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Privatsphäre ist keine Utopie — nur mittlerweile oft mit Kosten verbunden

Cathleen Berger
Apr 6, 2018 · 5 min read

Eine neue digitale Kluft hat sich aufgetan. Gemeint ist nicht etwa unsere Sorge darum, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung noch immer offline ist, abgeschottet vom Internet aufgrund wirtschaftlicher oder geografischer Nachteile. Es geht darum, dass es mittlerweile Luxus ist, Technik zu entgehen, seine Geräte zu Hause zu lassen oder aber Kameras im öffentlichen Raum aus dem Weg zu gehen.

Während wir auf der einen Seite mit Hochdruck daran arbeiten, den Zugang zum Web zu demokratisieren, wird auf der anderen überdeutlich, dass das bewusste, temporäre Kappen dieser Verbindung mit einem hohen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Preis verbunden ist. Diese digitale Kluft kann scheinbar nur von wenigen überwunden werden — denen, die die notwendigen Mittel und Kenntnisse haben.


Dieser Trend ist in allen Teilen der Welt zu spüren und betrifft zahlreiche, um nicht zu sagen fast alle Lebensbereiche.

Denken wir nur mal an unser alltägliches Kommunikationsverhalten: Schon einmal das Gefühl gehabt, permanent online und erreichbar sein zu müssen, für Freunde, Familie, Kollegen? Mittlerweile gibt es sogar Anzeichen, dass Jugendliche vom ständigen Vibrieren ihrer Telefone “an den Rand einer emotionalen Krise” getrieben werden, wie kürzlich in der US-Zeitschrift The Atlantic zu lesen war. Hinzu kommt, dass Dienste wie Google, Twitter und Facebook ganz bewusst darauf angelegt sind, süchtig zu machen.

Es soll schwierig sein, abzuschalten oder das Gerät bzw. den Anbieter zu wechseln.

Und wie sieht es mit öffentlichen Dienstleistungen aus? Steuererklärungen, Visa, Geburtsurkunden — inzwischen können viele Anträge an Behörden nur noch online abgegeben werden, selbst für Beratungstermine stehen oft nur Online-Formulare zur Verfügung. Zunehmend werden auch biometrische Daten, wie Fingerabdrücke oder Iris-Scans abgefragt, gespeichert und verarbeitet. Der persönliche Weg in die Behörde wird trotz vieler Risiken und Hürden zunehmend steiniger. Darüber hinaus werden neue Technologien, wie digitale Identitäten, die öffentliche Dienstleistungen effizienter machen sollen, nicht selten zunächst an sozial schwächeren Gruppen oder Minderheiten getestet. Privatsphäre- und Sicherheitsaspekte rücken in den Hintergrund, werden womöglich erst nachträglich ergänzt — wenn überhaupt.

Auch private Unternehmen verfügen über detaillierte Informationen über jeden von uns. In vielen Fällen werden diese Kenntnisse für praktische Zwecke eingesetzt, sei es für relevante Werbeanzeigen oder bessere Suchempfehlungen. Kombiniert man allerdings Daten aus verschiedenen Quellen, etwa Internetrecherchen, die Zeit, die man auf bestimmten Webseiten verbringt, private Kontakte und Netzwerke, E-Mails, Apps und die eigene Einkaufshistorie, entsteht daraus ein sehr privater Einblick in unsere Bedürfnisse, Wünsche und Ängste.

Leider können solche Informationen auch Grundlage politischer, religiöser oder rassistischer Diskriminierung werden. Die Debatte um eine mögliche Wählerbeeinflussung während politischer Wahlen in Form von Micro-Targeting illustriert nur ein Einsatzgebiet von vielen.


Verantwortungsvoll gesammelt und aufbewahrt, können Daten der Allgemeinheit auf zahllose Arten nützen. In der Regel ist technologischer Fortschritt letztlich durch ein Streben nach gesellschaftlicher oder sozialer Verbesserung motiviert. “Smart City”-Konzepte, im Rahmen derer Sensoren und Kameras an Straßen und öffentlichen Plätzen angebracht werden, sollen beispielsweise helfen, den Verkehr zu steuern und die Luftverschmutzung in dicht besiedelten Gebieten zu reduzieren. Ebenso ermöglicht es das “Internet der Dinge”, das eigene Zuhause um praktische Innovationen, wie sprachgesteuerte Assistenten oder intelligente Zähler zum Energiesparen, zu bereichern.

Was all diese smarten Kameras, Mikrofone und praktischen Helferlein dabei auch tun, ist Daten sammeln: darüber, wo wir uns aufhalten, über unsere Gewohnheiten oder mit wem wir uns treffen. Denken wir nur an das “Social Credit System” in China, die Lecks in der nationalen biometrischen Datenbank Indiens oder schlicht das allgegenwärtige Tracking, das meist aus Marketing-Interessen eingesetzt wird. Diese gesammelten Daten können kopiert und verkauft werden; und ja, sie können auch gestohlen werden und in die falschen Hände geraten.

Eines sollte uns die Geschichte gelehrt haben: Es ist schwer, sich gegen einen potenziellen Missbrauch unserer Daten zu wappnen. Werden all diese technologischen Entwicklungen zusammengenommen, scheint die Kontrolle über unser digitales Leben nahezu ausgeschlossen.


Wie schaffen wir es also, uns Privatsphäre zu leisten?

Es ist traurig, aber wahr: Mit Geld lässt sich einiges kaufen. Beispielsweise können wir in die neuesten Gadgets und Geräte mit den besten Sicherheitsstandards investieren und uns statt des 30-Dollar-Smartphones, das mit eingeschränktem Funktionsumfang unter Android läuft, ein 1.000-Dollar-iPhone zulegen. Für die meisten ist das allerdings keine Option. Wir können auch höhere Versicherungsbeiträge in Kauf nehmen, um beispielsweise Fitness- oder GPS-Daten, die Aufschluss über unser (womöglich verantwortungsloses) Verhalten geben könnten, für uns zu behalten; aber auch das kann sich nicht jeder leisten.

Es braucht allerdings nicht zwingend finanzielles Kapital: um unsere Freunde, Familie und Kollegen davon zu überzeugen, sichere Nachrichten-Apps wie Signal zu verwenden, müssen wir erstmal über ausreichend Einfluss innerhalb unseres persönlichen Umfelds verfügen. Gleichermaßen bedarf es eines gewissen Maßes an Jobsicherheit, um Nachrichten nicht zu beantworten und davon auszugehen, dass jemand, der etwas möchte, sich schon wieder melden wird.


Halten wir fest: Das Problem ist äußerst komplex und verlangt weit mehr als individuelles Kapital und eine grobe Analyse. Wir brauchen eine ehrliche und offene Debatte, wenn wir verhindern wollen, dass unser fundamentales Recht auf Privatsphäre nicht langsam aber sicher verscherbelt wird.

Wir müssen unser Bewusstsein stärken und Transparenz fördern. Dafür ist eine Zusammenarbeit von Regierungen und der Technologie-Industrie nötig, die in der Verantwortung sind, über die Nutzung von Daten aufzuklären. Auch müssen Möglichkeiten geschaffen werden, einzugreifen, wenn Daten gegen unseren Willen gesammelt, verkauft oder verwendet werden. Die EU-weite Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), die am 25. Mai 2018 in Kraft tritt, hat das Potential, neue Maßstäbe für den Umgang mit Daten zu setzen — nicht nur innerhalb der EU, sondern weltweit.

Darüber hinaus sollten mehr Organisationen sogenannte Lean Data Practices adaptieren und unterstützen. Diese zielen darauf ab, dass keine überflüssigen Daten erhoben und die gesammelten nicht länger aufbewahrt werden, als es für den jeweiligen Zweck unbedingt nötig ist, während zugleich eine Absicherung nach höchsten Standards gewährleistet wird.

Außerdem verdienen Projekte wie “Time Well Spent” deutlich mehr Aufmerksamkeit. Sie rufen die Tech-Industrie dazu auf, sich wieder stärker an ethischen und gesellschaftlichen Standards zu orientieren. Fortschritt findet nicht auf strikt voneinander getrennten Plattformen statt, die in einem permanenten Kampf um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Fortschritt basiert auf dem Interesse, der Neugierde und den eigenverantwortlichen Entscheidungen von Nutzern.


Und du und ich? Kennen wir nicht alle das unterschwellige Gefühl, dass wir ein paar Apps zu viel installiert, zu vielen AGB zugestimmt oder insgesamt den Überblick über die zahllosen Accounts verloren haben, die wir im Laufe der Zeit angelegt haben? Wir können vielleicht nicht von heute auf morgen Design und Prozesse ändern, aber wir können zumindest mit kleinen Schritten etwas Kontrolle über das eigene digitale Leben zurückgewinnen, durch ein achttägiges Data Detox zum Beispiel.

Nichts davon kann für sich genommen eine Patentlösung darstellen. Um jedoch geeignete Lösungen zu finden, müssen wir zunächst einsehen, dass wir unsere Privatsphäre derzeit sukzessive aushöhlen und ein “analoges” Leben ohne Webtechnologien und Datensammelwut zu einem Luxusgut machen.


An English version of this piece has been published here: | Eine englische Version ist hier erschienen: http://www.dw.com/en/privacy-is-not-dead-but-its-going-to-cost-you/a-42902981

Cathleen Berger

Written by

Policy Expert, focusing on human rights in the digital age, tech and security policy, and international relations

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