“Wir werden sterben, wenn es nichts mehr zu essen gibt“

von Adedeji Ademigbuji und Simone Gie

Im Nordosten Nigerias reichen die Hilfsgelder nicht mehr lange. Viele Familien — vom Verhungern bedroht — befürchten nun das Schlimmste.

Bulama erlebt den Alptraum aller Eltern: „Wenn es nichts mehr zu essen gibt, werden meine Kinder sterben.“

Seit knapp einem Jahr lebt Bulama mit seiner Familie in einem Camp für Binnenflüchtlinge in Borno, einem Bundesstaat im Norden Nigerias. Sie flohen vor der Terrormiliz Boko Haram, die ihre Farm zerstörte und ihr gesamtes Hab und Gut stahl. Ohne eine Möglichkeit sich selbst zu ernähren, sind sie seitdem auf die Hilfe des UN World Food Programme (WFP) angewiesen.

Als sie flüchten mussten, war Bulamas Frau Falmata bereits im siebten Monat schwanger. Foto: WFP/Adedeji Ademigbuji.

„WFP hat uns nie Hunger spüren lassen, seitdem wir hier sind“, erzählt Bulama, während ein Sandsturm entnervend laut über unsere Köpfe hinwegzieht und ein Zelt — jetzt sein Zuhause — im Wind gebeutelt wird. Ein Gefühl von Trauer ist überall spürbar.

„Meine Kinder hatten immer genug zu essen. Aber jetzt fürchte ich, dass sie erleben müssen, was Hunger wirklich bedeutet.“

Bulama und viele andere im Camp haben etwas Beängstigendes gehört: für die Hilfe von WFP könnten bald nicht mehr genügend Gelder zur Verfügung stehen und die Ernährungshilfe muss gekürzt werden.

Im Angesicht der Hungersnot

Doch an den Gerüchten, die man sich im Camp erzählt, ist etwas dran. Um die Familien in Not weiterhin unterstützen zu können, benötigt WFP 274 Millionen US-Dollar. Bis jetzt haben wir nur einen Bruchteil davon erhalten.

Wir mussten bereits Nahrungsmittelrationen kürzen und priorisieren — das heißt unsere Unterstützung auf die, die sie am meisten benötigen, einschränken — und auch die Ausgabe von Spezialnahrung für Kinder reduzieren, die von Mangelernährung bedroht sind.

In unserer Welt sind fehlende Hilfsgelder nicht nur Zahlen auf einer Bilanz, sondern Kinder, die nachts vor Hunger nicht schlafen können. Es sind Menschenleben, die wir verlieren. Immer, wenn wir Essensrationen kürzen mussten, war das quälende Wissen unser steter Begleiter: Mit den nötigen Geldern könnten wir so viel mehr tun.

WFP gibt unter anderem Reis, Bohnen und Pflanzenöl an geflohene Familien aus. Foto: WFP/Adedeji Ademigbuji

Die Geschichte von Bulama ist auch eine Geschichte undenkbarer Verluste. In seiner Heimatregion Mujigine war er als Landwirt erfolgreich, baute Hirse, Bohnen und Erdnüsse für den Gemeindemarkt und darüber hinaus an. Doch Boko Haram machte dem ein Ende.

„Sie haben uns verboten, die Felder weiter zu bestellen, sie haben uns terrorisiert“, erinnert sich Bulamas Frau Bawa. „Eines Tages kamen sie und brannten das ganze Dorf und alle Bauernhöfe nieder.“ Die Miliz zerstörte die gesamte Ernte der Familie, stahl ihr Erspartes, steckte ihre Autos und Häuser in Brand und ermordete sechs Landarbeiter. Mit Hilfe der nigerianischen Armee gelang Bulama und seiner Familie die Flucht. Die Soldaten brachten sie hier ins Camp.

„Meine Kinder hatten immer genug zu essen. Aber jetzt fürchte ich, dass sie erleben müssen, was Hunger wirklich bedeutet.”, sagte Bulama. Foto: WFP/Adedeji Ademigbuji

Ein Land am Abgrund

Der gewaltsame Konflikt zwischen der nigerianischen Regierung und der Terrormiliz Boko Haram hat Nigeria über die vergangenen Jahre hinweg in eine der schwerstenen humanitären Krisen weltweit geführt und 1,8 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen.

Trotz der finanziellen Herausforderungen hat WFP Vertriebene, Aufnahmegemeinden und Rückkehrer — die oft kaum noch Überbleibsel ihres Zuhauses vorfinden — mit Nahrungsmitteln oder Bargeld unterstützt. Besonders Bedürftige wie stillende Mütter und Kleinkinder erhalten von WFP zusätzliche Ernährungshilfe, damit die Kleinen nicht in die Mangelernährung rutschen.

Bulama und ein WFP-Mitarbeiter im Flüchtlingscamp. Foto: WFP/Adedeji Ademigbuji

Die humanitäre Gemeinschaft braucht dringend jetzt — und nicht erst später — finanzielle Mittel, um den Menschen im Nordosten Nigerias, aber auch im Jemen, Südsudan und Somalia zu helfen. Geber wie die deutsche Bundesregierung, die diese Woche finanzielle Unterstützung in Höhe von 25,5 Millionen Euro für die Krisenregion in Nigeria und rund um den Tschadsee bereitstellte, retten jetzt Leben. Damit Familien wie Bulamas ihren Traum verwirklichen können, nach Hause zurückzukehren — und ihnen nicht nur die schlichte Hoffnung bleibt, zu überleben.

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