Warum ich YouTube (zum jetzigen Zeitpunkt) Udemy vorziehe

Im Herbst letzten Jahres habe ich damit begonnen, mich einmal intensiver mit der Learning-Plattform Udemy auseinanderzusetzen. Es ging dabei um die Idee, verstärkt Lernvideos zu nutzen, um mein Know-How zur Apple-Programmierung weiterzugeben. Diese Videos sollten eine Ergänzung zu meinen Fachbüchern und Fachartikeln darstellen und damit nicht zuletzt auch neue Zielgruppen ansprechen.

Jenes Auseinandersetzen mit Udemy liegt nun schon eine ganze Weile zurück. Um die drei verschiedenen Projektanläufe hatte ich auf dieser Plattform in Angriff genommen, ehe ich mich im März kurzfristig dazu entschlossen habe, statt Udemy lieber YouTube zur Veröffentlichung meiner Lernvideos zu verwenden. Diese Entscheidung ist mir alles andere als leicht gefallen, doch am Ende waren es vier signifikante Punkte, die zum jetzigen Zeitpunkt den Ausschlag zugunsten YouTube gegeben haben.


1. Flexibilität und Dynamik

Udemy setzt auf einen klar strukturierten Lehrplan. An sich finde ich das absolut begrüßenswert und die entsprechende Umsetzung in Udemy mehr als gelungen. Aber es verpflichtet mich, einen Kurs mit allen zugehörigen Videos im Vorhinein umzusetzen und komplett und vollständig bereitzustellen, ehe auch nur ein Nutzer einen Blick auf ein einziges Lernvideos werfen kann. Ich bin als Trainer also zunächst in der Pflicht, 100% des gesamten Materials fertigzustellen, ehe auch nur ein Video meines Kurses einem Publikum zur Verfügung steht.

Aus Sicht von Udemy ist dieses Vorgehen natürlich absolut nachvollziehbar, schließlich bietet die Plattform nur vollständige Kurse an (die optional sogar kostenpflichtig sein können, was ebenfalls einen gewissen Qualitätsanspruch voraussetzt). Allerdings raubt dieser Prozess jegliche Flexibilität und Dynamik. Mal schnell zusätzlich ein neues Thema besprechen, das einem während der Durchführung eines Lernvideos in den Sinn kam? Ist nicht, es sei denn, es lässt sich noch irgendwie in den bestehenden Lehrplan pressen. Feedback der Nutzer in zukünftigen Videos berücksichtigen? Nicht möglich, schließlich wird alles im Vorhinein vorproduziert. Auf aktuelle Geschehnisse wie Updates, News oder Trends eingehen? Nope, schließlich können diese erst berücksichtigt werden, wenn ein Kurs vollständig fertiggestellt und veröffentlicht ist, was in der Regel bedeutet, dass jenes aktuelle Geschehniss gar nicht mehr aktuell ist (und damit entweder kein Video mehr braucht oder — noch schlimmer — bestehende Videos noch einmal diesbezüglich teilweise oder sogar komplett überarbeitet werden müssen).

Im Gegensatz zu diesem starren Konzept, bei dem alle Videos zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einmal veröffentlicht werden, kann ich durch regelmäßiges Bereitstellen neuer Videos mögliche Updates oder Trends umgehend berücksichtigen. Das Feedback der Nutzer kann sofort in neue Videos einfließen, auf mögliche Wünsche kann direkt eingegangen werden. Statt eines starren fertigen Produkts in Form eines Kurses steht so eine dynamische Videoreihe, die vom Austausch mit der Community und der Zielgruppe lebt und wodurch etwas ganz Einzigartiges entsteht, das man so im Vorhinein kaum hätte durchplanen können.

2. Fokus auf Community

Apropos Community: Was mir bei meiner Arbeit — ganz gleich ob als Autor, Trainer oder App-Entwickler — mit die meiste Freude bereitet, ist der Austausch mit sowie das Feedback der Community. Der direkte Kontakt zu all den Leuten — zu euch -, die meine Inhalte lesen, nutzen oder betrachten, ist mir unendlich wichtig. Ich bin so froh darüber, meine Inhalte nicht irgendeiner mir verborgenen Nutzerschaft anzubieten, sondern stattdessen direkt mit der Community zu interagieren. Sei es nun, ob sie mir aufgrund von Kritik einen Schubser in die richtige Richtung gibt oder sie mich dank lobender Worte motiviert; dieser Austausch ist in meinen Augen Gold wert, ging aber bei Lernvideos zu einem großen Teil verloren, wenn ich ein Riesenprodukt am Ende der Fertigstellung anböte statt mit der Community in regelmäßigen Abständen die neuen Inhalten zu teilen und darauf aufzubauen.

3. Motivation — für mich und die Community

Jener Aspekt — das regelmäßige Bereitstellen neuer Videos statt die Veröffentlichung eines Kurses mit Dutzenden solcher Videos auf einen Schlag — spielt für mich zusätzlich im Bereich Motivation eine immens große Rolle.

Ich habe eingangs erwähnt, dass ich ganze drei (!) unterschiedliche Projekte binnen weniger Wochen auf Udemy nacheinander in Angriff genommen habe. Wie ihr euch inzwischen sicher denken könnt, wurde kein einziges dieser Projekte jemals fertiggestellt. Im Gegenteil, meist war nach maximal fünf Videos auch schon wieder Schluss, und das Projekt schlief ein.

Einerseits kann man das sicherlich zum Teil auf mein Swift-Buch-Projekt zurückführen, welches Ende letzten Jahres — zu jenem Zeitpunkt, wo ich anfing, mir Udemy genauer anzusehen — seine Hochphase erlebte und somit den Großteil meiner Zeit in Anspruch nahm. Doch in Wirklichkeit ist das nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich fand ich es persönlich total unmotivierend, vorab Dutzende von Videos zu produzieren, um am Ende ein (hoffentlich) gelungenes Produkt vorweisen zu können. Während der Erstellung eines Kurses für Udemy lässt sich kein Feedback der eigenen Community abholen (schließlich muss dieser erst komplett fertiggestellt werden), und man selbst hat ebenso erst offiziell etwas anzubieten, sobald alle Videos und damit der Kurs komplett abgeschlossen sind. Und das fand ich ungeheuer frustrierend.

Aktuell veröffentliche ich jeden Werktag ein neues Lernvideo auf YouTube, inzwischen sind wir dabei schon in der dritten Woche dieses Projekts angelangt. Die Arbeit ist dieselbe, es müssen ebenfalls Videos produziert, geschnitten, exportiert und hochgeladen werden. Doch ich erhalte viel schneller Feedback. Ich sehe umgehend Ergebnisse, die online auf YouTube abrufbar sind. Die Videos liegen nicht wochenlang auf einer Webplattform ohne Nutzen herum und warten darauf, dass der Rest der Videos erstellt und bereitgestellt wird. Ein fertiges Video landet stattdessen umgehend auf YouTube und wird zu einem passenden Zeitpunkt terminiert; fertig. Ich erlebe den Fortschritt, den das Projekt nimmt, hautnah mit, und das motiviert mich noch mehr, am Ball zu bleiben und bloß keinen Tag ohne neu bereitgestelltes Video zu beenden (schließlich muss auch das dann vor der Community gerechtfertigt werden, und zwar zurecht).

Ebenso ist dieses Vorgehen für die Community eine großartige Sache. Sie werden nicht von einer gigantischen Masse an Videos erschlagen, sondern erhalten Tag für Tag Nachschub und regelmäßig neuen Content, und das finde ich einfach wunderbar.

4. Freiere Gestaltungsmöglichkeiten

Zu guter Letzt gibt es einen Aspekt, der wohl mit zu den entscheidensten gehört, warum ich mich zum jetzigen Zeitpunkt gegen Udemy und für YouTube als Publishing-Plattform entschieden habe, und das ist meine Persönlichkeit.

Kunstpause.

Klingt komisch, ist aber so.

Ich bin ein Scherzbold. Ich mache gerne Späßchen, nehme mich selbst nicht allzu ernst und schwatze daher, wie mir das Maul gewachsen ist. Das gilt sowohl für meine Texte als auch für meine Webvideos. Das gehört einfach zu mir dazu, das bin ich, und wenn ich schon als Person Videos für die Masse produziere, dann möchte ich auch zu 100% authentisch sein.

Dazu gehört, dass ich über Probleme oder Fehler — auch in einem Lernvideo — schlicht lache, vielleicht noch einen blöden Witz reiße und das Ding dann trotzdem — oder gerade deswegen — veröffentliche. Auf diese Art und Weise möchte ich auch meine Zielgruppe erreichen. Wer an einem bierernsten und trockenen Seminar interessiert ist, ist bei mir falsch (auch in der realen Welt). Zu mir gehört der Witz, zu mir gehört die Lockerheit, zu mir gehört, dass ich womöglich primär den Spaß an der Sache als die Sache selbst verkörpere. Und damit bin ich zufrieden, und so will ich arbeiten.

Auf YouTube kann ich das. YouTube ist dafür konzipiert, so ziemlich alles in jeder nur erdenklichen Form bereitzustellen, weshalb auch meine Lernvideos problemlos auf diese Plattform passen. Bei Udemy aber…

Versteht mich an dieser Stelle bitte nicht falsch: Natürlich sind die Kurse auf Udemy nicht per se bieder oder langweilig, ganz sicher nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass ich selbst als Person nicht auf diese Plattform passe. Der Ulk gehört in gewisser Weise zu mir, und bei allem, was ich auf Udemy gesehen und erlebt habe, hatte ich das Gefühl, dass jener Ulk dort nichts verloren hat. Und das verstehe ich sogar.

Udemy steht für Qualität pur, und das ist großartig. Und ich möchte damit auch nicht zum Ausdruck bringen, dass ich keine Qualität abliefern könne (das kann ich nämlich durchaus). Aber ich liefere sie auf meine Art und Weise, und ich befürchte, diese wird dem Anspruch von Udemy nicht gerecht. Udemy umgibt in meinen Augen eine Aura der Seriosität, und auch wenn ich durchaus ein seriöser Mensch bin, stehen für mich bei Lernvideos Witz und Spaß an allererster Stelle, und mir scheint, dass Udemy dafür nicht die richtige Plattform ist. Ich meine, würden dort jene Lernvideos, die aktuell bei YouTube täglich von mir veröffentlicht werden, in Kursform angeboten werden? Irgendwie bezweifle ich das. Und das liegt nicht daran, dass ich keinen professionellen Content abliefere.


Keine Entscheidung für die Ewigkeit

Ich persönlich habe mir die letztliche Entscheidung, meine neuen Lernvideos wieder über YouTube anzubieten, nicht leicht gemacht. Am Ende war es eher eine Entscheidung aus dem Bauch heraus und ich glaube, sie war richtig — zumindest zum jetzigen Zeitpunkt.

Dabei hat Udemy durchaus großartige Vorteile. Das bereits gelobte Lehrplansystem ist wirklich super. Das Einbinden zusätzlicher Materialien zu eigenen Lessons ist ebenfalls eine exzellente Sache, die so über YouTube nur über Umwege und Handarbeit umgesetzt werden kann. Zu guter Letzt ist die Wahrscheinlichkeit, mit Udemy Geld zu verdienen, in meinen Augen um ein Vielfaches größer als mit YouTube (zumal YouTube auf Werbung setzt, was ich persönlich als eine der unattraktivsten Möglichkeiten zum Gelderwerb empfinde, aber sei’s drum).

Doch gerade diesen letzten Punkt wollte ich nicht als Grundlage für meine Lernvideos heranziehen, denn darum geht es für mich schlicht nicht. Natürlich bin ich froh, wenn ich mit meiner Arbeit — mit allem, was ich tue, auch dem Schreiben solcher Texte hier — meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, aber das heißt nicht, dass ich nur noch Dinge tue, die mit Sicherheit oder großer Wahrscheinlichkeit bares Geld bringen. Dann nämlich darf ich auch Beiträge wie diesen hier nicht mehr schreiben, denn an denen verdiene ich effektiv keinen Cent.

Warum ich das mache, ist ganz simpel: Ich liebe es! Und wenn ich nebenher Vollzeit für vierzig Stunden arbeiten würde, würde ich mir diese Liebe und diese Tätigkeit auch nicht nehmen lassen.

Und meiner Community in Form von kostenfreien Lernvideos etwas zurückzugeben, ist ebenso eine Herzensangelegenheit für mich. Und genau darum mache ich damit auch weiter. Und freue mich auf den Austausch. :)

Ob ich irgendwann in Zukunft doch noch einmal mit Udemy liebäugeln werde? Gut möglich. Doch ich schätze, das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. :)

Euer Thomas

Like what you read? Give Thomas Sillmann a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.