Depressionen sind scheiße
Im Oktober letzten Jahres habe ich die Diagnose “mittelgradige depressive Episode” erhalten. Seitdem sind besonders in der ersten Zeit viele (sehr viele) Tränen geflossen und ich habe unglaublich viele Nächte nicht schlafen können. Und obwohl es mir mittlerweile eher besser als schlechter geht, sind die schlaflosen Nächte geblieben. Wenn es auch nicht mehr so viele sind.
Seit gut einem viertel Jahr führe ich Tagebuch über meine Gefühle. Bekommen habe ich damit als Vorbereitung für einen Termin beim Psychologen, um besser beschreiben zu können, wie es mir geht. Denn dies zu tun ist und war gar nicht so leicht. Denn ein Symptom meiner Depression ist Verdrängung. Ich habe mich einfach nicht mit mir selbst auseinandergesetzt. Mit dem, was ich will und wollte.
Während meiner Schulzeit habe ich Biologie geliebt — es war mein absolutes Lieblingsfach und immer dachte ich “Mensch, vielleicht wäre ein Job in dieser Richtung etwas für mich.” Aber als dann das Abitur näher kam und die Beschäftigung mit der beruflichen Zukunft anstand, hörte ich immer aus allen Ecken, dass ich etwas Anständiges lernen sollte… “Junge, was willst du denn damit hinterher machen?” — Biologie… Die Lehre vom Leben… Heute kann ich über die Bedeutung schmunzeln ;-)
Da ich damals schon mehr auf die Meinung anderer gegeben habe, als auf mein eigenes Bauchgefühl gehört habe, habe ich dann begonnen BWL zu studieren. Schon im zweiten Semester hatte ich einen Burnout. Da ich eigentlich wusste, dass ich dieses Studium nicht will und sich mein Körper mit allem was er hat dagegen wehrt. Aber ich habe mich durchgebissen, denn durchbeißen kann ich gut. Meine Bestätigung, dass es doch das richtige Fach ist, habe ich mir über gute Noten geholt. Und um diese zu erreichen, habe ich 7 Tage in der Woche für mindestens 10 Stunden am Schreibtisch gesessen und gepauckt. Kein Wochenende, keine Feiertage, nicht einmal Weihnachten oder Geburtstage. Nur die Uni. Die Noten waren dann auch sehr gut, aber ich habe mich und meinen Körper völlig ausgebeutet. Von einem intakten Freundeskreis oder gar einer festen Freundin ganz zu schweigen. Ich bin sozial verkümmert, um nicht aufgeben zu müssen und mir einzugestehen, dass ich an der ersten, wichtigen Abzweigung im Leben nicht nur die Falsche gewählt habe, sondern quasi in einem Kreisverkehr gelandet bin. In der Mitte stand die Uni und ich bin drumherum gefahren. Für Jahre.
Nach dem Bachelor kam der Master; ebenfalls BWL. Denn nachdem ich fast ein Semester außer Gefecht war, um mich zu erholen und die Uni weniger ernst nehmen zu können, war die Konsequenz nicht das Studium abzubrechen, sondern mir vorzuspielen, dass es ja wieder geht und ich weitermachen sollte… Hab ich gemacht. Bin dann auch relativ schnell im ersten Job gelandet. In einer kirchlichen NPO.
Der Job, in dem ich immer noch bin, macht mir Spaß. Denn die Kollegen sind toll und an der Hilfe für andere Menschen beteiligt zu sein, ist ein schönes Gefühl. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist, dass ich meinen Job inhaltlich hasse — und diesen Absatz schreibe ich nun zum zweiten Mal, da ich mich dabei ertappt habe, mich wieder zu bescheißen und nicht die Wahrheit aufzuschreiben. Ich hasse die Verantwortung, die ich trage. Ich hasse es, über die Zukunft anderer Menschen zu entscheiden, indem ich den Daumen senke oder hebe. Das bin ich nicht. Ich bin zu gut für diese Arbeit. Sie macht mich krank.
Und ich wurde krank.
Alles ging los, als mein alter Chef gefeuert wurde und ein neuer Chef kam. So ein total eloquenter Alleskönner einer Beratungsfirma. Er hat die ganze Firma auf links gekrempelt. Und während dieser Umbruchszeit bin ich nicht mehr mitgekommen. Ich habe versucht, mich den neuen Umständen und Anforderungen anzupassen, aber schnell gemerkt, dass ich es nicht kann. Der Begriff Anpassungsstörung fiel in diesem Zusammenhang beim Psychiater. Wieder habe ich mich monatelang verboten, um alle Erwartungen zu erfüllen und gute Arbeit abzuliefern. Denn an dieser messe ich mich selbst — ich will alles Perfekt machen. Ach wenn ich es inhaltlich zum Kotzen finde. Und so kam alles wie es kommen musste.
An den Tag meines Zusammenbruchs kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war in der Mittagspause, in der ich völlig verzweifelt meine Mutter angerufen habe und ihr unter Tränen sagte, dass ich nicht mehr kann. Am Tag darauf saß ich bei meinem Hausarzt, der mich glücklicherweise direkt an einen Psychiater überwiesen hat. Diagnose: Depression.
