Mit Logistik Leben retten

Wenn das Klima verrückt spielt, ist der Mensch oft Verursacher und Leidtragender zugleich. Ob die zunehmende Erderwärmung Mitschuld an dem schweren Erdbeben in Nepal hatte, oder es doch nur eine Laune der Natur war, wie es sie schon immer gegeben hat — die Folgen für die Menschen der Region sind verheerend. Ohne den Einsatz von Hilfsorganisationen wäre die Situation im Katastrophengebiet nicht in den Griff zu kriegen. Und ohne Logistik erst recht nicht. Von Lisa Reggentin, DVZ

Mit einer Stärke von 7,9 wurde die Himalaya-Region am 25. April von einem Erdbeben erschüttert. 1800 Menschen sind bei dem Unglück ums Leben gekommen, Hunderte wurden verletzt. Gebäude stürzten ein, ganze Gemeinden sind zerstört. Auch das Basislager des Mount Everest wurde von einer Lawine getroffen. Sie hat das Lager der Bergsteiger teilweise komplett unter sich begraben. Bevor aber überhaupt das ganze Ausmaß der Katastrophe bekannt war, liefen die Arbeiten der Nothilfeabteilung des UN World Food Programme (WFP) bereits auf Hochtouren.

Die humanitäre Hilfsorganisation der Vereinten Nationen hat sich schon lange auf ein Erdbeben in der betroffenen Region vorbereitet. Als der Notstand ausgerufen wurde, konnte sie schnell reagieren.

Für den Notfall gewappnet

Das WFP arbeitet bereits seit vielen Jahren mit 130 Mitarbeitern in Nepal eng mit Regierung und Partnern vor Ort zusammen, um das Land auf ein großes Erdbeben im Kathmandu-Tal vorzubereiten. 2013 hat das WFP schließlich einen konkreten Plan für diesen Notfall erstellt, der die zu erwartenden Einschränkungen auflistet und zwei Optionen für einen humanitären Logistikeinsatz darlegt: über den Flughafen in Kathmandu oder über eine Landroute durch Indien. Basierend auf diesem Plan wurde die Konstruktion von drei Nothilfezentralen an strategischen Knotenpunkten im Kathmandutal initiiert, die im Notfall sofort einsatzbereit sein sollen.

In Nepal war WFP bereits wenige Stunden nach dem verheerenden Erdbeben einsatzbereit. Seitdem unterstützten wir die Menschen in Not mit Nahrung und unsere Logistik-Kollegen stellen sicher, dass die Hilfe aller humanitären Organisationen dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Photo: WFP/ James Giambrone

Die Blockierung des Flughafens durch zu viele Hilfstransporte ist im Katastrophenfall eines der größten Hindernisse. Daher hat das WFP zunächst am Flughafen eine Nothilfezentrale errichtet, damit Hilfsgüter schnell von der Landebahn gebracht werden und weitere Transportflugzeuge landen können. Die Nothilfezentrale wurde im März 2015 eröffnet. Sie umfasst vorgefertigte Büros und Konferenzräume, zwei mobile Lagerhallen mit 32m² Lagerfläche sowie Platz für acht weitere Hallen. Zudem stehen 30 mobile Lagerhallen, 13 vorgefertigte Büros und drei Generatoren in der Zentrale zur Verfügung.

Nach dem Erdbeben am 25. April hat das WFP die Nothilfezentrale binnen weniger Stunden in Betrieb genommen. „Innerhalb von 18 Stunden haben wir die ersten Hilfsgüter empfangen und weitergeleitet, so dass der Flughafen nicht blockiert wurde“, erklärt Deanna Beaumont, Leiterin der Nothilfezentrale am Flughafen Tribhuvan in Kathmandu. Einen Tag nach dem Erdbeben sind die ersten internationale Experten des WFP gelandet, inzwischen unterstützen 35 von ihnen die Kollegen vor Ort. „Wir haben außerdem 40 zusätzliche nepalesische Mitarbeiter rekrutiert.”

Die Regierung hatte das WFP gebeten, die Nahrungshilfe zunächst auf die schwer zugänglichen Bergregionen zu konzentrieren. „So haben wir diese Notrationen schon in den ersten Tagen nach dem Beben in die am stärksten betroffenen Gebiete transportiert.“ In diesen in Mitleidenschaft gezogenen Bergregionen wurden mit weiteren mobile Lagerhallen, vorgefertigten Büros und Generatoren kleinere Nothilfestützpunkte errichtet. „Jenseits dieser Stützpunkte sind viele Straßen unbefahrbar, und so mussten wir bei der Auswahl der Orte darauf achten, dass genügend Landeplatz für Helikopter zur Verfügung steht. Die Nothilfestützpunkte können von Kathmandu aus mit Lastwagen erreicht werden. Von dort aus werden die Hilfsgüter in Helikopter verladen und in die betroffenen Dörfer geflogen oder von nepalesischen Trägern und sogar Eseln weitertransportiert“, erklärt die 38-Jährige.

Klima erschwert den Hilfseinsatz

Innerhalb von vier Tagen nach dem Erdbeben hat das WFP eine Flotte von 25 LKW und zwei Helikopter unter Vertrag genommen. Trotzdem sind die Einsatzmöglichkeiten in einem Land wie Nepal, mit bergigem Gelände, schlechter Infrastruktur und wechselnden Wetterbedingungen, begrenzt. „Viele Straßen sind während der Monsunzeit oder nach Lawinen nicht passierbar. Auch der Hubschrauber kann aufgrund der häufig schlechten Sichtverhältnisse nicht immer zum Einsatz kommen“, erklärt Beaumont. Im Katastrophenfall muss das WFP aber nicht nur dafür sorgen, dass Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden, sondern leistet auch logistische Hilfe.

Deanna Beaumontn (1.v.l.), Leiterin der Nothilfezentrale am Flughafen Tribhuvan in Kathmandu.

Die Vereinten Nationen sind dafür in Clustern organisiert, damit in Notfällen schnell alle Akteure koordiniert werden können. Das WFP leitet die Cluster für Logistik und Telekommunikation. „Da wir die Ausrüstung schon vor Ort hatten, konnten wir auch umgehend kleinere Logistikzentren errichten“, ergänzt Beaumont, die für die logistischen Vorbereitungen auf eine Naturkatastrophe verantwortlich ist. „Ich war von Anfang an intensiv in die Katastrophenvorbereitung in Nepal eingebunden und kannte die lokalen Gegebenheiten daher gut. Im vergangenen Jahr bin ich oft in Kathmandu gewesen, um Trainings für lokale Partner zu organisieren“, erzählt Beaumont, die eigentlich im Regionalbüro für Asien in Bangkok arbeitet. Seit dem Erdbeben ist sie im Katastrophengebiet im Einsatz, und auch wenn sie die Herausforderungen von anderen Einsätzen her kennt: „Die genaue Situation kann man nie vorhersehen. Deshalb versuchen wir immer, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein“.

Die Taktik ist aufgegangen. Als sich am 12. Mai, nur 17 Tage nach der Naturkatastrophe, ein zweites schweres Erdbeben in Nepal ereignete, hat das die Arbeiten des WFP kaum beeinträchtigt. „Wir konnten die Notfallzentrale in Kathmandu und die Stützpunkte in den Bergen direkt weiterbetreiben“, berichtet Beaumont. Die Nothilfezentrale wurde bewusst auf einer großen offenen Fläche errichtet. Die Zentrale selbst besteht aus erdbebensicheren Strukturen. So konnten nach kürzester Zeit wieder Hilfsgüter transportiert werden.

Auch wenn die Schlagzeilen aus Nepal längst abgerissen sind: Der Einsatz der WFP-Mitarbeiter geht weiter. „Wir bleiben natürlich auch nach dem großen Noteinsatz vor Ort. Unsere Unterstützung beim Wiederaufbau wird sich voraussichtlich auf die Bergregionen konzentrieren, wo wir jetzt Nothilfe leisten, und wir fokussieren uns vor allem auf die ärmsten Familien, die sich sonst nicht selbst ernähren können“, erklärt Beaumont. Für den bisherigen Logistikeinsatz nach den zwei Erdbeben und die beiden kommenden Monate plant das WFP mit 31 Mio. USD. Welche Summe am Ende unterm Strich stehen wird, kann Beaumont noch nicht abschätzen. Der Job von Beaumont ist ehrenhaft — und hart. Die Dauerbelastung über viele Wochen, die körperliche und psychische Anstrengung zerren an den Kräften. Und ein Ende der Arbeit ist eigentlich nie in Sicht. „Nach einer Naturkatastrophe können internationale Experten den Hilfseinsatz schnell ins Rollen bringen. Mir ist aber wichtig, dass diese Arbeit vor Ort später auch ohne mich fortgeführt werden kann“, erklärt Beaumont und ergänzt: „Es geht nicht nur darum, Strategien der Nothilfe zu etablieren, sondern auch die Akteure im Land zu vernetzen und ihnen die Kenntnisse zu vermitteln, die sie im Notfall brauchen. Dann leisten wir Hilfe zur Selbsthilfe — das das ist für mich nachhaltig“.


Dieser Artikel erschien am 29.06.2015 zunächst in einer Sonderbeilage der Logistikfachzeitschrift DVZ.