Die seltsame Welt des Doctor Strange

Benedict Cumberbatch hat in der Rolle des Doctor Strange im vergangenen Jahr Kinozuschauer verzaubert. Der Sorcerer Supreme des Marveluniversums ist aber der wohl seltsamste Held in der Riege der Avengers und Defenders. Ein Blick in die Seiten der Comics zeigt: Ja, Strange ist strange.

Das Universum des amerikanischen Comicverlages Marvel ist eines der Wissenschaft. Magie scheint da irgendwie keinen Platz zu haben. Wenn wir uns die Superheldentruppe Avengers anschauen wird klar: Da waren Wissenschaftler am Werk.

Die Superwissenschaftshelden der Avengers

  • Captain America: Wissenschaftler braut Supersoldatenserum, Spargeltarzan wird Superheld
  • Hulk: Atomforscher baut Unfall, Nerd wird wütendes Monster
  • Black Widow: Russische Wissenschaftler trainieren und operieren Mädchen zu Elite-Killern
  • Iron Man: Ex-Waffenindustrialist baut High-Tech-Rüstung
  • The Vision: Ex-Computer des Ex-Waffenindustrialisten bekommt Körper und freien Willen
  • Quicksilver und Scarlet Witch: Wären eigentlich Mutanten, können aber aus Lizenzgründen nicht so genannt werden. Daher wird impliziert, dass sie das Resultat von Hydra-Experimenten sind

Aus dem Raster fallen Thor, der nordische Gott des Donners, und Hawkeye, der laut eigenen Angaben «ein Typ mit Pfeil und Bogen» ist.

Und Doktor Stephen Strange.

Seine Geschichte ist in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlich. Im Film wird seine Herkunftsgeschichte — in Comickreisen «Origin» genannt — recht nahe an der des Comics gehalten. Einziger grosser Unterschied: In den Comics war Stephen Strange anno 1963 einfach nur Chirurg während er in der Filmversion Neurochirurg ist.

Das Cover von Strange Tales #110, dem ersten Auftritt Dr. Stranges

In seinem ersten Auftritt hat es Doctor Strange nicht mal aufs Cover geschafft.

Die Magie, die nicht so recht ins Universum passt

Im Rahmen der Superheldenstories gibt es einige Dinge, die einfach passieren müssen. Ein Hauptaspekt ist der grosse Schlusskampf. Der geht so: Nachdem der Bösewicht der Story den Helden geplagt hat, stellt sich dieser dem Schurken. Dann wird gekämpft. Dazu passt militärische Stärke und physische Kraft wesentlich besser als Magie. Denn Magie ist nicht nur in den Comics, sondern auch in den Kreisen derer, die an Magie in der echten Welt glauben, Kopfsache.

Daher enden Stories oft in einem Faustkampf oder darin, dass sich zwei Teams mit Lasern und allerlei anderem beschiessen. Ein Zauberer wirkt da etwas fehl am Platz, denn ein Zauberspruch, der den Gegner fesselt oder einer, der den Laser des Schurken zu einem Donut verwandelt, passt einfach nicht rein. Ein Beispiel gefällig? Im grossen Kampf im Film «Captain America: Civil War» könnte Doctor Strange noch lange Städte falten und an Wänden laufen. Wenn er nicht irgendwem die Faust ins Gesicht drücken kann, ist er aufgeschmissen.

Die Nische des Strange

Daher haben sich Comicautor Jason Aaron und Zeichner Chris Bachalo für die jüngste Comicserie des Sorcerer Supreme etwas einfallen lassen müssen. Die Antwort:

Die Magie lebt in der Welt der Superhelden, aber halt leicht verschoben

Magie ist real und existiert in der Welt der Superwissenschaft. Aber sie existiert für alle unsichtbar, weswegen Strange von seinen Mitstreitern wie auch von normalen Menschen als seltsamer Wirrkopf angesehen wird. Mittlerweile wissen Iron Man und Co., dass die Magie existiert, verstehen dies aber nicht.

Genau wie im Film finden die magischen Abenteuer nicht in der gleichen Realität statt, in der die Avengers ihre Feinde verprügeln. Doch damit nicht genug, denn Doctor Strange behauptet sich schon seit Jahrzehnten im Marveluniversum und einer Welt in der Mutanten und Superwissenschaftsprodukte rumrennen. Das hat er vor allem einer recht merkwürdigen Konstellation aus Zeitgeist, einem kreativen Autoren und einem Zeichner mit einem Hang zum Psychedelischen.

Magie, Drogen und die Suche nach dem Sinn

Denken wir an die 1960er zurück. Es war das Zeitalter der Hippies, der Suche nach einem tieferen Sinn und/oder einer höheren Berufenheit. Es war auch die Zeit der Spiritualität und der systematischen Verschiebung der Sinneswahrnehmung, sprich der halluzinogenen Drogen. LSD, Jahrzehnte vorher vom Schweizer Albert Hofmann erstmals synthetisiert und am eigenen Leib getestet, verhalf Leuten zu Eindrücken, die ihnen ein höheres Bewusstsein suggerierten.

Dann war da Doctor Strange, wie er von Zeichner Steve Ditko gesehen wurde.

Stan Lee, Erfinder beinah aller Avengers, hatte bei der Entwicklung der Figur des Doctor Strange nur wenig zu sagen. Er gab Ditko die Idee vor und dieser entwickelte eine Figur, die den Nerv der Zeit perfekt traf.

Doctor Strange war ein arroganter Chirurg, dessen Hände in einem Unfall unbrauchbar wurden. Statt einer Heilung oder einem Wunder, fand Strange zur Magie. Wo Spider-Man, Iron Man und Co. alle schon Genies, Erfinder und Wissenschaftler waren, begann Strange bei Null. Er hat jeden Spruch erlernt, jeden Zauber x-Mal trainiert, bis er sass. Sein war der Pfad zu einem höheren Wissen, zu Transzendenz und zur Weisheit. Kurz: Doctor Strange schritt den Pfad, den die Hippies gehen wollten.

Stan Lees Inputs sind in der Story unverkennbar. Der Mann, der Alliterationen liebt, hat die kernigsten Zaubersprüche geliefert. Wo «The Eye of Agamotto» («Das Auge des Agamotto») nur eine Alliteration im Klang ist, sind «The Wand of Watoomb» («Der Stab des Watoomb») oder die «Hoary Hosts of Hoggoth» («Die uralten Heerscharen von Hoggoth») richtige Alliterationen und bei den «Crimson Bands of Cyttorak» («die purpurnen Bänder von Cyttorak») hat Lee etwas betrogen.

Stan Lee hatte keine Ahnung wer Watoomb, Agamotto, Cyttorak oder Hoggoth sind, sondern er war zufrieden damit, dass die Namen «mystisch klingen», wie er in einem Interview von 2011 zugegeben hat. Hier kommt der Zufall ins Spiel: Da die Zeichnungen Ditkos Angaben zufolge den LSD- und Magic-Mushroom-Visionen der Hippies glichen, waren sich die Leser sicher: Lee und Ditko haben einen höheren Zugang zu ihrem Bewusstsein und Doctor Strange ist ihre Art, ihnen diese Weisheit zu vermitteln. Ditko und Lee haben mehr oder weniger zufällig den Nerv der Zeit getroffen und einen Helden geschaffen, der wohl sonst nie zu grossem Ruhm und schon gar nicht auf die grosse Leinwand gekommen wäre.

Okay, gut, da war mal ein TV-Film im Jahre 1978, aber je weniger wir darüber reden, desto besser. Der offizielle Marvel-Film von anno dazumal ist zwar nicht allzu schlecht, kann aber nicht wirklich mit dem Film vom vergangenen Jahr mithalten.

Der Film, über den wir hier reden, ist der hier:

Übrigens: Weder Stan Lee noch Steve Ditko haben je zugegeben, Drogen genommen zu haben. Ihr damaliger Redaktor, Roy Thomas, gab in einem Interview an, dass er auch von keinem Drogenkosum wisse. Und noch besser: Steve Ditko ist erzkonservativer Kapitalist.