Monsterjäger

Eine Kurzgeschichte

Bildquelle: http://www.clipartkid.com/wildcat-claw-cliparts/

Sechs Freunde standen dicht gedrängt in der schwarzen Kälte, die von allen Seiten zu kommen schien. Harry und Bud schauten vorne in die Dunkelheit. Außer schwarz war nichts zu erkennen. Hinter Harry stand die kühle Blonde aus dem hohen Norden und drängte sich nah an ihn heran. Neben ihr stand Valentin, der nur selten sprach. Die Nachhut bildeten die Gebrüder Beck. Der eine stark, mit dunklem Teint, der andere hell und aufmüpfig.

„Warum geht Ihr eigentlich immer vor?“

„Weil wir nicht solche Pussys sind, wie Ihr.“

„Was sollʼn das heißen? Hier ist nur eine Pussy anwesend und die steht zwischen uns.“

„Darüber ist er doch froh. Dann kann sie ihn beschützen.“

„Psst – jetzt haltet alle mal die Klappe. Wenn Ihr so blöd rumquatscht finden wir es nie.“

Bevor noch jemand etwas sagen konnte, blendete sie grelles Licht, dass wie die Kälte von überall zu kommen schien. Ein Schwall warmer Luft umströmte die Gruppe, dann erlosch das Licht und die Kälte kehrte zurück.

„Was warʼn das?“ fragte die Frauenstimme, die nur noch ihren Hintermann spürte.

Neben ihr antwortete jemand: „Ich weiß nicht. Aber wo sind Harry und Bud?“

„Scheiße. Harry und Bud sind weg.“

Die Brüder schauten sich um und drängten sich an die beiden vor ihnen.

„Wollen die uns verarschen?“

„Ne, hier ist doch nichts zum Verstecken.“

Die vier drehten sich, schauten sich um und versuchten sich zu orientieren.

„Ich sehʼ nichts.“

„Es ist dunkel. Das ist ja der Witz.“

„Nein, ich meine ich sehe weniger als vorhin. Überall nur helle Punkte.“

Grelles Licht, ein warmer Lufthauch, ein Schrei.

„Oh Gott, ich sehe es“, schrie Valentin, als ihn eine Pranke umfasste, die in einen behaarten Arm überging und ihn von der Gruppe wegriss. Neben ihm kreischte die Frauenstimme, als sie im Licht verschwanden.

Als die kalte Dunkelheit zurückkehrte, waren die Stimmen verstummt und nur die Brüder standen nebeneinander und blickten geschockt in das Schwarz, das sie umgab.

„Es hat sie alle mitgenommen.“

„Ja.“

„Alle weg.“

„Ja.“

„Sind wir die nächsten?“

Der andere schluckte.

„Ich habe noch jemanden gesehen“, sagte der erste.

„Was meinst Du?“

„Da drüben. Neben uns. Nicht weit weg. Da steht einer.“

„Wie jetzt? Was für einer?“

„So ein großer, mit dickem Bauch. Irgendwie rötlich oder hellbraun.“

„Wie? Rötlich. Ein Indianer oder was?“

„Ich weiß auch nicht. Vielleicht war es nur durch das Licht.“

„Meinste der kennt den Weg hier raus?“

„Keine Ahnung. Ich frag mal. – Hey, Du da.“

Stille.

„Ey man. Bist Du da?“

Stille.

„Der Typ antwortet nicht.“

„Bist Du sicher, dass da einer steht?“

„Ja man, ganz sicher – ey Blondie, sag mal was.“

Stille

„Ey Sackgesicht.“

Stille

„Blödmann.“

„Er will wohl nicht mit Dir reden.“

„Scheint wohl so. Was für ein Arschloch lässt uns hier in der Scheißkälte einfach verrecken?“

„Los, wir verstecken uns.“

„Wo willst Du Dich denn verstecken? Hier ist nichts. Und selbst wenn hier was wäre, dann sehen wir es nicht.“

„Dann lass uns flach hinlegen, damit es uns nicht so schnell findet.“

„Ey man, das ist kein Gewitter. Das ist ein Monster.“

Grelles Licht. Warmer Lufthauch. Eine Pranke greift zu. Fasst den Einen, streift den anderen mit seinen Klauen. Dunkelheit.

Ein Einzelner steht in schwarzer Kälte und starrt in die Finsternis, wo eben noch sein Bruder stand. Er wird sterben. Es gibt keinen Ausweg. Nur das Licht. Nur das Monster. Nur er alleine.

„He Du da drüben. Falls Du da bist: ich … Also … Ich … Egal… Ich warte.“

Es vergingen einige Minuten in denen sich nichts rührte. Niemand sagte etwas. Die Kälte schien kälter zu sein als zuvor und die Dunkelheit noch schwärzer.

Ein Einzelner stand aufrecht und erwartete seinen Tod. Er wartete auf das, was er zuvor beobachtet hatte. Er wartete auf das Licht, auf die Wärme, auf eine Pranke mit Klauen an einem behaarten Arm, die ihn ergreifen und wegzerren sollte.

Und so geschah es.

In der dritten Etage eines 70’er Jahre Gebäudes, dessen Betonfassade die Tristesse einer vergangenen Zeit ausstrahlte, saß ein übergewichtiger Mann in einem durchgesessenen Sofa, dessen Farbe sich in den letzten Jahren chameleonartig von weiß zu einem fleckigen braun gewandelt hatte. Zigarettenrauch, Essensreste und Getränkeflecken hatten ihre Spuren hinterlassen.

Asche fiel von der Zigarette in seiner linken Hand auf den Teppich, als er auf Ex den letzten Rest aus der Bierdose in seiner rechten Hand leerte. Nachdem der letzte Tropfen den Weg in den von Bier geformten Körper gefunden hatte, zerdrückte der Mann die Dose und warf sie in die Ecke des Raumes, in der bereits die Reste eines Ensembles von „Bieren der Welt“ einen Berg aus Aluminium bildeten. Die sechs jüngsten halbliter Dosen waren in der letzten halben Stunde dazugekommen.

Der Mann erhob sich mühsam aus dem Sofa. Sein fleckiges und vergilbtes Feinrip-Unterhemd spannte sich über seinen Bauch und ließ Brust- und Rückenbehaarung hervorquellen, die sich über die Arme bis zu den Fingerknöcheln fortsetzte.

Er torkelte langsam und behäbig zum Kühlschrank, öffnete ihn und griff zu der verbliebenden Flasche mit rotbraunem Inhalt.

Nachdem er den Kühlschrank geschlossen und die Flasche aufgedreht hatte, verzichtete er auf ein Glas und genehmigte sich einen großen Schluck.

Er setzte die Flasche ab, zögerte, blinzelte, schaute die Flasche an, kippte rückwärts auf den Fußboden seiner Küche und blieb liegen.

Die Flasche schaute ihm hinterher. „Darf ich mich Ihnen vorstellen? Mein Name ist Walker. Johnny Walker. Monsterjäger.“


Diese Kurzgeschichte war eine Übungsaufgabe zum Thema „Dialoge“ mit der Vorgabe von „sechs Personen“, „ein Monster“ und „es ist kalt“. Diese und andere Kurzgeschichten sind auf dem Blog der Schreibgruppe nachzulesen; siehe: http://freitags.das-dazwischen.org

Bildquelle: http://www.clipartkid.com/wildcat-claw-cliparts/

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