Du bist fremdbestimmt

Darum ein einfacher Rat: Komm klar damit!

In einem Interview mit einem Psychologen, das ich vor kurzem über heutige Kindeserziehung und die damit einhergehende Entwicklung unserer Gesellschaft gelesen habe, bin ich auf eine Passage gestoßen, die mich ein wenig nachdenklich gemacht hat und einige Knoten in meinem Innern löste. Es ging um die einfache Erkenntnis, das wir alle — ausnahmslos alle, auch du — fremdbestimmt sind.

Es ist vollkommen gleichgültig ob uns das gefällt oder nicht oder ob wir glauben, wir wären es nicht, wir würden zu 100% jede Entscheidung aus dem eigenen Willen heraus fällen und könnten unsere Leben ohne Abstriche in jeder Hinsicht frei gestalten; glauben kann man das sehr gerne, aber es ändert nichts an der Wahrheit: Du bist fremdbestimmt, so, wie jeder andere Mensch auch.

Und damit sollte man einfach mal klarkommen.

Jeder von uns hat Verpflichtungen

Du hast einen Job, dem du nachgehst? Alles klar, du bist fremdbestimmt.

Du hast einen Partner? Alles klar, du bist fremdbestimmt.

Du wohnst in einer Mietwohnung? Alles klar, du bist fremdbestimmt.

Du hast Haustiere? Alles klar, du bist fremdbestimmt.

Du hast Kinder? Alles klar, du bist fremdbestimmt.

Du hast einfach irgendeine noch so kleine Verpflichtung in deinem Leben? Tja, was soll ich sagen? Du bist Himmel noch eins fremdbestimmt!

Der Arbeitgeber, der Einsatz im Job fordert, der liebende Partner, der Zuneigung und Präsenz braucht und verdient, die Kosten für die eigene Wohnung, die monatlich bezahlt werden müssen; all das und noch viel mehr sind Faktoren, die das eigene Handeln durch fremde Faktoren und Einflüsse bestimmen. Und solange uns jene Faktoren und Einflüsse wichtig sind, werden sie unser eigenes Handeln — wenigstens in Maßen — kontrollieren und lenken. Das ist jene Fremdbestimmtheit, mit der jeder von uns tagtäglich konfrontiert wird, und die zum Leben schlicht dazu gehört.

Wir können es uns nicht erlauben, einen Egotrip an den Tag zu legen und zu glauben, wir sind zu größerem berufen und alles um uns herum vergessen. Dann nämlich werden all diese fremdbestimmenden Faktoren und Einflüsse zur Qual. Der Job macht einfach keinen Spaß mehr, der Partner nervt einen oder ödet einen an, und die monatliche Mietzahlung frustriert; schließlich möchte man doch in der Traumvilla am Strand von Mauritius leben, und diese Schweißwelt lenkt einfach nicht ein!

Komm klar damit

Unsere jüngsten Generationen (und da schließe ich meine definitiv mit ein) scheinen genau das zu vergessen. Sie scheinen vergessen zu haben, dass sie nicht alleine auf der Welt sind, sondern sich in einer Gesellschaft befinden, die — ob es einem nun passt oder nicht — Einfluss auf das eigene Leben hat. Daran können wir nicht das geringste ändern. Man kann ja einfach woanders hinziehen, sagst du? Gerne, und dann landest du an einem anderen Ort mit anderen Faktoren, die dich fremdbestimmen. Abgesehen von der Ironie, dass dich jene Fremdbestimmtheit erst dazu gedrängt hat, einen anderen Lebensort aufzusuchen, nicht wahr?

Den jüngsten Generationen schien zu arg eingebläut worden zu sein, dass jeder einzelne von uns so perfekt und toll ist, dass er alles im Leben haben kann. Was generell stimmen mag — ich vertrete durchaus die These, das jeder sein Leben frei gestalten kann -, ändert nichts an der Tatsache, dass deine Verpflichtungen, dein soziales Umfeld, deine Freunde und der Ort, in dem du lebst, fremdbestimmte Einflüsse auf dich hat. Du brauchst Geld zum Leben? Dann übst du wohl einen Job aus; Fremdbestimmung. Der Job passt dir nicht und du suchst dir einen neuen? Ebenfalls fremdbestimmt. Du bist in einer Beziehung? Fremdbestimmung pur (es sei denn, du guckst deinen Partner nicht mal mit der Arschbacke an, aber bitte erlaube dann die Frage, ob du wirklich in einer Beziehung steckst?)!

Diese einfachen Tatsachen scheinen viele vergessen oder — wahrscheinlicher — nie wirklich gelernt zu haben. Kein Wunder, dass wir in unserer Gesellschaft beispielsweise auf immer mehr beziehungsunfähige Individuen treffen, die ständig ihren Partner wechseln müssen. Du magst glauben, dass das schlicht mit der eigenen Freiheit zu tun hat, doch frage dich mal, ob womöglich nicht mehr dahintersteckt und man es womöglich nicht auf lange Sicht erträgt, wenn jemand ständig im eigenen Leben herumspukt (und durchaus Dinge anspricht, die einen stören). Und ob der Job vielleicht gar nicht so schlecht ist, wie man immer denkt, sondern lediglich ein verqueres Weltbild darüber existiert, dass der eigene Chef einem den Hintern für jede geleistete Arbeitsminute küssen sollte.

Fremdbestimmung gehört zum Leben

Wenn wir ein erfülltes und glückliches Leben verbringen möchten, müssen wir uns schlicht dem Fakt hingeben, dass es unzählige Faktoren um uns herum gibt, die Einfluss darauf nehmen und sich aktiv auf das, was wir tun, auswirken. Komplette Freiheit und persönliche Entfaltung gibt es in diesem Kontext nicht, solange man nicht einen ausgeprägten Egotrip fährt und alles und jeden um einen herum gänzlich ignoriert und ausblendet. Wir sind nicht alleine auf der Welt, und entsprechend sollten wir uns auch nicht so aufführen.

Ich bin mir sehr sicher, dass wir viele Probleme, die uns heutzutage begleiten — die kleinen genauso wie die großen -, nicht hätten, wäre diese einfache Erkenntnis stärker in jedem von uns verankert. Es bringt nichts, laut aufzuschreien und herumzubrüllen, wenn einem gerade nicht passt, was der eigene Partner zu einem gesagt hat und die Beziehung als Konsequenz zu beenden. Es braucht Frustrationstoleranz, es braucht die Erkenntnis, das niemals immer alles so laufen kann, wie wir uns das wünschen oder planen. Dazu nimmt die gesamte Welt um uns herum viel zu viel Einfluss auf unser Leben.

Mach das Beste daraus

Was ist die Konsequenz daraus? Hör hin! Schau hin! Nimm die Welt um dich herum als lebendiges Organ, dass sie nun einmal ist, wahr, und lerne mit der Fremdbestimmung, die dich in schier jedem Augenblick begleitet, zu leben. Denn Fremdbestimmung ist in diesem Kontext nichts schlimmes, eher im Gegenteil. Wie traurig wäre es denn, wenn nichts und niemand da wäre, der Einfluss auf unser Leben nimmt (sowohl positiv wie auch negativ)? Jene Erfahrungen, die wir dadurch sammeln, führen uns letztlich näher an unser Ziel und das, was wir von diesem Leben erwarten und mit wem und womit wir unsere Zeit verbringen möchten. Und da werden sich auch Konflikte, Ängste und Wut nicht vermeiden lassen. Wir sind keine perfekten Maschinen, wir sind Menschen, und wir sind viele.

Nimm die Fremdbestimmung an. Akzeptiere, dass du auch mal Dinge tust, die dich nicht ausfüllen oder die du als langweilig oder unnötig empfindest, die aber schlicht zum Leben dazugehören, weil du nun mal mit jenem Partner zusammen bist/Kinder hast/in dieser Firma arbeitest. Es ist normal. Das Leben ist kein rosarotes Regenbogen-Ponny-Land, und andere Menschen haben es verdient, dass du ihnen ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenkst, auch wenn dir einmal nicht danach ist. Letzten Endes zählt dann nur, was du daraus machst. Du kannst dich natürlich darüber aufregen und frustriert sein, wenn dein Partner mal wieder shoppen gehen möchte oder dein Chef Überstunden anordnet. Oder du kannst die Situation akzeptieren, sie auf deine bestmögliche Weise meistern und deinem Umfeld zeigen, dass du es ernst nimmst.

Denn umgekehrt bist auch du jemand, der andere fremdbestimmt; vergiss das nicht.

Euer Thomas

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