Der Gast

Auf dem Foto: Ivan Ozhogin und Natalia Martynova
Alles ist umständlich.
Du musst begreifen, dass die Menschen ein Recht auf eigene Meinung haben,
und nicht immer genau das machen, was du von ihnen erwartest.
Sie mögen dich lieben, aber ihre Liebe mag nicht so sein, wie du es dir wünschst.
B. Show

Die Tür quietschte.

„Hallo.“

Die Frau zuckte zusammen sah aber nicht auf. Sie kannte diese Stimme viel zu gut.

„Warum bist du gekommen?“

„Hab’ dich vermisst.“

„Lügner.“

„Genau.“

Sie legte doch ihre Unterlagen beiseite und warf einen Blick auf den am Türeingang stehenden jungen Mann. Sie haben einander mehr als drei Jahre nicht gesehen. Ihre Blicke trafen sich.

„Du brauchst nur noch unterzutauchen. Schon wieder.“

Er grinste.

„Erraten.“

Ohne eine Einladung abzuwarten kam er an die Bar heran und begann sich ein Mischgertränk zu mixen.

„Was hast du dieses Mal angestellt?“

„Wirst aus den Morgenzeitungen erfahren.“

Schweigen.

„Was stimmt mit dir nicht?“, flüsterte sie bitter. „Warum machst du so was?“

„Ich bin nun einmal so.“

Wiederum schweigen.

„Hast du wenigstens an mich gedacht?“

„Sollte ich das?“

Sie stockte.

„Ich bin es satt ständig lügen zu müssen. Polizei im Haus. Aussagen. Vernehmungen. Und jetzt kommst du noch zu mir während ich arbeite. Wie lange soll das alles bitte noch dauern?!“

Ihre Stimme bebte und plötzlich brach sie in Tränen aus. Ein Schatten überzog sein Gesicht. Er stellte das unangerührte Glas beiseite und näherte sich vorsichtig der Frau.

„Weine nicht, ich bitte dich.“

Er umarmte sie und zog sie an sich. Sie versuchte sich loszureißen, er aber hielt sie fest.

„Du weißt doch, deine Tränen tun mir weh.“

Sie schluchzte.

„Du machst aber alles, um mich weinen zu sehen.“

Schweigen.

„Geh weg“, sagte sie plötzlich. „Der Schlüssel von der zweiten Wohnung ist im Geldbeutel.“

„Danke.“

Er stand auf und reichte ihr ihre Tasche. Sie sah fragend zu ihm auf.

„Ich bin es nicht gewohnt in den Sachen anderer zu wühlen.“

„Aber natürlich. Du raubst einfach die Banken aus.“

„Genau.“

Er steckte die Schlüssel ein und sah der Frau in die Augen.

„Du bist die Beste.“

„Hau endlich ab.“

Er nickte ihr zu und ging zu dem Ausgang.

„Weißt du“, ihre Stimme erreichte ihn auf der Schwelle. „Das nächste Mal werde ich dich anzeigen.“

Er lächelte.

„Lügnerin.“

Er war schon längst weg, sie saß aber immer noch regungslos am Tisch.

Er hatte recht.

Sie wird schweigen.

Sie wird alles tun, um ihren kleinen Bruder zu beschützen.

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  • Geschrieben von E. Kudrevich
  • Foto von Tatiana Milovidova

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