Rike
Es gibt diese Leute, die immer glücklich sind, immer lachen und eine Fröhlichkeit ausstrahlen, als hätten sie gerade im Lotto gewonnen, ein Kind zur Welt gebracht oder Geburtstag. Oder gleich alles zusammen.
Rike ist so ein Mensch — zumindest dacht ich das immer. Denn Rike strahlt diese tief auf dem Inneren eines Menschen kommende Fröhlichkeit aus. Ich habe Rike bei einem VHS-Kurs kennen gelernt. Es ging um Achtsamkeit, also eine besondere und z.Zt. ziemlich hippe Form der Meditation. Es geht darum, sich und seine Umwelt wahrzunehmen. Zu spüren, wie es sich anfühlt einfach zu sein. Den Atem in den Lugen zu spüren oder seinen eigenen Herzschlag pochen zu hören. Es geht um Wahrnehmung.
Rike sagte in der Vorstellungsrunde, dass sie derzeit nur sehr schlecht mit sich sein kann. Ich spürte eine Spannung in ihr. Dieses Gefühl, dass es einen innerlich zerreißt. Man möchte weg vor sich selbst, aber kann es nicht. Genau dieses Gefühl kenne ich. Und ich merke, wenn jemand dieses Gefühl mit mir teilt. Die Achtsamkeitslehre oder Mindfullness hat mir dabei geholfen.
Was ich aber eigentlich in diesem Post sagen will: Rike wirkte fröhlich und gelöst. Aber sie war es nicht. Depressionen? Quatsch, Rike doch nicht — das würden Bekannte sage. Eben Menschen, die Rike nicht richtig kennen. Menschen, die morgens auf dem Büroflur fragen “Hey, wie gehts dir? Wie war dein Wochenende?” und eigentlich nur ein “Gut.” und “Super.” erwarten. Einfach weil es eine gesellschaftliche Konvention ist.
Heute Morgen traf ich Rike beim Joggen im Wald. Zusammen mit einer kleinen Sportgruppe. Sie lachte und hatte Spaß. Zumindest schien es so. Als sie mich sah, erkannte sie mich. Wir nickten uns zu — als eine Art stiller Bund zwischen zwei Menschen. Menschen, die mit sich selbst kämpfen. Deren Inneres ein Schlachtfeld ist, Gefangene werden nicht gemacht. Es geht ums Leben.
Jeder trägt sein Päckchen. Und das oft, ohne das das direkte Umfeld davon etwas mitbekommt. Also seid lieb zueinander, denn ihr wisst nicht, in was für einer Scheiße euer Gegenüber gerade steckt. Und diese Scheiße muss nicht unbedingt eine Depression sein oder sonst eine Krankheit. Jedem Scheißhaufen ist aber gemein, dass ein einzelnes unbedachtes Wort oder eine unbedachte Geste (die Profis sprechen von “Trigger”), Wunden wieder aufreißen kann. Wunden, die man so mühsam und schmerzhaft zusammengeflickt hatte.
Also: Seid lieb zueinander.
(Ich denke, ich könnt Euch vorstellen, dass Rike nicht Rike hieß. Ich möchte niemanden in die Öffentlichkeit ziehen, der das nicht möchte oder den ich nicht selbst fragen kann.)
