
Das Apple-Dash-Bullshit-Bingo
Oder: Bild dir deine Meinung, aber bitte, bilde dir nichts darauf ein!
Es war ein sehr pompöser Aufschrei in der Apple-Entwicklergemeinde letzte Woche. Der Account des Entwicklers Kapeli (verantwortlich für die macOS- und iOS-App Dash) wurde gesperrt, womit auch seine Apps selbst nicht mehr über Apples Softwareläden zur Verfügung standen. Apple begründete diese Entscheidung aufgrund “betrügerischerer Bewertungen”, die von diesem Entwickler ausgingen. Das Dementi des Entwicklers ließ nicht lange auf sich warten, auf seinem Blog äußerte er sich dazu und stritt die Vorwürfe vehement ab.
Was dann geschah, überraschte mich persönlich nicht sonderlich.
Eine Welle des Unmuts gegenüber Apple machte sich breit. Bekannte Floskeln von willkürlichem Verhalten schlugen um sich und allen Aufschreienden war klar, dass einzig und allein Apple für dieses ganz offensichtlich fehlerhafte und nicht hinnehmbare Verhalten verantwortlich ist. Dass da die Wortwahl bisweilen auch wieder oberflächlich bis beleidigend ausfiel, überrascht da kaum noch. Und dieses Beißreflex- und “Ich weiß alles besser”-Gehabe frustriert mich grenzenlos.
Wisst ihr, was ich mir bei dieser ganzen Angelegenheit gedacht habe? Dass ich persönlich nicht die geringste Ahnung habe, was zur Hölle da konkret zwischen Kapeli und Apple vorgefallen ist! Apple sagt, es gab betrügerisches Verhalten, darum die Sperrung; gut, warum zur Hölle sollte das die Unwahrheit sein? Ja, der Entwickler dementiert, aber nun? Da stehen Aussage gegen Aussage, niemand außer den Beteiligten selbst weiß, was da konkret abgelaufen ist beziehungsweise abläuft, aber das Netz ist voll von unsachlichen und oberflächlichen Kommentaren und Hass-Bekundungen.
Tja, und heute der Paukenschlag. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Entwickler das Geschehen ins Licht der Öffentlichkeit rückte, reagierte Apple nun mit einer konkreten Stellungnahme und legte dar, warum es zur Sperrung des betroffenen Accounts kam. So verfügt der Entwickler laut Apple über zwei Accounts, von denen von einem nachweislich circa 1.000 betrügerische Bewertungen getätigt wurden; ein Verhalten, das — wenig überraschend — eine derart wie in diesem Fall geahndete Konsequenz nach sich zieht. Ebenso wurde laut Apple versucht, das Problem in Zusammenarbeit mit dem Entwickler zu lösen, und das bereits vor zwei Jahren. Allerdings blieben diese Bemühungen erfolglos, sodass Apple nun die Reißleine zog.
Vollkommen gleich, was jemand persönlich von diesem Gebaren halten mag, so ist es vonseiten Apples absolut nachvollziehbar und verständlich. Dennoch hatten wenige Tage zuvor diverse Internetbesucher kein Problem damit, diese Möglichkeit 100%ig auszuschließen und ein — womöglich sogar beabsichtigtes — Fehlverhalten bei Apple gesucht.
Wer sich dabei fragt, warum Apple das nicht gleich so öffentlich gemacht hat: Warum zur Hölle hätten sie das tun sollen? Soll Apple Pressemitteilungen für jeden gesperrten Account herausgeben? Warum nicht gleich für jeden fehlgeschlagenen Review beim Einreichen einer App? Ach bitte, hört mir doch auf! Es ist nicht ihre Aufgabe, diese unternehmensinternen Entscheidungen öffentlich zu machen (abgesehen davon, das manch einer das eher rufschädigend ansehen würde und gerade nicht will, das eine derartige Entscheidung publik würde). Der Grund, warum es nun doch öffentlich wurde, dürfte wiederum Kapeli zu verdanken sein, der das Gefecht nun einmal mit klaren Worten in die Öffentlichkeit geführt hat. Und hier sind wir nun.
Reaktion auf Reaktion
Der betroffene Entwickler hat indes wiederum auf Apples öffentliche Stellungnahme reagiert. Dabei weist er weiterhin jede Schuld von sich und erklärt, der von Apple besagte zweite Account gehöre jemandem, den er bei der Entwicklung von Apps in Form seiner Kreditkartendaten und von eigener Hardware unterstützt habe. Soweit die Fakten. Was jeder davon hält, ist jedem selbst überlassen.
Ja, womöglich ist das die Wahrheit. Ja, womöglich haben ironischerweise beide Seiten Recht; Apple, weil sie korrekterweise ein Fehlverhalten entdeckten und das aus der Welt schaffen wollten, sowie auch der Entwickler, der aufgrund dessen, das der Account zwar ihm gehörte, er ihn scheinbar aber nicht administrierte, nichts von Apples Bemühungen, das Problem zu lösen, mitbekam, und nun vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Das macht diese gesamte Situation ja so grenzenlos paradox. Und mir fällt es nach den bisherigen Fakten immer noch schwer, hier in irgendeiner Form einen eindeutigen Schuldigen auszumachen (den es womöglich gar nicht gibt).
Letzten Endes hat mir dieser Fall wieder mal eines so wunderbar vor Augen geführt: Wenn es um Vorverurteilung geht, sind manche Menschen gerne und schnell dabei. Fakten sind irrelevant, Hauptsache man hat einen Buh-Mann, auf den man mit dem Finger zeigen und sich aufregen kann. Zuerst war es Apple aufgrund seines angeblich willkürlichen Verhaltens, aktuell bekommt der betroffene Entwickler sein Fett weg und ist sich ob seiner genannten Begründung Spott und Häme sicher. Beides halte ich — entschuldigt bitte die Ausdrucksweise — für absolut behämmerten und unsachlichen Schwachsinn.
Das ist eine Situation zwischen Apple und dem genannten Entwickler. Niemand anders außer diesen beiden weiß, was da konkret abgelaufen ist, und die vielen Vorverurteilungen haben das wunderbar unterstrichen (und unterstreichen es noch). Schön, wenn jemand für die Zukunft seine Lehren daraus zieht und nicht sofort wie ein aufgescheuchter Gockel loskräht, wenn irgendwo eine Schlagzeile ihre Runden macht. Du darfst dir gerne deine Meinung bilden, aber bitte, verkaufe sie nicht als Fakt, wenn du die Fakten nicht kennst. Ansonsten hilft es vielleicht, wenn du dir einfach mal überlegst, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn du mit Beschuldigungen konfrontiert wirst, die gar nicht der Wahrheit entsprechen. Kein sonderliches schönes Gefühl, oder?