Google Wave (#rip) - eMail traf Echtzeit

Google Wave Logo

Prolog

Ich bin ein großer Anhänger des Serendipitätsprinzip, welches besagt: “Der Begriff Serendipität (englisch serendipity), gelegentlich auch Serendipity-Prinzip oder Serendipitätsprinzip, bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist.” Und genau dieses Prinzip schlug heute wieder zu, als ich bei der Recherche zu einem Blogbeitrag auf meiner Festplatte auf einen Artikel stieß, denn ich 2009 geschrieben und nicht veröffentlicht hatte, da es eine solch tolle Plattform wie Medium noch nicht gab :-).
Der Titel des Artikels war “Google Wave - die Evolution der Kommunikation”. Diesen Artikel wiedergefunden zu haben erfreute mich sehr, insbesondere, da ich ein sehr großer Fan von Google Wave war und noch heute traurig darüber, dass dieser (r)evolutionäre Ansatz nicht überlebt hat. Einige der damaligen Ideen finden sich heute in anderen Plattformen, Apps und Bots wieder.
Ich würde den Artikel gerne teilen und werde diesen folgend unverändert bereitstellen. Insofern sei der Hinweis erlaubt, dass einige Thesen aus 2009 (eine Ewigkeit in der digitalen Welt) nicht mehr ganz greifen, aber aus der Perspektive von 2009 umso interessanter sind.

Folgend der Artikel aus dem Jahre 2009, dem Geburtsjahr des sogenannten Social Media, welches damals noch Internet hieß.


Google Wave

Die Evolution der Kommunikation oder wie würde eMail aussehen, wenn man es mit dem heutigen Wissen erfinden würde?

Was ist Google Wave?

Lars und Jens Rasmussen, die Erfinder von Google Maps, wurden mit der Aufgabe betraut, mit dem heutigen, technischen Wissen die 25 Jahre alte Kommunikationstechnik eMail neu zu erfinden: „Wir wurden beauftragt die Frage: ‚Wie würde eMail aussehen, wenn wir es heute noch einmal erfinden würden?‘ zu beantworten.“ Die Antwort auf diese Frage gab Lars Rasmussen nach 2jähriger Entwicklung auf der Google-I/O Konferenz am 27. Mai 2009 im Moscone Center in San Francisco und löste damit eine weltweite „Welle“ der Begeisterung aus.

Google Wave ist ein internetbasiertes System zur Kommunikation und Zusammenarbeit in Echtzeit und vereint u.a. Techniken wie eMail, Chat, Wiki, Blog, Social Networking und Projektmanagement. Google Wave synchronisiert (hier gemeint als Gegensatz zu asynchron) und dokumentiert somit Kommunikation.

Das hört sich alles noch nicht sehr aufregend an, ist es aber, denn Echtzeit ist in diesem Fall kein Buzzword, sondern ernst gemeint. Das bedeutet, dass man seinem Kommunikationspartner dabei zusehen kann, wie er tippt und noch besser, auch in den Tippvorgang eingreifen kann. Die Zeiten der mühseligen AW: RE: AW: AW: Betreff-eMails neigen sich damit dem Ende entgegen. Ein weiteres Feature löst dann auch noch die Aufgabe Kommunikation transparent zu machen, auch für Kommunikationspartner, die zu einem späteren Zeitpunkt hinzustoßen: Die Playback Funktion. Mit Hilfe dieser Funktion kann der komplette kommunikative Austausch einer Welle (Wave) erneut abgespielt werden, sodass für jeden der Austausch an Informationen in chronologischer Reihenfolge sichtbar wird.

Folgend, um nicht den Umfang dieses Reports zu sprengen, werden die Grundbegriffe von Google Wave erläutert. Weiterführende Informationen kann man mit Hilfe der Linksammlung abrufen. Die Basis jeder Kommunikation ist die Welle (die Wave) welche als ein neues Thema zu verstehen ist, die jemand anlegt und zu dem alle in Form von Kommentaren, Bildern oder Videos beitragen können. Unterhalb der Wave-Ebene gibt es dann so genannte Wavelets, die Unterthemen zu einer Wave bilden und ein spezielles Thema vertiefen oder Nebenthemen eröffnen. Die kleinste Einheit ist dann ein Blip, also ein einfacher Kommentar, eine Antwort oder ein eingebettetes Video.

Aktuelle Situation

Zunächst sei festgehalten, dass sich Google mit Wave auf ein Novum einlässt, denn erstmalig stehen nicht Suchfunktionen oder das Abbilden bestehender Office-/eMail-Software im Mittelpunkt, sondern die Konversation im Web. Insofern verabschiedet sich Google vom Ansatz „einfach“ lokale Funktionen ins Netz zu bringen und gestaltet eine Plattform die Online und Offline ein Stück näher zusammenrücken lässt.

Wave ist bisher „nur“ auf der Google-I/O Konferenz vorgestellt worden. Der Betatest von Google Wave soll laut Dan Peterson, Produktmanager von Google Wave, am 30. September 2009 starten, indem 100.000 Usern der Zugang gewährt wird. Um einen Zugang bewerben kann man sich nach wie vor unter http://wave.google.com.

Prognose

Google hat angekündigt, sowohl Großteile der eigenen Implementierung als auch das Wave-Protokoll als Open Source bzw. als offenen Standard zu veröffentlichen, wodurch die Realisierung eigener Wave-Systeme ermöglicht wird. Zudem können über eine API Erweiterungen für Google Wave geschrieben werden. Dieses Vorgehen ist sehr intelligent (wenn auch eigentlich zwangsläufig), da schon Apple mit seinem Appstore gezeigt hat, dass es für alle sehr fruchtbar und lohnenswert sein kann, auf dieser offenen Basis zusammenzuarbeiten. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit bestehende Systeme in Wave zu integrieren und somit den Nutzern den Umstieg auf Wave schmackhaft zu machen, aber auch der umgekehrte Weg ist durch die „Embeded Wave“ implementiert worden. Mit Hilfe dieser Funktion können Waves in andere Plattformen integriert werden, was den Umstieg auf Wave noch einmal schmackhafter macht und somit den Social Media Ansatz der Dezentralisierung aufgreift.

Noch ist Wave in einer geschlossenen Beta-Phase, sodass man viel hört, aber noch nicht die Gelegenheit hatte „es“ anzufühlen. Diejenigen, die schon fühlen durften, wie der bekannte Mashable-Blogger Ben Parr, der als nüchterner Analytiker bekannt ist, sind begeistert. Wie bei allen Neuheiten, ist es auch hier ausschlaggebend, wie schnell Google die kritische Masse an Nutzern bekommt, denn wenn sich mein soziales Netzwerk nicht auf Wave aufhält, gibt es keine Motivation dort zu sein. Klappt das Vorhaben, dann werden viele Nutzer des Realtime-Webs Wave bevorzugen, weil sie gutes Potenzial hat, Facebook, MySpace und Xing genauso zu beerben wie auch die entstehenden Social-Web-Anwendungen in den Firmen (Enterprise 2.0). Sehr wahrscheinlich ist, dass die Digital Natives, also die Internetnutzer, die nach 1980 geboren wurden, Wave als neue und extrem erweiterte Chatplattform annehmen und dadurch, gefolgt von den Early Adoptern, nach und nach alle bis hin zu den Digital Immigrants zum Umzug bewegen.

Nur wenn in möglichst kurzer Zeit, möglichst viele Nutzer gewonnen werden können, wird Google Wave seine, dann unaufhaltsame, Fahrt aufnehmen. Gelingt es nicht, wird Google viel an Marktmacht verlieren, da es sowieso schon Gefahr läuft den Anschluss im Realtime-Web zu verlieren. So oder so, werden sich die am Beispiel von Google Wave gezeigten, neuartigen Kommunikationsmöglichkeiten durchsetzen, egal unter welchen Label die Techniken dann auftreten.

Linksammlung und weiterführende Informationen