Die öffentlichen Universitäten der Zukunft als #DigitaleHelden

Das vergangene Jahr habe ich in Bildungskarenz verbracht und (endlich) meine Masterarbeit in Politikwissenschaft fertig geschrieben. Das war allerdings nicht alles, was ich in dieser Zeit gelernt habe. Ich habe unter anderem auch Kurse in den Programmiersprachen Python und C# belegt und mich mit Theorie und Praxis der Spieleentwicklung in Unity beschäftigt.

Allerdings habe ich — außer der Masterarbeit — nichts davon an der Uni Wien getan, an der ich inskribiert bin. Ich habe das an den Unis in Michigan, Princeton und Rice getan — über die Online-Plattform Coursera. Die bietet Kurse von Universitäten rund um die Welt an.

Coursera und vergleichbare Plattformen sind natürlich längst kein Geheimtipp mehr. Mehr als 35 Millionen Menschen nahmen 2015 an derartigen Kursen (genannt “MOOCs”) teil. Die Zahlen wachsen stark. Das stellt auch die Zukunft der Lehre an öffentlichen Instituten vor die Pflicht, sich zu verändern. Eine österreichische ist bei Coursera nicht dabei und auch auf anderen Plattformen sind die Schritte zaghaft.

Einerseits ist das ärglerich für Studierende: Schon während des Studiums verwunderte mich so mancher Kurs. Es gab sogar in Zeiten knapper Budgets Vorlesungen, die in jedem Semester oder zumindest jedem Jahr angeboten wurden und die die physische Anwesenheit der Studierenden und Lehrenden verlangten — ohne dass sich die Inhalte je groß änderten. Hochqualifizierte Professoren wurden also dafür eingesetzt, ständig dieselben Inhalte in Frontalvorträgen vor hunderten Zuhörern vorzutragen.

Mittlerweile wurden manche dieser Vorlesungen auf Video aufgenommen und in teils grauenvoll zu bedienende e-Learning-Plattformen integriert. Aber selbst dort wo das passiert ist, hinkt man in der Machart Anbietern wie Coursera und selbst so manchem Youtube-Channel hinterher. Offenbar fehlt es an Budget, wohl aber auch an der Bereitschaft, sich hier angemessen zu modernisieren, um einen maximalen Lehr-Output zu erreichen.

© Bwag/CC BY-SA

Zugang öffnen

Das alles ist aber auch für Menschen relevant, die nicht studieren. Die Mittel der Unis sind großteils öffentlich bereitgestellt. Es gibt so gut wie keinen Grund, die Resultate — und dazu gehört die Forschung wie die Lehre — nicht auch der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollten die Mittel und den Auftrag bekommen, breitere Bevölkerungsteile zu erreichen.

Viele an Unis angebotene Kurse könnten auch für Menschen interessant sein, die gerade nicht inskribieren können oder wollen. Vielleicht lassen sich dadurch sogar Studierendenzahlen auf die richtige Weise senken. Nicht durch Zugangsbeschränkungen, sondern durch eine maßgerechtere Art zu studieren.

Ich würde zum Beispiel aus privaten und beruflichem Interesse gerne so manche Vorlesung aus Studienrichtungen hören, in denen ich aber nie ein abgeschlossenes Studium anstreben würde. Andere Menschen würden vielleicht gerne einen Kurs zu englischer Aussprache und Grammatik hören, ohne Anglistik zu studieren. Sei das nun über Plattformen wie Coursera oder über andere und neue gemeinnützige Plattformen. Für wenig davon muss man jedenfalls ernsthafteren Studierenden die Teilnahmeplätze blockieren.

Über das Bereitstellen von kostenpflichtigen Materialien für Nicht-Inskribierte könnten Unis so sogar ihre Budgets aufbessern.

Studieren wäre auch anders

Warum sollte man dann noch vor Ort studieren? Über MOOCs durchführbare Inhalte sind natürlich nicht die ganze Story eines Studiums. Statt inskribierte Studierende zu fixen Zeiten zu immergleichen Vorlesungen zu zwingen, könnten diese weiterhin (und verstärkt) von anderen Vorzügen der Uni profitieren.

Zum Beispiel die lokale Vernetzung mit Forschern und Kommilitonen. Oder dadurch, dass eben diese mehr Betreuung, Workshops und Seminare anbieten können, weil sie weniger oft Vorlesungen abhalten und besuchen müssen. In den Universitäten könnte man auch hier viel mehr auf Digitalisierung setzen: Indem gemeinsam erzielte Lernfortschritte aufgenommen und anderen (und zukünftigen) Studierenden zur Verfügung gestellt werden, statt so manche Pflichtanwesenheit durch ewige, unmotivierte Referatsmarathons zur Strafe zu machen.

Wissen besser vermitteln

Studierenden und Lehrenden muss gelehrt werden, wie sie neue Methoden der Wissensvermittlung einsetzen können und dann auch dazu verpflichtet werden, sie zu nutzen. Auch solche Schritte benötigen neue oder umgeschichtete Mittel.

Das aber wäre ohnehin ein wichtiger, überfälliger Fortschritt. Karl Popper schrieb einst: “Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er es seinen Mitmenschen, die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen.” Dieser Schuld kommen die Universitäten heute beileibe nicht nach.

Vor einigen Jahren schrieb ich in einem Rant: “Die größte Strafe ist es, einen deutschen akademischen Text zu lesen. Verständlichkeit scheint sogar eher unerwünscht als das Ziel zu sein.” Viele wissenschaftliche Erkenntnisse werden der Öffentlichkeit heute entweder nur schlecht oder gleich gar nicht vermittelt. Die Ergebnisse verstecken sich in selbst für Studierende abschreckender Sprache, und das noch dazu in unbekannten Journalen. Nur Sensationelles wird gelegentlich von Medien aufgegriffen (und dabei oft genug ziemlich falsch dargestellt).

Diese Wissens-Abgeschottetheit ist angesichts der öffentlichen Finanzierung der Forschung schon moralisch fragwürdig. Es ist angesichts der heutigen Möglichkeiten, Erkenntnisse zu publizieren, auch großteils unnötig. (Get a blog!) Und es beschränkt den Impact der universitären Kultur auf die Gesellschaft, von der wir mehr brauchen könnten.

Wenn die öffentlichen Universitäten in der Zukunft mehr Relevanz erreichen wollen, müssen sie neue Wege gehen und auch “digitale Helden” werden. Sie müssen in das investieren, was sie relevant macht: Ihre Wissenschaft, Forschung und Lehre nicht nur bestmöglich durchzuführen, sondern sie auch mit den bestmöglichen Mitteln in die Welt zu tragen.


Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Kampagne #DigitaleHelden von Microsoft Österreich. Die Kernfrage war: “Wie schaffen wir die digitalen Helden von morgen?” Ich habe für die Teilnahme bei völliger inhaltlicher Freiheit eine Aufwandsentschädigung erhalten.

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