Was gewagt werden muss.

(Es sind Arschlöcher. Aber es sind unsere Arschlöcher)

Um es mal kurz am Anfang zu sagen: Ich bin wütend.
Zum letzen Mal war ich so wütend, als ich 1992 auf dem Appellplatz des KZ Buchenwald ein paar feixenden Neonazi-Skins begegnete, die auf mich wirkten, als seien sie auf der Suche nach der Bratwurstbude.

Ich bin wütend, weil keine Wiedervereinigung stattgefunden hat. Die Ewiggestrigen sind nicht nur immer noch da. Eine Vermischung findet nicht statt. Klar, in Berlin, in Hamburg, in München mischen sich die Menschen unabhängig von Herkunft. Aber in den Käffern, im Osten, Süden, Westen und Norden des vereinigten Deutschlands bleibt alles beim Alten. Und das Mieseste: Diese Alten bilden Nachwuchs aus.

Neulich las ich von dem berechtigten Einwand, warum man von Armut betroffene Menschen nicht als “sozial schwach” bezeichnen sollte. Der Zyniker in mir tut allerdings im Fall #Clausnitz genau das. Diese Menschen sind arm, sozial schwach und intellektuell auf dem Niveau von Dosenravioli.

Deutschland ist eben nicht die Berliner Republik. Was ist eigentlich seit 1990 passiert? Beziehungsweise was ist eigentlich alles seit damals nicht passiert? Der Dicke versprach den Ostdeutschen blühende Landschaften – und ein Heer von Wessis machte sich auf gen Osten, um da sogleich ein paar Blumen zu pflanzen, und Sexshops und Ramschläden.
Zweieinhalb Jahrzehnte später entdecke ich nur blühende Kameradschaften, frustrierte Frührentner und das perspektivlose, alte Grau der seelenlosen Käffer im Osten. Alle die was auf dem Kasten hatten oder zumindest den Mut es zu versuchen, wanderten in den Westen ab. In die neuentstehnde Weltstadt Berlin, nach Hamburg, Frankfurt oder Castrop-Rauxel. Und alle die zurückgeblieben sind, kochen perspektivlos im eigenen Saft. Genau diese braune Suppe haben wir, hat die Politik, hat das abgehobene zum Selbstzweck verkommene Berlin selbst erzeugt und viel zu lange ignoriert.

Die versäumte Entossifizierung. Die Entfernung der dämlichen Denkmuster aus dem realvegetierendem Sozialismus – wurde versäumt. Dabei sei erwähnt, dass auch in den alten Bundesländern Nester existieren, in denen mehr Menschen, die oft Pech beim Denken haben, leben, als mir lieb wäre.

Im Osten aber scheint die Mauer im Kopf nach wie vor zu bestehen, und momentan sehen wir alle schockiert zu, dass dort neue Klinkerwerke entstehen, um Stein auf Stein eine neue, alte Ideologie aufzubauen. Im Osten war der Staat so etwas wie eine 24/7 Tagesmutter – von der Wiege bis zur Bahre. Die Mutti war zwar nicht besonders zuverlässig und hielt selten ihre Versprechen ein – aber alles in allem hatte man ein Dach über dem Kopf, ‘ne Wurst auf dem Teller und einen doppelten Nordhäuser Schnaps im Glas. Nur meckern durfte man nicht, denn Meckern war verboten und gefährlich.

Das Rezept für das neue Deutschland. Man nehme eine abgehobene, schlecht erklärte Politik, das Recht auf freie Meinungsäußerung, latente Xenophobie, medial vorgelebten Egoismus und fehlende Bildung und werfe alles in einen strukturschwachen Topf. Das ganze mit ein wenig Eichenblatt, Odinwurz und zerstossenem Dolch würzen und dann über kleiner Flamme ein paar Jahre lang zu einer braunen Suppe verkochen.

Das Ergebnis: Menschen, die die Welt nicht mehr vestehen. Die Europa nicht verstehen. Die nicht verstehen, was das für ein Deutschland ist, mit dem sie da vereinigt wurden. Keiner von “denen da oben” erklärt den Einfach-gestrickten wie das mit dieser EU-Finanzpolitik funktioniert. Keiner erklärt ihnen, warum Griechenland gerettet wird. Keiner erklärt ihnen, dass früher eben nicht alles besser war – sondern ihre kleine Scheißwelt lediglich so überschaubar, dass die Illusion sie zu begreifen ein wohliges Gefühl bereitete. Die DDR war eine sehr geordnete, kleine Scheibenwelt.

Und heute, im Zenit einer kaputten Politik, die Probleme nicht erklärt und Pläne zu ihrer Lösung immer erst schmiedet, wenn es nicht mehr zu vermeiden ist, stehen Demagogen an den Spitzen der Demonstrationszüge und rufen den ängstlichen, frustrierten Verlierern der Wiedervereinigung zu:

“Die Presse lügt! Sie ist doch eine Scheibe! Gemeinsam steigen wir in den DeLorean und reisen rückwärts durch die Zeit!”

Und diesen Menschen fehlt leider die nötige Medienkompetenz, um diese Sprüche als Bullshit zu dechiffrieren. Ihnen fehlt Bildung, Ihnen fehlt eine Zukunft, Ihnen fehlen positive Erfahrungen. Die Erfahrungen die uns alle zu den weltoffenen Internet-Metropoliten machen, die wir sind. Auslandserfahrungen, Austausch mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen, anderes Essen, andere Gerüche, andere Tiere, andere Welten.

Vom Privileg weltoffen sozialisiert worden zu sein. Der Typ der die Tage brüllend vor dem “Reisegenuss”-Bus stand, nennen wir ihn mal “Ronny”, war sicherlich noch niemals in New York. Und auch nicht auf Hawaii. Und nicht in Amsterdam, Madrid, Brüssel, Sydney und auch auf keinem Barcamp, Hackathon oder sonstigem kommunikativem Free-Hugs-Kram, den wir als urbane Webster so unternehmen.

Und deswegen kennt Ronny auch keine Diversität. Er weiß nicht was DimSum ist, hat keine Homosexuellen in seinem Facebookkreis, kennt keine Deutschen, die türkische, persische oder afrikanische Wurzeln haben, von Spaniern, Griechen oder Briten ganz zu schweigen. In seinem Umfeld haben alle ähnliche Wurzeln und ähnliche Geschichten. Und die sind nicht bunt.

Ronny hatte nie die Chancen, die wir hatten. Viele unserer Eltern stammen aus den fetten Jahren Deutschlands. Und ihr Wohlstand hat uns eine Sozialisierung ermöglicht, die viel bunter war, als die von Ronny. Auslandsaufenthalte, Sprachreisen, Auslandssemester oder schlicht und einfach hin und wieder mit dem Flieger in ein fremdes Land.

Der Wohlstand und seine Möglichkeiten sind ein Privileg. Genauso wie der Zufall unseres Geburtsortes. Die Bildung, all die Bücher, die Reiseerfahrungen, die Fremdsprachen – all das erhebt uns gesellschaftlich, finanziell und intellektuell über Ronny.

Und das macht es leider einfach, diese Menschen zu verachten. Sie als Pack und Abschaum zu bezeichnen. Um gleich danach bei einem Gläschen Barolo die eigene Privilegiertheit zu betrachten.

Es ist Zeit, auf uns selbst wütend zu sein. Weil wir eine Politik akzeptieren, die keine Erklärungen bietet, die unpriviligierte Menschen zurücklässt. Die “Wir machen das schon!” auf Wahlplakate schreibt - und dann nichts macht.

Dialog oder Bürgerkrieg. Die Wut über die Geschehnisse in #Clausnitz und anderso schwelt in mir. Dass Menschen auf die Straße gehen – nicht um gegen Krieg in Syrien, oder Merkels Politik zu demonstrieren –sondern gegen Menschen die vor dem Krieg geflohen sind, ist schwer zu ertragen.
Diesen Geist, dass man gegen eine Gruppe von Menschen in pogromartiger Art “demonstrieren” kann, hatten wir überwunden gehofft.

Ob wir es wollen oder nicht, wir müssen uns mit den frustrierten Losern auseinandersetzen und in sie hineinversetzen und sie zurück in den Dialog holen. Sonst tun es andere.

Für die Masse der Mitlaufenden brauchen wir eine Einsteigerorganisation in die Demokratie, bevor wir eine Aussteigerorganisation aus dem Rechtsextremismus brauchen. Politik und Medien müssen raus aus dem Elfenbeinturm der priviligierten Arroganz. Bevor die Brandstifter ihn einreissen.

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So. Rant zu Ende. Nein, ich weiß auch noch nicht, wie das geht.
Es gibt vieles in diesem Land, für das es sich zu kämpfen lohnt.
Und so sehr ich die Dachlatte mit dem Nagel rausholen möchte, 
der Wille zum Dialog ist mächtiger als das Schwert. Er muss es sein.
Denn diese Leute sind zwar Arschlöcher. Aber es sind unsere eigenen Arschlöcher. Getöpfert aus dem Ton der eigenen Geschichte. 
Wie bei Ghost - Nachricht von Sam, Ihr wisst schon.

Si vis pacem para bellum.*

Folgt mir, ich lang, wo’s weiß geht: > words like swords <

(*Lächle die Menschen an. Du kannst sie nicht alle umbringen**)

(**Und Penis. Ich wollte unbedingt noch irgendwo Penis sagen. SEO und so)

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add-on:

(Natürlich ist der Rant zu kurz gegriffen. Nicht alle Ostdeutschen, nicht alle Dörfer, Orte und Kleinstädte sind so grau und perspektivlos, wie von mir rantenderweise formuliert. Und leider sind auch nicht alle besorgten Bürger so dumm, wie man hoffen mag. Der Osten hat auch schöne Ecken und Menschen. Diese möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich grüßen :-)
Free Hugs. Und so.)

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