Wisch und Weg: Verändern Dating Apps die Liebe?

Ist das Liebe oder kann das weg? Photo by Sweet Ice Cream Photography on Unsplash

Tinder, Lovoo, OKCupid — Es gibt immer mehr Dating-Apps auf dem Markt. Der neueste Streich heißt “Sudy” und ist — einfach gesagt — eine Partnervermittlung in Echtzeit für reiche Männer und attraktive Frauen.

Ist das okay? Verändert das unsere Vorstellung von Beziehung und Liebe?

Sudy ist eine Tinder-ähnliche Sugar Daddy Dating App, durch die reiche und erfolgreiche Männer junge und hübsche Frauen treffen können, um gegenseitige Arrangements und Spaß zu finden.

sudy: Sugar Daddys und junge, hübsche Frauen und Männer: Geld und Geschenke gegen Sex und Nähe

Treffen mit Gleichgesinnten

Sugar Daddys — also ältere Männer, die sehr junge Frauen treffen — sind in der Gesellschaft kein neues Phänomen. In jüngster Zeit ist wohl Donald Trump der bekannteste Mann, der seine Frauen einfach austauscht, wenn sie nicht mehr jung und schön genug sind.

“Wisst ihr, es macht gar nichts, was die Medien schreiben, solange du ein junges, schönes Stück Hintern an deiner Seite hast.” zitiert ihn das Magazin MarieClaire.

Und ja, offenbar scheint es genug Frauen zu geben, die ihrerseits dazu bereit sind, auch wenn sie wissen, was ein Mann wie Donald Trump sonst so von Frauen hält.

Muss ja jeder für sich selbst entscheiden.

Gründerszene veröfffentlichte vor etwa einem Monat einen wunderbaren Artikel über die verrücktesten Dating-Seiten, die sie gefunden haben. Darunter sind zum Beispiel Sizzl (Dating für Bacon-Liebhaber), Glutenfreesingles (Dating als Gluten-frei-Ernährer), Theuglybugball (Dating für den “ästhetischen Durchschnitt”) oder Bristler, für die die Bärte tragen und die, die Bärte gern anfassen.

Ist das normal?

Manche Menschen definieren sich über eine besondere Eigenschaft, manche über ihr Äußeres, manche über den Beruf. Das änderte sich nicht mit dem Aufkommen von Online Dating oder Dating Apps. Menschen finden sich in Gruppen zusammen. Die einen kochen gern, die anderen lieben das Reisen, wieder andere hören die gleiche Musik. Der Mensch verortet sich, schließt sich anderen an und grenzt sich von anderen ab. Diese Praxis etablierten wir in Jahrzehnten.

Wenn das Wichtigste also an mir ist, dass ich einen Bart habe, dann hätte ich auch gern, dass er gebührend geschätzt wird. Warum sollte es also nicht spezifische Portale und Apps dafür geben?

Partnervermittlung ist nicht gleich Partnervermittlung

Grundsätzlich sollte unterschieden werden, ob es sich um Partnervermittlung (also mit dem Ziel, das Single-Leben zu beenden) oder sogenanntes Casual Dating (sprich:zwangloses Treffen — Tinder wurde für Singles zwischen 18 und 35 konzipiert, die auch ganz gern Single bleiben wollen) handelt.

Daher sollte die erste Überlegung zunächst sein, ob man sich unverbindlich und mit offener Entwicklung zwanglos mit attraktiven Menschen treffen will, oder doch eigentlich nach der großen Liebe sucht. Dass man auch bei Tinder auf die große Liebe treffen kann oder bei ElitePartner nur unverbindliche Körperkontakt-Anfragen bekommt, ist dabei nicht ausgeschlossen. Es kann aber durchaus etwas über Mehrheiten aussagen.

Das digitales Profil und die nackte Realität

Durch die digitalen Profile kann man sich ein Hochglanz-Bild von sich selbst schaffen. Hier ein bisschen Photoshop, dort ein wenig geschummelt — wie der Mensch dann in Wirklichkeit ist, wie er sich gibt, aussieht und redet, darüber lassen sich keine sicheren Prognosen schaffen. Weder bei der einen, noch bei der anderen Datingseite oder App.

Spätestens aber bei einem realen Treffen kann das Gegenüber dann trotzdem entscheiden, ob das toleriert wird oder nicht. Unter diesem Gesichtspunkt macht es eigentlich besonders viel Sinn, sich zu sehr zu verstellen.

Die Kritik: Oberflächlichkeit

Bei den meisten Apps braucht es nicht mehr als 3 Fotografien, ein oder zwei Lieblingsserien und ein nettes Sprüchlein. Wenn überhaupt. Der Vorwurf, dass Tinder, Lovoo oder OKCupid deshalb die appifizierte Oberflächlichkeit darstellen, mag zutreffen, allerdings bezweifle ich, dass es im Offline-Dating jemals anders war. Auch wer in einer Bar Ausschau nach geeigneten Gegenübern hielt, wird sich um das attraktive Aussehen geschert haben. So funktionieren wir eben. Im zweiten Schritt nach der rein äußerlichen Attraktion folgt dann erst eine inhaltliche Auseinandersetzung. Nämlich dann, wenn das besagte Gegenüber den Mund aufmacht und anfängt, zu reden.

Das funktioniert bei Tinder und Lovoo genauso, nur eben durch Chatnachrichten. Dabei jedoch gibt es einen massiven Unterschied: Geschrieben wird erst, wenn beide Seiten sich gut finden.

Rechts wischen erwünscht

Gefällt sie dir, wische nach rechts. Wenn nicht, mit einem “Swipe” nach links, auf Nimmerwiedersehen. Es ist so einfach. Gefällt auch ihr dein Bild, bekommst du eine nette Nachricht (It´s a Match!” — Es passt!), eine Portion Selbstbestätigung und kannst dich austauschen. Aber das ist der Knackpunkt: Wenn immer nur positive Rückmeldung kommt, kann sich das gesunde Selbstbild schnell verzerren.

Ein Match löst eine sogenannte Erwartungssicherheit aus, so Helen Bömelburg vom Stern. Man geht nicht mehr aufeinander zu und findet heraus, ob das Gegenüber ebenfalls angezogen ist, man weiß es im Voraus.

“Wir haben die Angst vor Zurückweisung abgeschafft” — Sean Rad, einer der Gründer.

Tinder hat, laut der Angaben in meinem App Store zwischen 100.000 und 500.000 Millionen Downloads, allein in Deutschland über 2,3 Millionen Nutzer. Das bedeutet viele, viele potenzielle Matches — die Auswahl ist riesig! Warum also sollte man sich auf einen Partner festlegen, wenn der nächste nur einen Wisch und zwei Häuserblöcke entfernt ist? Was, wenn dieser Mensch noch aufregender, schöner, besser ist?

Hier greifen gleich die nächsten Zahlen: 42 % der Tinder-Nutzer sind bereits in einer Beziehung, 30% sogar verheiratet, so eine Studie des GlobalWebIndex. Diesen 42% geht es, trotz der Marketing-Maßnahmen von Tinder und Lovoo nicht primär darum, die große, endlose Liebe zu finden.

Ein neuer Begriff ist in der Sozialwissenschaft dazu aufgetaucht: das “Ghosting”. Am Anfang steht ein Match, es folgen Treffen, stundenlange Chats, Aufregung — und auf einen Schlag ist alles vorbei. Nummer geändert, entmatcht, in den Weiten des Netzes verloren. Wozu denn noch erklären, was passiert ist? Weshalb sich die Meinung plötzlich änderte? Der Flirt wird zum Geist — als sei alles nie wirklich passiert.

Ich liebe die Liebe und die Liebe liebt mich.

Besteht die Liebe in Zeiten des Online-Datings also nur noch aus dem kurzweiligem Miteinander? Ein spontaner Flirt, eine leidenschaftliche Nacht, belangloser Sex? Die Aufregung einer ersten und vermutlich einzigen Begegnung?

Die Anzahl der Singles gibt dem Recht: Jeder dritte Haushalt in Deutschland ist ein Single-Haushalt. Noch nie zuvor gab es so viele Singles wie heute. Aber ist das eine Folge von Online Plattformen, Apps oder Whatsapp-Gruppen?

Vielleicht sind wir durch das Wissen um die Anzahl der Möglichkeiten zu kleinkariert geworden. Zu perfektionistisch. Suchen nach noch strafferen Oberschenkeln oder blonderen Haaren.

“Wir schützen unsere Herzen. Wir sind zu blöd für die Liebe.”

Isabell Prophet (welch passender Name) vom Blog der FAZ schreibt:

“Der Ökonom spricht von individuell rationalem Verhalten. Wie könnten wir uns verlieben, wenn wir wissen, dass auch der andere all diese [unendlichen] Möglichkeiten sieht? Liebe ist im ökonomischen Sinn ein Gefangenen-Dilemma: Wenn ich mich verlieben, der andere aber nicht, dann habe ich einen Verlust. Wenn sich keiner verliebt, dann hat wenigstens niemand verloren.”

Oder aber, die Tendenzen zu überbordender Individualität, der eigenen Besonderheit und absurden Ansprüchen gibt es schon länger. Und daran ist nicht Tinder schuld. In den Großstädten wird seit Jahren darüber geredet.

Die Ehe ist eine religiöse Institution. Und wir zweifeln diese Form des Zusammenlebens zunehmend an. Natürlich macht es eine Sache nicht durchschaubarer, wenn man sie nicht genau definieren kann. Die Ehe ist nicht mehr automatisch eine Liebesbeziehung. Und ein Kennenlernen und Verlieben endet nicht mehr regulär in einer Ehe.

Wir machen uns also daran, die Liebe an sich neu zu definieren. Für uns selbst, individuell, nicht mehr für eine ganze Generation. Für einige mag die Liebe gar keine Rolle mehr spielen. Die Gespräche, emotionale Nähe oder die Wochenendausflüge decken Freunde ab, der Körperkontakt wird durch das belanglose Treffen mit Tinder-Partnern abgedeckt.

Geht man nach den Tinder-Zahlen, wäre das etwas weniger als die Hälfte der Menschen. Für die andere Hälfte kann Liebe auch immer noch das bedeuten, was sie vor 200 Jahren schon war.

Zum Schluss möchte ich noch einmal Helen Blömberg zitieren:

“Auch für digitale Paarungsmaschinen gilt die alte Handwerker-Weisheit: Das Ding ist immer nur so doof wie sein Benutzer. Und die Liebe so tief, wie zwei es zulassen.”

Schlussendlich komme ich zu dem Schluss, dass jeder für sich selbst entscheiden muss, wonach er sucht und was die Zukunft der Liebe für ihn bedeutet. Pauschal den Online Dating — Seiten und Apps die Schuld für das “Verlorengehen der Liebe” zu geben, greift zu kurz. Letztendlich hat der Mensch noch immer den Controller in der Hand.

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