscheiden scheinen:
    Die einen, die nur einen kleinen Teil ausmachen (“die Wenigen”), und die anderen, die hingegen einen “großen Teil” ausmachen (“die Vielen”).
“Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble.”
“Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist.”
  • Die Erzählung vom Wesen
    Es wird erzählt, wie die beiden Gruppen sich durch ihr Verhalten zu unterscheiden scheinen: Die einen, die “fordern”, die “Treuen” anderen. Die einen, die von sich selbst “überschätzt” sind und die andere, die vom Digitalen “überfordert” sind.
  • Die Erzählung vom Ende (der Existenz, das “Entweder-Oder”)
    Es wird erzählt, wie die Existenz der beiden Gruppen sich von der, der jeweils anderen Gruppe so stark zu unterscheiden scheinen, dass die eine Existenz, die andere Gefährdet, ja ausschließt:

Hannes Leitlein:

“Stattdessen will man die Kirchen lieber als letzte Reservate fürs Analoge erhalten. Margot Käßmann hat das in einer ihrer Kolumnen vor einiger Zeit gefordert.”

Niklas Schleicher:

“Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind”

Beides Argumente, werden von Ines Hansla adressiert, wenn sie sagt:

“Selbstverständlich will niemand nur noch Twitter-Gottesdienste oder Skype-Beichten. Social Media und Digitalisierung hocken nicht auf der einen und die Nicht-Digitalen auf einer anderen Insel.
  • In Abwandlung hiervon, die Erzählung, dass die Existenz der einen Gruppe das System indem die andere Gruppe existiert ignoriert oder grundegend verändert:

Niklas Schleicher:

“Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere”.

Was Niklas Schleicher hier übersieht, ist, dass Kirche und Theologie OHNE Relevanz und Repräsetanz im Thema #DigitaleKirche auch und gerade die Menschen mit ihren Ängsten allein lässt und sie “überfordert”. 
Es wäre gerade für diese Menschen wichtig, wenn Kirche und Theologie ihre Bedürfnisse berücksichtigen indem sie das Thema #DigitaleKirche adressieren und adaptieren.

Die Aufzählung der verschiedenen Erzählungen wird hier abgebrochen. Eine soziografische Sage ist hoffentlich hinreichend ersichtlich geworden.

Aus zweierlei Gründen werden die zitierten “Sachverhalte” als “Sage” und “Erzählung” bezeichnet:

  • Einerseits da in keiner der Debatten bisher auf (soziografische) empirische Erhebungen verwiesen wurde und auch keine entsprechenden gefunden wurden, sie damit also dem Bereich der Theorie oder Fiktion zuzuordnen sind.
  • Andererseits da sie als Mittel der Argumentation typisch für eine Rechtfertigung eines vermeindlichen Status quo sind. Vermeindlich, da dieser Zustand, in der erzählten Reinform wenn überhaupt, dann nur in seltenen Extremfällen existiert hat.

Endlich ist es passend, darauf hinzuweisen, dass zumindest an einer Stelle eine Erzählung (“vom Wesen”) von Niklas Schleicher anders erzählt wird. Hierdurch wird eine strikte Einteilung der Gruppen durchbrochen:

“Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre”.

Mit Ines Hansla gesprochen, richtig:

Social Media und Digitalisierung hocken nicht auf der einen und die Nicht-Digitalen auf einer anderen Insel.

Interessant ist hierbei, dass Niklas Schleicher das Aufbrechen der Gruppen dazu nutzt, um eine Argumente einer beiden Gruppen zu entkräften.

Wozu aber die Auflistung von Erzählungen in dieser Debatte? 
Um die Frage zu stellen, ob die Debatte durch derartige Erzählungen vorangetrieben wird, ob diese sachdienlich sind!

ZUSAMMENFASSUNG

Drei Punkte
Der Artikel von Niklas Schleicher nennt, in Bezug auf Hannes Leitleins Beitrag, “drei Punkte, an denen zumindest weiterzudenken wäre”. Der erste und der dritte beschäftigen sich mit theologische Kritik der Thematik #DigitaleKirche.

  • Im ersten Punkt (“Priestertums aller Gläubigen”) zweifelt Niklas Schleicher zurecht daran, ob die theologische Argumentation Hannes Leitleins passend ist. Hier ist Handlungsbedarf.
  • Der dritte Punkt (“Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall” der digitalen Welt) ist jedoch von Hannes Leitlein bereits berücksichtigt worden und Niklas Schleicher bleibt hier eher hinter diesen bereits gemachten Ausführungen zurück.

Hannes Leitlein:

“Wir müssen über den Hass gegen Minderheiten reden, der sich im Netz und auf der Straße breitmacht, über Datenmonopole und Überwachung, über Barrieren, die etwa Sehbehinderten den Zugang zum Internet und damit zur Gesellschaft verwehren”
  • Dieser Beitrag versucht die Argumentationen innerhalb des zweiten (soziografischen) Punktes als nicht sachdienliche Sackgasse zu beschreiben und im folgenden weiterführende Perspektiven, sowohl auf soziografischer, als auch theologischer Ebene aufzuzeigen:

PERSPEKTIVEN

FRAGEN / THESEN
Ein Aufbrechen von Einteilungen von sich gegenüberstehenden oder ausschließenden Gruppen ist im folgenden Ausgangspunkt einer Reihe von Fragen und Thesen, welche die Debatte konstruktiv begleiten wollen:

  1. Differenzierung anstatt Diskriminierung:
  • Ist es möglich in und für eine Debatte der Thematik #DigitaleKirche stereotype Gruppierungen aufzubrechen und diffenziert auf die jeweiligen “Charismen” der Gemeinden einzugehen, diese zu nutzen anstatt zu pauschalisieren und beispielsweise zu sagen: ab 40+ ist mit Digitalisierung Schluss?
  • Ist es nicht möglich und erstebenswert das volle Spektrum von Gemeinden kirchlich relevant zu machen und zu repräsentieren?
  • Wie kann Kirche und Theologie gemeinsame Interessen und Bedürfnisse zu ernsthaft WAHRzunehmen und gerecht zu berücksichtigen?

2. Ausgleich anstatt Ausschluss

  • Ist es nicht möglich Potentiale differenziert auszugleichen anstatt diese aus Räumen pauschal auszuschließen?
  • Wie kann Kirche, Theologie in Bezug aufs Digitale sowohl Selbsverständlichkeiten einfordern und aufbauen, als auch Ängste und Überforderungen abbauen?

Hannes Leitlein

“Seelsorgerinnen und Seelsorger etwa, die durch soziale Medien ins Gespräch mit Menschen kommen, die den Gang zum Pfarrhaus scheuen, keine Zeit dafür haben oder sogar der Institution feindlich gegenüberstehen.”

Ines Hansla:

“Es geht nicht um ein ‘Entweder-Oder’, sondern um die aktive Integration von digitalen Möglichkeiten”.

3. Adaption anstatt Automatismen

  • Niklas Schleichers Abwehr eines (Hannes Leitlein unterstellten) argumentativen Automatismus geschieht zurecht. Bei allen Analogien zwischen Auswirkungen und Nutzen von Mechanisierung (“Buchdruck”), Elektronisierung, Automatisierung und “Digitalisierung” der Kommunikation ist doch jede (technische) Änderung kritisch differenziert zu adaptieren und nicht durch verkürzte Analogieschlüsse in Automatismen zu übernehmen. 
    Hannes Leitleins Artikel ließt sich jedoch eher wie ein Abwägen und Ankurbeln eines differenzierten Adaptionsprozesses, nicht der Beschwörung von Automatismen.
  • An dieser Stelle muss auch Hannes Leitlein recht gegeben werden und Niklas Schleicher und anderen theologischen und kirchlichen Entscheidungsträgern (und damit allen Gemeindegliedern) entgegnet werden: 
    Auch etablierte und irgendwann vielleicht als Automatismen wahrgenommene Kommunikationsweisen (papierenes “Sendungsbewusstsein”, manifestiert in “Denkschriften und Orientierungshilfen”) werden ohne fortwährende Adaptionsprozesse “kaum jemanden interessieren”.
Auswirkung und Nutzen verschiedenster Kommunikationsmittel, also nicht nur der “neuen”, sondern auch der “alten”, “etablierten” sind fortwährend zu adaptieren und zum größtmöglichen Nutzen aller einzusetzen.

Anfangs mag es reichen genauer hinzuschauen und nachzufragen:

  • Was versteht wer unter dem Thema #DigitaleKirche?
  • Wer hat MIT digitaler Kirche Probleme, wer OHNE?
  • Wer sieht digitale Kirche wann und wo als sinnvoll an?

Selbst wenn ein beständiges und ernsthaftes Nachfragen nicht dazu führen sollte die Erzählung der konträren Gruppen aufzulösen, würden sicherlich Freiräume, zumindest zwischen oder auch innerhalb der unaufgelösten Gruppen, gefunden werden, welche es der einen oder anderen ermöglichen die Freiräume einzunehmen.

DEFIZITE DER DEBATTE:

Verstärkung von diskriminerungskritischen Perspektiven

Es ist noch viel intensiver und expliziter als bisher zu Fragen, ob das Thema #DigitaleKirche nicht differenzierter und dedizierter aus diskriminierungskritischer Perspektive betrachtet werden kann und sollte.

Und hier ist vor allem Tobias Graßmann zu nennen, wenn er (in einem Kommentar zum Artikel von Niklas Schleicher) ansatzweise Privilegienkritik betreibt:

“Außerdem stören wir uns an Formulierungen, in denen ein hochgesteigerter Individualismus und ein bestimmtes Freiheitsverständnis durchscheinen, die wir als typische Lebenshaltung einer bestimmten Gruppe junger (privilegierter) Menschen eher kritisch sehen (aber auch nicht ablehnen! Hat ja alles seinen Platz in Kirche).”

Sowohl Hannes Leitlein, als auch Niklas Schleicher streifen ambivalente Aspekte der Digitalsierung wie den Aufbau und Abbau von Hierarchien, die Steigerung und Verminderung von Ausschlüssen und Barrieren und auch Überwachung und Manipulation. Zusammengefasst: positive wie negative Potentiale der Digitalisierung.

Es ist schade, ja schädlich, wenn weiterführende Gedanken zu diskriminierungskritischen Perspektiven, wie so oft, nur in Fußnoten Platz finden oder vernachlässigt werden.

Genauso ist es schade, wenn Kirche und Theologie sich der kritischen Relfexion von positiven, wie negativen Potentialen des Digitalen entziehen und so nicht nur Gemeindeglieder, sondern letztendlich Menschen im Digitalen vernachlässigen und nicht erreichen.

Inwiefern hat Kirche / Theologie nicht die Aufgabe, auch das Digitale als Aspekt der Weltgeschichte zu begreifen und auf Mensch (und Gott) hin zu befragen?

Deswegen soll an dieser Stelle noch einmal gesondert dazu aufgerufen werden entlang von Diskriminierungskategorien auf einzelne Menschen und Gruppen innerhalb und außerhalb von Gemeinden zuzugehen, diese berücksichtigen und nicht zu vernachlässigen, in Debatten einzubeziehen und gemeinsamen zu erfragen, wo #DigitaleKirche helfen kann Barrieren abzubauen und (strukturell benachteiligte) Menschen teilhaben zu lassen:

  • Wo bestehen Ausschlüsse? Wie können diese digital vermindert oder verhindert werden?
  • Wen erreicht Kirche wie? Kann das Digitale helfen, weitere Menschen oder Menschen generell anders, diskriminierungs-, barriereärmer anzusprechen?

Hierzu noch einmal Hannes Leitlein:

“Seelsorgerinnen und Seelsorger etwa, die durch soziale Medien ins Gespräch mit Menschen kommen, die den Gang zum Pfarrhaus scheuen, keine Zeit dafür haben oder sogar der Institution feindlich gegenüberstehen.”
  • Wo kann #DigitaleKirche Differenzen (Zeit / Platz / Geld / …) WAHRnehmen? Wo ausgleichen?
  • Warum wird ein Projekt wie “godspot” nicht vorrangig in / im Umfeld von Unterkünften von Geglüchteten realisiert?
  • Wo kann #DigitaleKirche Lasten mindern?
  • Wie kann Kirche / Theologie Bereiche aufzeigen, in denen Digitalisierung diskriminiert, Diskriminierung mindert?
  • Wo bestehend im Bereich #DigitaleKirche Ängste, wo überfordert diese? Wie kann mit diesen Umgegangen werden?
  • Wo mögen / sollten hier im kirchlichen / akademischen Bereich Grenzen des Digitalen liegen?
  • Wie kann es Kirche und Theologie gelingen offen zu sein für größere, also auch digitale Spektren der individuellen Identitäten in ihrem Umfeld?
  • Welche Aspekte des Digitalen kann Kirche / Theologie stärken? (Offene-Bibel.de)
  • Welche Aspekte des Digitalen kann Kirche / Theologie empfehlen und unterstützen, weil sie dem Menschen dienen?
  • Vor welchen Aspekten des Digitalen kann Kirche / Theologie warnen und deren negative Auswirkungen adressieren?
  • Wie kann Kirche / Theologie und wie können Individuen ihre Privilegien (besser) einsetzen, um verschiendenste Lebensweisen zu ermöglichen und nicht gegenseitig auszuschließen?

Hierzu nochmals Hannes Leitlein:

“selbstverständlich gibt es in der Kirche Leute, die sich dieser Probleme bewusst sind, sie diskutieren, die sich aber dennoch ins digitale Getümmel begeben. Man müsste sie nur zurate ziehen.”
One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.