Brooklyn - Langeweile zwischen zwei Pappwänden

Zugegeben, Brooklyn ist nicht gerade der Film, den man an einem geselligen Samstagabend mit seinen Kumpels sehen würde. Oder irgendeinem anderen Abend. Der Trailer und die Kurzbeschreibung verraten genug, um den Streifen schneller von der Watchlist verschwinden zu lassen, als man den Vornamen der Hauptdarstellerin aussprechen kann (Saoirse - Wenn man sich einfach nicht entscheiden kann, welchen Vokal man im Namen der Tochter gerne hätte).

Eine junge Irin, deprimiert von ihrer eigenen Schüchternheit und Arbeitslosigkeit, sucht Anfang des 20. Jahrhunderts einen Ausweg - und findet diesen in einer Überfahrt in die USA. Überraschend schnell lebt sie sich ein, was nicht zuletzt an einem italienischen Klempner namens Mari… pardon, Tony liegt. Ihre Vergangenheit holt sie jedoch wieder ein, als sie aufgrund familiärer Umstände zurück nach Irland muss…

Dass dieser Film überhaupt so viel Aufmerksamkeit erfährt und letztlich zwei Stunden meines Lebens für sich in Anspruch nahm, hat mit den Oscar-Nominierungen zu tun - für den Besten Film, Ms. Ronan als Hauptdarstellerin sowie Nick Hornby für sein an den gleichnamigen Roman angelehntes Drehbuch.

Beginnen wir bei letzterem. Hornby dürfte vielen von scharfzüngigen, gewitzten Büchern wie “Long Way Down” oder “Slam” bekannt sein. Da überrascht es schon, ihn sich mit einer solch konventionellen, doch überwiegend drögen Geschichte auseinandersetzen zu sehen. Ohne Frage ist die Geschichte in sich schlüssig auf unter zwei Stunden eingedampft. Die ein oder andere Szene wirkt etwas überflüssig, soll aber wohl die Stimmung der Zeit transportieren, was zu respektieren ist.

Aber gerade hier gibt es ein großes Problem. Das Szenenbild wirkt teilweise, als wäre vor 60 Jahren in den Filmstudios Babelsberg gedreht worden. Fast befürchtete ich ein plötzliches Umstürzen der nächtlich beleuchteten Häuserkulisse, das dann sicherlich einen gelangweilten Tontechniker im Unterhemd hätte erscheinen lassen. Vielleicht war genau dieses Flair ja auch beabsichtigt. Jedoch hat der Rest des Filmes keinerlei Anspruch, über ein ästhetisches Mittelmaß hinaus wirksam zu werden (Kleiner Vorgeschmack: Irin geht durch Passkontrolle und entschwindet durch geöffnete Tür ins blendende Gegenlicht), weswegen mich ein solch tiefer Griff ins Filmkunstreservoir doch überraschen würde.

Brooklyn lebt vielmehr von der Liebesgeschichte, besser gesagt der Gefühlswelt der jungen Irin. Sowohl Ms. Ronan als auch der restliche Cast (besonders hervorzuheben: Emory Cohen als italienische Zuckerschnute mit Mitleidsbonus), vielleicht mit Ausnahme eines blassen Domnhall Gleeson, zeigen ihr Talent in vollem Maße. Die Nominierung der Hauptdarstellerin ist durchaus gerechtfertigt, hat sie doch einige herausfordernde Szenen, die über eine bloße, entrückte Charakterstudie mit Ozean im Hintergrund hinausgehen.

Doch leider kann auch sie nicht ändern, dass der Film an seiner Belanglosigkeit zugrunde geht. Hat die junge Dame anfangs vielleicht noch ein paar Sympathien errungen, so schwinden diese im Laufe des Films zunehmend dahin. Für welches Leben wird sie sich entscheiden? Für welchen Mann? Warum sollte mich das interessieren? Der Geschichte fehlt es an jeglicher Spannung, an echten Emotionen, die auf den Zuschauer übertragen werden - außer vielleicht einer stetig zunehmenden Abneigung gegen die Hauptfigur.

Okay. Ich will ehrlich sein. Vielleicht ist es auch einfach nicht fair. Vielleicht habe ich dem Film von Beginn an keine große Chance gegeben. Aber vielleicht muss ein Film, der von der Academy als einer der sieben besten des Jahres bezeichnet wird, ja gerade das leisten können - den Zuschauer abholen, der zum Anfang hin skeptisch der Geschichte gegenüber steht. Dieser Thematik hätte man sich ruhig ambivalenter nähern können - Brooklyn aber wirkt eher wie ein Imagefilm der US-Einwanderungsbehörde. Kann man mal machen, wenn man im Flugzeug nach New York nicht einschlafen kann. Hat man aber vergessen, ehe man Saoirse aussprechen kann. (Ernsthaft. Wie?)

Darsteller: 8/10

Technik&Ausstattung: 6/10

Drehbuch: 5/10

Final: 63%