Ein erster unverschämt früher Blick auf meinen nächsten Roman

(Leseprobe inside)

Ich weiß, ich weiß. Mein zweiter Roman Schatten ist gerade einmal frisch geschrieben und ich fange hier direkt damit an, von einem nächsten Roman zu schreiben. Aber genau so ist es. Mein dritter Roman mit dem aktuellen Arbeitstitel Finsternis ist tatsächlich in Arbeit. Aktuell feile ich an Story, Konzept und Plot, da dieser Roman ein wenig komplexer und verwinkelter wird als meine bisherigen Werke und ich daher nichts (zumindest nicht wirklich viel) dem Zufall überlassen möchte. Ab September sollen die Arbeiten dann aber offiziell beginnen, und die sollen auch wieder nach dem Sillmann’schen Schema F ablaufen: mindestens 500 Wörter am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Ausnahmen (das schließt alle Feiertage, Weihnachten, Neujahr und jegliche Geburtstage mit ein).


Doch darum geht’s an dieser Stelle gar nicht. Vielmehr tue ich jetzt etwas, was ich noch nie (und ich meine wirklich nie) zuvor getan habe: ich veröffentliche einen ersten frühen Entwurf einer Geschichte. Für mich persönlich ist das wirklich ein Novum, da ich normalerweise jede Geschichte frühestens dann aus der Hand gebe, wenn ich sie komplett vollendet und selbst einmalig überarbeitet habe. So in diesem Fall aber nicht.

Die Grundidee zu diesem neuen Roman wurde bereits im Mai diesen Jahres geschaffen. Ich erwachte eines Tages am frühen Morgen aus einem Albtraum und hatte diese Idee im Kopf. Wobei diese Aussage eigentlich reichlich untertrieben ist; vielmehr schrie diese Idee regelrecht in meinem Schädel umher, und sie musste raus, ohne wenn und aber. Und das war zu einer Zeit, zu der ich noch an meinem zweiten Roman Schatten geschrieben habe.

Ich schlüpfte also aus dem Bett und saß mich ins stockdunkle Wohnzimmer. Dann ging ich an mein iPad Pro und tippte los. Ich dachte nicht nach. Diese Stimme in meinem Kopf war so unerbittlich, dass ich das auch gar nicht zu tun brauchte; sie sagte mir alles, was ich wissen musste, und ich brachte es zu Papier. Nach knapp zwanzig Minuten hatte ich dann über tausend Wörter beisammen, und die Stimme in meinem Kopf ebbte allmählich ab. Da war er nun, ein erster Entwurf und Auszug für einen Roman, von dem ich eine halbe Stunde zuvor noch nicht einmal wusste, dass ich ihn jemals schreiben würde.


Da ich nicht weiß, ob ich diesen ersten Entwurf jemals tatsächlich für das Buch verwenden werde, möchte ich ihn nun hier an dieser Stelle mit euch teilen. Denn bevor dieser Ausschnitt, der so spontan regelrecht aus mir herausquoll, auf ewig in der Versenkung verschwindet, veröffentliche ich ihn lieber hier und teile ihn mit euch. Eines kann ich auch schon verraten: die beschriebenen Charaktere werden auch in der von mir nun geplanten Fassung bleiben, ebenso der angeschnittene Ort. Alles andere… nun, warten wir’s mal ab. :)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Euer Thomas


Finsternis

Ankunft, 21.05.2016

Theresa und Kevin waren die ersten, die gegen siebzehn Uhr am Nachmittag des zweiundzwanzigsten Mai am Kerberer Hof eintrafen. Sie schwitzten und waren außer Atem. Dieser Mai war einer der wärmsten seit Jahren gewesen und die Sonne schien ihnen an diesem Tag unerbittlich aus einem strahlend blauen und wolkenlosen Himmel entgegen. Mittags hatte das Thermometer zwischendurch einen Höchststand von vierunddreißig Grad erreicht, und auch wenn es inzwischen noch höchstens fünfundzwanzig waren, brannte die Sonne ordentlich auf ihren Körpern. Dazu kam der Aufstieg, der sich als deutlich anstrengender erwies als von beiden angenommen.

“Das machen wir einmal und nie wieder”, hatte Kevin gesagt, nachdem er und Theresa bereits zehn Minuten lang dem Trampelpfad folgten, der sie laut Wegbeschreibung direkt zum Kerberer Hof führen sollte, “Überhaupt dürfte das das so ziemlich langweiligste und beschissenste Wochenende seit Langem werden.”

Kevin machte keinen Hehl daraus, das er nicht hier sein sollte. Er verstand sowieso nicht, was in Miriam gefahren war, mit ihnen allen ein erholsames Wochenende mitten im Spessart zu veranstalten. Ja, sie war ein wenig schräg drauf und durchaus ökologisch angehaucht, doch Kevin fand, dass selbst das für sie einen Schritt zu weit ging. Doch Miriam hatte sie alle so lange bearbeitet, bis sie schließlich zusagten. An jenem Tag freute sie sich wie ein kleines Kind und machte kleine Luftsprünge. Sie erinnerte Kevin an seine Nichte Klara, die verhielt sich auch so. Doch die war gerade einmal drei Jahre alt.

“Du weißt doch, wie sehr Miriam sich das gewünscht hat”, sagte Theresa und klang dabei beschwichtigend. Sie wusste genau, dass Kevin von allen am allerwenigsten von diesem Ausflug hielt, und sie hatte keine Lust, das gesamte Wochenende die wandelnde schlechte Laune ertragen zu müssen. “Der Hof gehört nun seit einem Jahr ihren Eltern und sie haben so viel Energie und Geld da reingesteckt, um die Anlage auf Vordermann zu bringen. Ich glaube, sie ist einfach stolz darauf uns zu zeigen, was ihre Eltern in ihrem Alter jetzt noch geleistet und geschafft haben, und vor dieser Leistung darf man durchaus auch etwas Respekt zeigen.”

Ach ja, dachte Kevin, Der Hof ihrer Eltern.

Ihm war es eigentlich vollkommen gleich, wem dieser gottverdammte Hof gehörte. Und selbst wenn der Weihnachtsmann dort lebte und jeden Tag Weihnachten feierte, so hätte er keine Lust gehabt, drei Tage in diesem gottverdammten Niemandsland von Wald und frischer Luft zu verbringen. Er dachte an die Parties, die er an diesem Freitag und Samstag verpassen würde, und regte sich nur noch mehr darüber auf, hier zu sein. Ein Kevin Thies gehörte hier einfach nicht hin. Er gehörte in Clubs und Bars, mit besser zwei leicht bekleideten und abgefüllten Weibern als einem.

Als hätte Theresa seine Gedanken gelesen, sagte sie: “Du wirst auch mit uns deinen Spaß haben, versprochen.”

Kevin warf ihr einen Blick zu. Theresa sah ihn auf eine Art und Weise an, die er so nicht von ihr kannte. Ihm gegenüber war sie immer mehr wie eine graue Maus erschienen, verschlossen und zurückhaltend. Doch jetzt, während sie sich gemeinsam den steilen Hang hoch schleppten, meinte er, ein laszives Lächeln auf ihrem Gesicht zu erkennen. Hatte er sich womöglich in Theresa getäuscht? Das konnte durchaus möglich sein, schließlich kannte er sie gerade einmal seit knapp einer Woche, und meistens war er dabei betrunken gewesen. Theresa hatte die letzten zwei Jahre im Ausland verbracht und war gleichzeitig Miriams beste Freundin seit Kindheitstagen. Als sie zurückkam, um einen Monat mit ihrer Familie und ihren Freunden in Deutschland zu verbringen, ist Miriam vor Freude fast ausgeflippt. Kevin wäre das vermutlich auch, hätte sie bei ihrem ersten Treffen auf ihn nicht den Eindruck einer verklemmten Oberspießerin gemacht. Theresa hatte ihr schulterlanges braunes Haar steif nach oben zu einer Hochsteckfrisur zurückgezogen und trug eine dicke Hippster-Hornbrille mit dicken Rändern auf der Nase, deren Gläser nur aus Fensterglas bestanden. Und dann waren da ihre Klamotten gewesen! Ein hochgezogener hellgrauer Rollkragenpulli und ein langer Rock mit Schottenmuster, unter dem sich ihre mit dicken dunklen Strumpfbändern überzogenen Beine unfreizügig zeigten. Er hatte sie vom ersten Moment auf den Stapel “Uninteressant” gelegt und es dabei bewenden lassen. Seiner Meinung nach glaubten Mädchen wie sie noch an Traumprinzen auf weißen Rössern, die sie irgendwann holen kamen um sie auf ihr Schloss zu entführen, ihnen dann einen Braten in die Röhre zu schieben und sie als billige Putzkräfte zu dulden. Irgendwann würden diese armen Geschöpfe dann eines Morgens aufwachen und feststellen, dass sie ihr gesamtes nutzloses Leben einem Typen geopfert haben, der ihnen einfach die richtigen Worte ins Ohr flüsterte und eine Zweisamkeit ewiger und endloser Liebe versprach, um dann nach höchstens zehn Jahren Ehe mit der eigenen Sekretärin durchzubrennen. So war nun einmal das Leben.

Doch so, wie Theresa ihn an diesem Nachmittag ansah, wanderte sie direkt von Kevins “Uninteressant”- auf den “Womöglich möglich”-Stapel. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie zwar wieder einen ihrer abgefahren bunten Hipster-Röcke trug (dieses Mal einen mit einem blaugrünen Karomuster), aber ohne Strumpfbänder darunter. Ihre Hippster-Brille war womöglich in ihrem Rucksack oder ihrem dunkelblauen Reisetrolley, den sie hinter sich her zog, in jedem Fall aber nicht auf ihrer Nase. Und sie trug ihr schulterlanges braunes Haar dieses Mal offen, sodass es vom leichten Wind sanft hin und her geweht wurde. Ja, in diesem Moment fand Kevin Theresa das erste Mal tatsächlich interessant, und das trotz des sehr geschlossenen Tops, das kaum Einblicke bot. Ganz offensichtlich konnte auch sie seinem puren männlichen Charme nicht widerstehen, das zumindest las er aus ihrem Gesicht und ihrem Lächeln, das so viel mehr auszudrücken schien als rein freundschaftliches Interesse.

Womöglich wird’s doch kein so ödes Wochenende, dachte er und schenkte Theresa seinerseits ein mehrdeutiges Lächeln, Nein, womöglich wird’s doch nicht so öde.

Dann, nach knapp fünfzehn Minuten steten Aufstiegs, strahlend blauem Himmel und umgebender reiner Natur des Spessarts, kam der Kerberer Hof in Sichtweite. Er lag abgelegen auf einer riesigen Lichtung und ragte wie ein Schloss daraus hervor. Theresa und Kevin blieben gleichzeitig an Ort und Stelle wie angewurzelt stehen und blickten beide überrascht zu diesem Monstrum von einem Hof, das sich da plötzlich, nur wenige hundert Meter von ihnen entfernt, inmitten der freien Natur auftat.