Reden ist Silber, Machen ist Gold

Warum der Wille wichtiger ist als große Pläne.

Wir leben in einer Zeit nahezu unbegrenzter Möglichkeiten. Uns stehen Türen und Tore offen, die so vor zehn, zwanzig oder gar fünfzig Jahren noch unvorstellbar gewesen waren. Das digitale Zeitalter hat die Arbeitswelt in vielen Bereichen grundlegend verändert, wir sind flexibler und haben völlig neue Möglichkeiten, eigene Ideen und Projekte umzusetzen.

Und letzten Endes spielt das nicht die geringste Rolle. Großartige Dinge passieren, weil Menschen etwas tun. Unabhängig davon, welche Grundlage ihnen zur Verfügung steht.

Eine kleine Anekdote

Aus beruflicher Sicht gab es in meinem Leben bisher zwei große Ereignisse, die ich durchlebt und die mir seinerzeit einige schlaflose Nächte und Kopfschmerzen bereitet habe. Das erste dieser Ereignisse war 2011. Ich hatte im Jahr zuvor damit begonnen, hobbymäßig neben der Arbeit eine eigene App für das iPhone zu entwickeln. Im Februar 2011 war die erste Version fertig und ging im App Store online. Einige Monate darauf erhielt ich eine Anfrage von einer Internetagentur aus Darmstadt, ob ich nicht Interesse hätte, für sie als App-Entwickler zu arbeiten.

Ich war unglaublich aufgeregt. Im ersten Moment war diese Anfrage für mich absolut surreal. Ich erinnere mich noch, dass ich — ohne großartig darüber nachzudenken — frei Schnauze auf jene Anfrage geantwortet habe; auf vollkommen ungezwungene Art und Weise. Ich war zu diesem Zeitpunkt vollkommen zufrieden mit meinem Beruf als Technischer Mitarbeiter an einer Hochschule und dachte bis zu diesem Zeitpunkt nicht an einen Jobwechsel.

Und dennoch. Schließlich ging es hier darum, ein von mir im Jahr davor begonnenes und inzwischen heiß geliebtes Hobby in meinen Beruf umzuwandeln, und diese Vorstellung zog mich an. Und letzten Endes war klar: Was hatte ich denn zu verlieren?

So kam eins zum anderen: Ich wurde zu einem Probearbeitstag eingeladen, und nachmittags darauf traf ich mich mit meinem besten Freund zum Essen. Und ich weiß noch ziemlich genau, was ich zu ihm in Bezug auf diese neue mögliche Stelle sagte. Oder besser gesagt in Bezug auf meine bisherige Stelle als Technischer Mitarbeiter: „Wenn ich mir vorstelle, morgen wieder in die Hochschule zu gehen, habe ich überhaupt keine Lust darauf.“

Die Internetagentur hatte mich. Meine Worte klingen für mich persönlich, jetzt, wo ich sie so da stehen sehe, ziemlich hart, weil sie implizieren, dass mir meine Arbeit als Technischer Mitarbeiter keine Freude bereitet hätte; das ist falsch und stimmt nicht. Doch war es so, dass mich dieser eine Tag, in dem ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, so begeistert und umgehauen hat, das mir meine bisherige Arbeit tatsächlich wie reine und freudlose Arbeit erschien. Auch das klingt viel härter, als es war, aber es macht meinen persönlichen Zwiespalt und inneren Konflikt deutlich.

Und was war das End vom Lied? Circa ein Dreivierteljahr später habe ich meine Anstellung als Technischer Mitarbeiter an der Hochschule gekündigt und wechselte im Februar 2012 als App-Entwickler zur genannten Internetagentur. Dort blieb ich knapp zweieinhalb Jahre. Warum es ein Dreivierteljahr gedauert hat, ehe ich wechselte? Weil dieser Schritt für mich ein verdammt großer war, über den ich sehr sehr lange nachgedacht habe. Doch die letztendliche Entscheidung war richtig und ich habe sie zu keinem Zeitpunkt bereut.

Hätte ich mir solch einen Werdegang in meinen kühnsten Träumen vorstellen können? Nein, ich glaube nicht. Was damals geschehen ist, war eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die — aus meiner persönlichen Sicht — unmöglich planbar gewesen wären. Eins führte zum anderen. Doch es gab einen klaren Grundstein für diese Entwicklung: Ich tat etwas.

Ich saß mich in meiner Freizeit hin und entwickelte Apps. Niemand zwang mich dazu, es gab mir keinen finanziellen Benefit, ich tat es einfach, weil es mich ausfüllte und weil ich es wollte. Ich habe mich nie aktiv darum bemüht, mehr aus diesem Hobby zu machen, und doch kam die entsprechende Chance von ganz alleine. Dieser Moment hat mir wie kaum ein anderer gezeigt, dass im Leben vieles möglich ist, wenn man sich nur hinsetzt und Dinge in Angriff nimmt. Ein anderer Moment — der für mich bisher wohl unglaublichste und wegweisendste überhaupt — ereignete sich Ende 2013.

„Hätten Sie Interesse, ein Fachbuch zu schreiben?“

Die genannte Internetagentur bekam 2013 die Möglichkeit, einen Fachartikel zu Drupal für eine Fachzeitschrift zu schreiben. Da in unserem überschaubaren Team jeder wusste, das ich ein kleiner Hobby-Schriftsteller bin, fiel mir diese Aufgabe zu, und ich freute mich auch riesig darüber. Ich glaube, dass dieser Artikel knapp zwei ganze Tage Arbeit auffraß, am Ende aber allen Teamkollegen gefiel und so auch veröffentlicht und gedruckt wurde. Ich war stolz wie Oscar, als ich die fünf Freiexemplare der betreffenden Ausgabe erhielt und darin einen gedruckten Text von mir vorfand. Das war erst das zweite Mal in meinem Leben, das ein Text von mir gedruckt und veröffentlicht wurde, und ich halte auch heute noch eben jene Ausgabe dieser Fachzeitschrift in Ehren. Nicht zuletzt aufgrund der Ereignisse, die dieser Fachartikel wie eine Lawine auslöste.

Es war im Spätsommer oder Herbst 2013, als jener Fachartikel erschien, und es dauerte nicht lange, da ich von meiner zukünftigen Lektorin des Carl Hanser Verlags einen Anruf erhielt. Ich erinnere mich noch, dass es mittags war, als sie versuchte anzurufen, und ich zu diesem Zeitpunkt gerade mit meinen ehemaligen Kollegen von der Hochschule zusammen zu Mittag aß. Ich ignorierte den Anruf. Glücklicherweise sprach sie mir auf die Mailbox.

Ich war an diesem Tag zu Fuß unterwegs und hörte auf dem Nachhauseweg eben jene Nachricht ab, die sie mir hinterlassen hatte. Und ich glaube, dass mir alles, wirklich alles aus dem Gesicht fuhr, als ich die Nachricht hörte. Ich wurde doch tatsächlich gefragt, ob ich Interesse hätte, ein Fachbuch für den Carl Hanser Verlag zu schreiben.

Da war er schon wieder. So ein Moment, der sich auf unbegreifbare Art und Weise anschickte, wieder einmal alles durcheinander zu werfen. Das Schreiben, das seit meiner Pubertät ein ständiger Begleiter in meinem Leben ist — wenn bis dato zu diesem Zeitpunkt auch nur hobbymäßig — schien auf einmal eine berufliche Grundlage zu erhalten; und das aufgrund eines einzigen Fachartikels.

Um es kurz zu machen: Ich sagte zu, ich konnte gar nicht anders. Hätte ich diese Chance verstreichen lassen, wäre ich meiner Lebtage nicht mehr froh geworden. Um das Buchprojekt und meinen Vollzeitjob parallel stemmen zu können, baute ich ein halbes Jahr lang angesammelte Überstunden ab (es waren glücklicherweise um die vierhundert) und schaffte es so, bis zum Sommer 2014 das Manuskript meines ersten Buches „Apps für iOS 8 professionell entwickeln“ abzuschließen und abzugeben.

Doch das war nur der Anfang. Denn noch bevor das Manuskript dieses Buches vollständig abgeschlossen war, fragte der Carl Hanser Verlag direkt ein zweites Fachbuch an. Da Apple im selben Jahr seine neue Programmiersprache Swift vorstellte, wünschte sich der Verlag auch dazu ein eigenes, separiertes Buch. Ich hatte die Chance, direkt mit dem Schreiben weiterzumachen. Doch es war klar, dass ich beides — meine Vollzeitstelle als App-Entwickler bei der Internetagentur und das Schreiben des Buches — nicht würde stemmen können; zum einen waren die Überstunden fast aufgebraucht, zum anderen hatte ich für das zweite Buch nur knapp drei Monate Zeit, da dass entsprechende Manuskript bis Ende 2014 fertiggestellt werden sollte. Es war also an mir, eine Entscheidung zu fällen: Vollzeitstelle und festes Gehalt behalten oder kündigen und Buch schreiben? Gewissheit oder Ungewissheit? Sicherheit oder Wahnsinn?

Tief in meinem Herzen wusste ich die Antwort von Beginn an. Nach knapp vier Wochen Überlegungszeit war es dann offiziell. Ich kündigte meinen Job als App-Entwickler und schrieb das Buch. Und machte mich auf diese Art und Weise langsam selbstständig.

Weniger Reden, mehr Machen

Aus diesen beiden Ereignissen, die beide mein Leben zu ihrer damaligen Zeit ziemlich umkrempelten, wurde mir eines unmissverständlich bewusst: wenn man im Leben etwas erreichen möchte, wenn man seine Träume Wirklichkeit werden lassen möchte, dann muss man sie leben. Einfach machen. Und wenn es nur ein paar wenige Stunden pro Tag sind, die man dafür opfert. Das Leben findet Wege, etwas daraus zu machen, auch wenn es bisweilen sehr lange dauern mag und einen langen Atem voraussetzt.

Hätte ich mich nicht nach meinem Vollzeitjob hingesetzt und binnen weniger Wochen die Programmierung von iOS-Apps gelernt, eine erste App entwickelt und veröffentlicht, wäre ich wohl nie als App-Entwickler bei einer Internetagentur gelandet. Und hätte ich nicht schon immer — seit inzwischen wohl über zehn (!) Jahren — regelmäßig geschrieben, so hätte ich nicht den genannten Fachartikel zu Papier gebracht und es wäre nicht ein Carl Hanser Verlag auf mich aufmerksam geworden. Das, was mich heute beruflich auszeichnet, war keine Karriere, die ich nach einem strikten Plan durchgezogen habe. Es waren schlicht Ereignisse, die nach und nach eingetreten sind, als Ergebnis all meiner (meist freizeitlichen) Bemühungen.

Wir neigen dazu, bestimmten Dingen im Leben, die wir gerne tun würden, eine klare Absage zu erteilen, indem wir sagen: „Dafür habe ich keine Zeit“. Und ich glaube, dass diese Aussage meist nichts weiter als eine große Selbstlüge ist. Wer wirklich will, der macht auch.

Niemand zwingt mich, in meiner freien Zeit Apps zu entwickeln und Romane und Kurzgeschichten zu schreiben. Ich mache es einfach.

Stephen King hatte zwei Jobs und eine Familie, während er — vor seinem beruflichen Erfolg — Kurzgeschichten und Romane schrieb. Eine solche Grundlage — zwei Jobs und Familie — würde wohl viele von uns zu der Aussage treiben, dass zusätzlich das Schreiben damit absolut unmöglich ist; dafür hat man dann schließlich nun wirklich keine Zeit mehr. Doch Stephen King tat es. Und er ist für mich damit das Paradebeispiel eines Menschen, der trotz aller Umstände, trotz aller Schwierigkeiten und trotz der wenigen Zeit seinen Traum verfolgt, ihn gelebt und damit dann letzten Endes auch erreicht hat.

Und jeder einzelne von uns kann das auch. Es läuft letzten Endes nur auf eine einzige Entscheidung hinaus: Ist man bereit, den Willen, das Durchhaltevermögen und die Stärke aufzubringen, etwas zu tun, das man liebt und das einen ausfüllt, oder lässt man es? Es hat jeder einzelne selbst in der Hand. Das ist das Leben. Wohl das einzige, das jeder von uns hat. Machen wir etwas daraus.

Euer Thomas