Tagebuch aus Aleppo: Wieder Hoffnung inmitten der Verwüstung

Jakob Kern sprach während seines Besuchs auch mit den vielen Kindern und ihren Familien, die bis zum Ende der Kämpfe in der Stadt ausharrten. Foto: WFP/Hussam Al-Saleh

Jakob Kern, Direktor des UN World Food Programme (WFP) in Syrien, besuchte vor Kurzem Aleppo, wo WFP Zehntausende vertriebene Syrer unterstützt, die in ihre zerstörten Häuser zurückkehren. In seinen Tagebucheinträgen erzählt Jakob Kern aus erster Hand, welches Ausmaß die Zerstörung angenommen hat, wie sich der Bürgerkrieg auf das Leben der Familien auswirkt und was WFP vor Ort unternimmt, um den Menschen in der Stadt zu helfen.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Der Lärm eines Luftangriffes und die heftige Bombardierung haben mich aufgeweckt. Offenbar hatte es der gestrige Waffenstillstand noch nicht ganz nach Aleppo geschafft. Den meisten Krach machten die Artilleriegeschoße, die gen Westen gefeuert wurden, wo sich vor der Stadt die bewaffnete Opposition verschanzt. Aber einige Mörser trafen in umgekehrter Richtung auch die Stadt. Ich verstand es als Erinnerung daran, dass dieser Ort bei Weitem nicht sicher ist. Als ich die Gardinen zur Seite schob, kam der kalte, wolkige Winterhimmel zum Vorschein und ich entdeckte alte — mittlerweile mit Sand gefüllte — WFP-Nahrungsmittelsäcke, die die Fenster vor Raketenangriffen schützen.

Kein warmes Wasser unter der Dusche. Später erfuhr ich, dass jedes Zimmer insgesamt zwei Minuten Warmwasser erhält — ich hatte es wohl beim Rasieren am Waschbecken schon verbraucht. Morgen werde ich klüger sein. Letztendlich duschte ich auch nur zwei Minuten, aber mit kaltem Wasser. Genau das, was ich nach einer kalten Nacht brauchte. Die Bevölkerung in Aleppo hat übrigens noch immer weder Strom noch fließend Wasser. Überall stehen Generatoren und die Menschen warten in langen Schlangen an den UNICEF-Wasserstationen, um sich Wasser zu holen.

Dieses Bild zeigt, wie viel (oder wenig) Nahrungsmittel eine fünfköpfige Familie pro Monat erhält. Die Plastiktüte mit den Zigarettenlogos enthält eigentlich 3 Flaschen Speiseöl. Foto: WFP/Jakob Kern

Der erste Termin heute morgen war ein Treffen mit den Mitarbeitern des Syrischen Arabischen Roten Halbmond (Syrian Arab Red Crescent), die Nahrungsmittel an rund die Hälfte der 600.000 Menschen ausgeben, die wir in dieser Stadt unterstützen. Es gab einen herzlichen Empfang und gute Gespräche — diese Treffen mit unseren Partnern sind wichtig, um ihre Sorgen aber auch Ideen zu erfahren.

Dann weiter zu einem offiziellen Besuch im Büro des Gouverneurs. Um mehr als vier Millionen Menschen im ganzen Land zu erreichen, sind wir auf die Zusammenarbeit mit der Syrischen Regierung angewiesen: Von Reise- und Visa-Genehmigungen, über Transportscheine für unsere LKWs — die dann alle Checkpoints passieren dürfen, ohne jedes Mal geöffnet und kontrolliert zu werden — bis hin zur Erlaubnis, die Ausgabestellen anzufahren, wo Familien Notrationen erhalten. Das System ist nicht perfekt, aber dass wir mit unseren engagierten Partnern jeden Monat vier Millionen der bedürftigsten Menschen vor Ort erreichen, ist der beste Beweis dafür, dass sich die harte Arbeit lohnt.

Menschen brauchen jeden Tag Brot

Der Gouverneur betonte, wie wichtig Bäckereien für den östlichen Teil der Stadt seien, in den die Menschen zurückkehren möchten. Aber ohne einen einzigen funktionstüchtigen Ofen in einer Stadt mit potentiell 500.000 Einwohnern können die Menschen nicht zurückkehren. Brot ist ein unabdingbares Grundnahrungsmittel in Syrien, jeder hier isst es täglich.

Das erinnerte mich an das Dorf, in dem ich in der Schweiz aufwuchs — mit 1.500 Einwohnern und 4 Bäckereien. Übertragen wären das für Ost-Aleppo 1.300 Bäckereien. Momentan wären wir schon froh, wenn es nur 10 gäbe. In West-Aleppo unterstützt WFP 9 Bäckereien, die mit unserer Hilfe die Produktion angekurbelt haben und täglich Brot für 50.000 Menschen im Osten der Stadt backen. Unser Plan ist es, bis zu 15 private Bäckereien dort aufzubauen.

Recycelte und mit Sand gefüllte WFP-Nahrungsmittelsäcke verstärken jetzt die Fenster gegen Raketenangriffe. Foto: WFP/Jakob Kern

Das Highlight heute war ein Besuch bei einem weiteren WFP-Partner. Die wohltätige Organisation hat sowohl ihre Zentrale, als auch Büros und Lagerhäuser sowie ihr Verteilungszentrum und eine Gemeinschaftsküche in einer Moschee untergebracht. Ein multifunktionales Gebäude — besonders die Lager mit kunstvollen Mosaikböden haben mich beeindruckt.

Die Organisation betreibt auch eine Gemeinschaftsküche, wo jeden Tag warme Mahlzeiten für 50.000 Menschen gekocht werden. Eine imposante Leistung: Stellen Sie sich eine Küche für eine mittelgroße Stadt vor — im Keller einer Moschee! Und was auf den Teller kommt ist echte Zusammenarbeit: Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) stellt den Reis zur Verfügung, WFP die Bohnen und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) das Brot. Die Organisation selbst steuert Gemüse und Fleisch bei und übernimmt die Zubereitung der Nahrungsmittel. Heute gab es Reis, Bohnen und gekochten Quitten in Tomatensauce mit etwas Fleisch — insgesamt 400g pro Person. Es schmeckte ziemlich gut, aber wenn es die einzige Mahlzeit am Tag ist, ist es nicht genug.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Bisher haben wir: Kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung und kein Internet.

Weitere schlechte Nachrichten ließen nicht lange auf sich warten: Heute Nachmittag wurde uns berichtet, dass der „Islamische Staat“ die einzige Straße von Aleppo nach Damaskus angegriffen und vier Dörfer an der Straße erobert hat — also auch kein Weg zurück. Angeblich könne man die Straße mittlerweile wieder passieren, aber wer weiß das so genau — letztes Jahr strandete ein Kollege von mir aus genau diesem Grund für mehrere Wochen in Aleppo. Ich wollte Montag wieder abreisen, also gibt es noch genügend Zeit, sicher nach Damaskus zurückzukehren.

Der Regen prasselt ans Fenster und ich befürchte, dass es morgen schneien könnte — genau das, was wir hier brauchen. Aber wer bin ich, um mich zu beschweren? Wenigstens habe ich vier Wände um mich, so etwas wie eine Heizung (wenn auch nicht gerade effizient), fließendes, kaltes Wasser und vor allem Nahrung und Kleidung. Ich kann mich extrem glücklich schätzen im Vergleich zu den Menschen, die ich heute bei meinem Besuch in Ost-Aleppo traf, dem Teil der Stadt, der bis vor wenigen noch Wochen belagert war.

Die Menschen stehen jeden Tag für eine Stunde oder länger in der Schlange, um ihre kleinen Plastikeimer mit warmen Mahlzeiten zu füllen. Foto: WFP / Jakob Kern

Heute wollten wir wissen, wo genau das Brot und die warmen Mahlzeiten ankommen, die im einigermaßen intakten Westen der Stadt produziert und dann nach Ost-Aleppo gebracht werden.

Die Bäckerei in West-Aleppo ist eine von acht privaten Bäckereien, die für WFP arbeiten. Als wir die ehemalige Frontlinie zum Osten überquerten, änderte sich das Bild der Stadt von einer Straßenseite zur anderen — totale Zerstörung soweit das Auge reichte.

Blick auf Aleppo — Inmitten der Verwüstung, der Beginn einer Erholung

Der Schutt wurde von den Hauptstraßen entfernt, aber der Rest der Stadt ist nur noch ein riesiger Trümmerberg aus Betonteilen, Drähten, Metall und kaputten Möbeln. Unter fast unmöglichen Bedingungen leben Menschen in diesem Teil der Stadt, wo wir über 50.000 von ihnen mit Nahrungsmitteln unterstützen: keine Grundversorgung, keine Fenster, ständige Angst vor Minen und nicht gezündeter Munition, bedroht von einstürzenden Häusern und anhaltender Kälte.

Der Weg zur Erholung

Die Bewohner stehen jeden Tag eine Stunde oder länger Schlange, um in kleinen Plastikeimern warme Mahlzeiten — 400g pro Person — und etwas Brot entgegen zu nehmen. Heute haben viele eine Schachtel mit Konservendosen und Saft bekommen, manche auch andere Hilfsgüter wie Decken, Kleidung, Windeln und Hygieneartikel.

Die Leute erzählten mir Geschichten vom Leben in ständiger Angst, vor Luftangriffen und Artilleriegranaten, dem dauernden Lärm der Explosionen und dem Überlebenskampf, während der Belagerung mit einer Handvoll Reis und Bohnen auszukommen. Jetzt ist es still, fast zu still — keine Flugzeuge, die Bomben über unseren Köpfe tragen, keine einschlagenden Raketen, kein Gewehrfeuer, natürlich auch kein Straßenverkehr. Nur die Stille einer Geisterstadt, in der trotzdem Menschen leben.

Ein Mann trägt seine Konservendosen und Saftpackungen. Foto: WFP/Jakob Kern

UNICEF hat Trauma-Klassen für Kinder organisiert, wo sie die Erfahrung verarbeiten können, die ihr bisheriges Leben in einem Kriegsgebiet mit sich bringen. Sie schreien ihre Wut so laut heraus, dass mir die Ohren schmerzen. Und auf eine Art ist es genau das, was sie tun sollen: Der Welt so laut wie möglich sagen, wie sehr sie in den letzten Jahren gelitten haben, besonders in den letzten Monaten, als der Kampf seinen traurigen Höhepunkt erreicht hatte. Der Welt so laut wie möglich sagen, dass sie nicht vergessen darf und ihnen beim Wiederaufbau ihrer Leben helfen muss.

Einige Lebenszeichen — ältere Kinder spielen Fußball auf der Straße, einige Läden hier und da versuchen Obst und Gemüse zu verkaufen. An manchen Ecken sitzen Männer auf WFP-Kartons und verkaufen Zigaretten, doch kein Kunde ist in Sicht.

Ein Ort, an dem die Menschen früher erfüllt lebten

Jede Ruine, jeder Haufen Schutt, wo einst ein Haus stand, erzählt eine Geschichte. Viele haben Leben unter sich begraben. Manchmal sehe ich Teppiche und Decken, die unter den Trümmern hervorragen, die einst Familien beherbergten.

Menschen haben in diesen Häusern gelebt. Sie hatten ein Leben in dieser einst so wunderschönen Stadt. Sogar der Friedhof und die Moschee wurden nicht von der Zerstörung verschont. Im Anschluss sind wir in die Altstadt gefahren, wo tausende Jahre Geschichte in Schutt und Asche liegen.

Ein Mädchen trägt das Essen für seine Familie nach Hause. Foto: WFP/Jakob Kern

Das Schild am Eingang sagt alles: Altstadt von Aleppo, UNESCO Weltkulturerbe. Das ist alles verschwunden, manche Straßen sind noch halbwegs intakt, aber andere sind komplett dem Erdboden gleichgemacht. Es fühlt sich an, als würde man durch die Filmkulissen einer Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg laufen, aber mit echten Menschen statt Schauspielern.

Diese ganze Zerstörung zu sehen brach mir das Herz. Ich werde diese Bilder nicht so schnell vergessen können. Krieg in seiner schlimmsten Form und mittendrin Kinder, Frauen und Männer, die versuchen zu überleben.

Am Nachmittag sprach der stellvertretende WFP-Exekutivdirektor vor dem UN-Sicherheitsrat über Syrien und die Nothilfe von WFP. Noch am frühen Morgen habe ich an der finalen Version seiner Rede gearbeitet und kurz vor der Präsentation mit ihm telefoniert. Nun sah ich ihn vor dem Rat sprechen — einige Sätze hörten sich sehr bekannt an!

Freitag, 27. Januar 2017

Freitag in Aleppo. Das heißt, um 05:00 Uhr morgens zu den Morgengebeten der nahegelegenen Moschee aufzuwachen. Es ist jetzt Wochenende hier und ich denke an meine Familie zu Hause, als ich aus dem Fenster auf das blicke, was von Aleppo übrig geblieben ist.

Heute Morgen habe ich ein Radiointerview gegeben und mit meinem hiesigen Team unsere Arbeit des vergangenen Jahres beurteilt. Danach fuhren wir in die Altstadt und zum alten Schloss. Dass die tausend Jahre alte Geschichte dieses Gebäudes jetzt nur noch in Trümmern liegt, hat mich zutiefst bewegt.

Die Trümmer wurden zur Seite geräumt, um die Straßen wieder befahrbar zu machen. Foto: WFP/Jakob Kern
Früher befanden sich an diesem Platz die besten Restaurants und Kaffeehäuser. Foto: WFP/Jakob Kern

Samstag, 28. Januar 2017

Heute bin ich mit Blick auf ein sonniges und klares Aleppo aufgewacht, das unter einer dünnen Schicht Schnee lag. Ich verpasste den Zeitraum mit heißem Wasser um fünf Minuten, also wieder eine kalte Dusche am Morgen. Egal wie sehr ich mich davon zu überzeugen versuche, dass ich in den Schweizer Bergen aufgewachsen bin und an eisige Temperaturen im Schlafzimmer gewöhnt sein sollte — ich kämpfe dennoch ständig mit kalten Füßen und den immer kalten Duschen.

Es ging wieder mit meinem Team nach Ost-Aleppo. Sie haben hier einen heldenhaft Einsatz gezeigt. Als sich der Kampf um Aleppo zuspitzte, blieben sie an ihrem Arbeitsplatz — trotz pausenloser Mörserfeuer und ohne Grundversorgung in ihren Häuser.

WFP-Helden aus Syrien

Diese 30 WFP-Kollegen sind meine Helden. Als das Bombardement einmal seinen Höhepunkt erreichte, sagte mir der Büroleiter am Telefon: „Allen geht es gut, die Arbeit ist wie immer, wir arbeiten ganz normal.“ An diesem Tag schlugen mehr als 200 Mörsergranaten in West-Aleppo ein, genau dort, wo sich das Büro befindet und alle Mitarbeiter auch Zuhause sind.

Das Büro ist übrigens im selben Hotel untergebracht, in dem ich gerade wohne. Doch nur die nach Westen ausgerichteten Zimmer werden auch bewohnt oder dienen als Büros, weil die Ostseite des Hauses mehrfach von Raketen aus dem belagerten Ostteil der Stadt getroffen wurde. In manchen Zimmern sieht man noch immer die Einschlaglöcher.

WFP-Team in Aleppo: „Sie haben heldenhaften Einsatz gezeigt“, sagt Jakob Kern. Foto: WFP/Jakob Kern

Wieder eine kilometerlange Fahrt ins Herz Ost-Aleppos. An der Straßenseiten nichts als Zerstörung. Kilometer um Kilometer fahren wir an Trümmern vorbei und es zerbricht mir das Herz, das alles zu sehen. Das Ausmaß ist einfach zu viel. Straße um Straße, Häuserblock um Häuserblock, dasselbe Bild eingestürzter Gebäude.

Ich sprach mit einigen Kindern an einer Ausgabestelle, während sie mit ihren Plastikeimern darauf warteten, dass der LKW mit den Nahrungsmitteln ankommt. Sie blieben während der Bombardierungen zu Hause und sagen jetzt sei es zu ruhig, um zu schlafen. Sie beginnen wieder zu lachen. Das gibt mir Hoffnung, dass sie eines Tages vielleicht ihre Kindheit voller Bomben und Explosionen vergessen können.

„Ich werde mein Leben neu anfangen und hoffe auf die Hilfe von WFP“

Maissa und ihre drei Töchter sind kürzlich zurück gekommen und fanden ihr Wohnhaus einigermaßen intakt vor — bis auf die großen Löcher im Treppenhaus, die von den Raketenangriffen zeugen — aber ihre Wohnung selbst ist auch zerstört.

Die Möbel, die nicht geplündert wurden, sind kaputt — genauso wie alle Fenster im Haus. Vorhin hat sie Plastikplanen vor die offenen Fenster gehängt, um die Kälte oder wenigstens den Wind draußen zu halten. Die Straße vor dem Eingang ist noch vom Schnee der letzten Nacht bedeckt.

Eine Frau mit ihrer täglichen Ration. Foto: WFP/Jakob Kern

Zum Heizen nutzt sie die kaputte Einrichtung in einem kleinen Holzofen. Natürlich gibt es kein fließendes Wasser, keinen Strom, kein Gas zum Kochen und keine Toilette. Aber Maissa sagt: „Wenigstens kann ich nach Hause zurückkehren, wenigstens steht das Haus noch. Ich werde mein Leben neu anfangen und hoffe auf die Hilfe von WFP und anderer Organisationen, die mich mit Wasser, Medikamenten, Hygieneartikeln und Weiterem unterstützen können.“

Das erinnert uns daran, dass selbst in zerstörten Städten wie Ost-Aleppo das Leben weitergeht — Frauen bekommen Kinder, Babys werden krank, brauchen Impfungen, sind erkältet und auf einmal werden ganz einfache Dinge überlebenswichtig. Seife zu haben, mit der man sich die Hände oder seine Kleidung waschen kann, wird auf einmal zu einer Notwendigkeit, die man sich nicht leisten kann.

Sonntag, 29. Januar 2017

Das wird der letzte Eintrag aus Aleppo sein. Morgen fahren wir für einen Tag nach Homs, bevor es zurück nach Damaskus geht.

Der Tag hätte nicht besser anfangen können. Nach zwei Wochen Unterbrechung wegen schwerer Gefechte konnten wir die Luftabwürfe über der besetzten Stadt Deir ez-Zor wieder aufnehmen. Die neue Landezone ist weit entfernt von der Front des „Islamischen Staats“ . Die ersten Abwürfe nach der Zwangspause waren ein voller Erfolg. Jetzt können wir die lebensrettende Unterstützung mit Nahrungsmitteln und anderen dringend benötigen Hilfsgütern für die 93.500 belagerten Zivilisten endlich fortsetzten.

Das tägliche Brot liefern

Heute sind wir Teil einer grenzübergreifenden Mission im kurdischen Bezirk Scheich Maksud, der bis jetzt unzugänglich für Mitarbeiter der UN und Nichtregierungsorganisationen war. Nur unser Partner SARC (Syrischer Arabischer Roter Halbmond) konnte jeden Monat WFP-Nahrungsmittel für die verbliebenen 30.000 Einwohner dorthin bringen.

Ich hatte den Gouverneur schon vorher gefragt, ob ich mit einem kleinen Team hinfahren dürfe. Aber es dauerte noch drei Tage, bis wir alle Bewilligungen und Sicherheitsgarantien hatten, um das Viertel zu betreten, das de facto vom Rest der Stadt abgeschnitten ist. Früher lebten dort 75.000 Kurden.

Jakob Kern und ein Kollege mit Bewohnern von Aleppo. Foto: WFP/Hussam Al-Saleh

Endlich erreichte unser Konvoi aus drei gepanzerten Wagen — einer von SARC, zwei von WFP — um 11:00 Uhr vormittags den letzten Checkpoint der Regierung. Anschließend durchquerten wir die Pufferzone und kamen am kurdischen Checkpoint von Scheich Maksud an. Der Bezirk war schon immer ein armer Stadtteil Aleppos aber jetzt, mit nur mehr der halben Bevölkerung, ist er wie ausgestorben.

Die Zerstörung war nur am Rand des Bezirks zu sehen. Im Zentrum gab es fast keine Schäden — es konnte den Flächenbomben und Mörsern entkommen. Allerdings gibt es nicht viele Läden und die Preise sind viel höher als in Aleppo, weil die Menschen wirklich alles brauchen, seit sie fast vollständig vom Rest der Welt abgeschnitten sind.

Diese Straße hat den Krieg relativ unversehrt überstanden, trotz der allgegenwärtigen Zerstörung. Foto: WFP/Hussam Al-Saleh

Ich sprach mit Frauen und Kindern. Sie waren sehr glücklich, uns zu sehen und erzählten, was sie benötigten: von Decken und Kleidung über Hygieneartikel, bis hin zu Impfungen und Medikamenten. Nahrungsmittel sind zum Glück keine Sorge mehr — dank unserer monatlichen Notrationen und des Brotes, deren Verteilung wir heute beobachten konnten.

Als wir den Bezirk verlassen, sehen wir einmal mehr das totale Ausmaß der Verwüstung, diesmal am nördlichen Rand des städtischen Aleppos. Besonders getroffen hat es die berühmte Castello Straße, wo die Kontrolle über die Stadtteile oft ausgefochten wurde. Dort dienten die Häuser als Festungen und umso öfter wurden sie bombardiert.

Den letzten Tag in Aleppo haben wir bei einem gemeinsamen Essen mit dem ganzen WFP-Team abgerundet. Jetzt bereite ich mich noch auf ein BBC-Interview vor.

Danke, dass Sie mich bei diesen herausfordernden, aber dennoch hoffnungsvollen Tagen in Aleppo begleitet haben.

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