Blogparade #KulTourRaum: Digitalisierung in Freilichtmuseen

Freilichtmuseum am Kiekeberg, 2017. © Larissa Borck, CC BY 2.0

Freilichtmuseen faszinieren mich. Nicht nur, weil sie Objekte und Dinge ländlicher Kultur bieten, die fast kein anderer Typus von Museen präsentiert, wie Tiere, Häuser, laufende Landmaschinen, frische Luft und anderes. Sondern weil ich in ihnen immer wieder entdecke, dass Alltagskultur in Museen etwas erreicht, wovon andere Kulturerbeeinrichtungen träumen dürfen: ein wahrhaft diverses Publikum.

In Freilichtmuseen sehe ich Familien mit Kindern, die herumrennen und entdecken — und keiner zischt sie an, weil sie die Idee des ewig ruhigen Museums stören. Ich sehe alte Menschen, die etwas entdecken, das Teil ihrer Kindheit war, und das sie eigentlich verloren glaubten. Ich sehe junge Menschen, die die Vorfahren von Dingen erleben, die heute ihren Alltag begleiten. Ich treffe Menschen aus der direkten ländlichen Umgebung und Städter_innen, die zum Teil weite Wege für den Besuch auf sich nehmen.

Natürlich streben viele Museen heute danach, ein vielfältiges Publikum in ihre Einrichtungen zu locken. Manche, weil sie an die Idee glauben, dass Kultur jedem gehören sollte; andere, weil sie ihre Besucherzahlen erhöhen möchten.

Warum gelingt vielen Freilichtmuseen diese Aufgabe so gut? Dies hängt aus meiner Sicht unter Anderem mit ihrer Geschichte zusammen. Ihre Entstehung hing eng mit den elementaren Umbrüchen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur während der industriellen Revolution zusammen. Ihre Gründung geht auf die Idee zurück, dem Volk seine ländliche, “ursprüngliche” Kultur zu zeigen. Auch wenn die Motive sich wandelten, ihre Geschichte reflektiert werden muss und wurde, die Bildung breiter Schichten der Bevölkerung ist Freilichtmuseen stärker eingeschrieben als anderen Museumsarten.

Meiner Faszination für Freilichtmuseen darf ich gerade besonders intensiv nachgehen. Meine Masterarbeit beschäftigt sich mit einem Aspekt der Museumswelt, der aus derzeitigen Diskussionen nicht wegzudenken ist: Digitalisierung. Mich interessiert, wie Freilichtmuseen dieses Phänomen verstehen — was bedeutet ihnen das Digitale? Wie nutzen sie es? Welche Chancen und Herausforderungen sehen sie? Neben Interviews mit Mitarbeiter_innen analysiere ich digitale Angebote von einigen Freilichtmuseen in Europa. Ich möchte einige Beispiele für die digitale Arbeit von Freilichtmuseen im ländlichen Raum bringen.

Screenshot des Portals “Alltagskulturen im Rheinland”, 10.3.2018.

Das Portal “Alltagskulturen im Rheinland” ist eine Website dreier LVR-Einrichtungen, der Freilichtmuseen in Kommern und Lindlar sowie des Instituts für Landeskunde. Es präsentiert einerseits digitalisierte Bestände der Instititutionen und bietet andererseits Einblicke in verschiedene thematische Schwerpunkte durch kuratierte Texte.

Im deutschsprachigen Raum steht dieses Angebot in seiner Form relativ alleine da (soweit ich weiß). Was mir von Anfang gut gefiel, war die Vielfalt an Themen und Zeitabschnitten. Nicht nur der rheinische Sauerbraten findet Platz, sondern genauso Hot Dogs. Dass Kultur sich wandelt, dass sie nicht statisch ist und dass moderne Diversität im Freilichtmuseum ebenso Platz findet, ist ein wichtiger Beitrag dieses Portals. Diese Bezüge zur Gegenwart, die in anderen Freilichtmuseen, z.B. in Skandinavien, seit vielen Jahren selbstverständlich sind und längst Teil physischer Ausstellungen, sind in Deutschland noch lange keine Selbstverständlichkeit. Das Freilichtmuseum Kommern mit seinem Marktplatz Rheinland oder das Freilichtmuseum am Kiekeberg mit der Königsberger Straße sind auf diesem Gebiet bisher Ausnahmen.

Dennoch sehe ich einige Schwachstellen. Es bleibt nach einigen Besuchen der Eindruck, dass das Portal die klassische museale Vermittlung direkt ins Internet verlegt hat. Die Chancen, die das Digitale eigentlich bieten könnte, nämlich die Vernetzung und der Kontakt zu den Nutzer_innen, werden kaum aufgegriffen. Ich kann Beiträge nicht direkt in sozialen Medien teilen. Ich kriege keine direkt zugänglichen Informationen zum Copyright der Texte oder der digitalisierten Objekte. Was mich besonders nachdenklich macht: Warum darf ich als Userin nichts kommentieren? Keine eigenen Objekte und Geschichten beitragen? Wäre das nicht die echte Chance eines solchen Portals: die Öffnung einer Institution im digitalen Raum?

Interaktionen von Freilichtmuseen in sozialen Medien (Freilichtmuseum am Kiekeberg, Skansen, Nederlands Openluchtmuseum, Ballenberg)

Abseits von den großen, teuren Projekten, den Portalen und Initiativen wird ein Aspekt der Digitalisierung aus meiner Sicht zu selten hervorgehoben: Interaktion. Vielleicht war es nie einfacher (und im Vergleich günstiger), mit seinen Zielgruppen in Kontakt zu treten. Natürlich ist dafür kommunikatives, kreatives und digital affines Personal nötig. Natürlich brauchen Accounts ständige Aufmerksamkeit und Aktualität. Und natürlich ist die besondere Herausforderung für Museen, dass Menschen sich hier tatsächlich mit dem Museum auseinandersetzen — und das auch kritisch (obwohl sie das auch unabhängig davon tun, ob das Museum einen Account betreibt oder nicht).

Freilichtmuseen stehen hier vor besonderen Herausforderungen, die anderen Museen so nicht begegnen. Ein besonderes Highlight in jedem Freilichtmuseum sind die Tiere, sowohl für die physischen als auch für die digitalen Besucher_innen. Großartig, weil: Sie bringen Reaktionen, Likes und Klicks. Problematisch, weil: Tiere werden krank und sterben, das ist die Realität. Und so manch Mitarbeiter_in steht dann virtuell vor wütenden User_innen, die nach dem Verbleib von Ferkel X oder Kalb Y fragen. Das tiefer liegende Problem ist hier die Transparenz und Vermittlung von musealem Wissen. Denn im Grunde wollen Museen ja, dass Besucher_innen sich intensiv mit ihren “Objekten” auseinandersetzen und identifizieren. Aber es ist (und war) nicht immer leicht, die ländliche Lebenswelt und Kultur zu vermitteln, zu der auch das Sterben oder sogar Schlachten von Tieren gehört (ein Gegenvorschlag von PETA). Eigentlich taucht hier also kein neues Problem auf; nur sind noch längst nicht alle musealen Institutionen an die Transparenz, die das Digitale mit sich bringen kann, gewöhnt.

Video auf dem Youtube-Kanal von Skansen (2017) zu Scheren und Filzen. Mehr Videos hier.

Freilichtmuseen bieten seit Jahren, insbesondere seit dem Aufkommen von Trends wie Do-it-yourself und romantischen Zeitschriften wie Landlust & Co., vielfältige Kurse zu dem immateriellen Kulturerbe in ländlichen Regionen. Dazu zählen altes Handwerk, Kunst(handwerk) sowie Wissen und Praktiken, die lange gefährdet schienen, in Vergessenheit zu geraten.

Manche Freilichtmuseen nutzen den digitalen Raum, um die Lust auf dieses Wissen wiederzubeleben. Neben den physischen Angeboten bieten sie im Internet Einblicke in das Wissen, das sie bewahren und am Leben erhalten. Dass das Interesse daran existiert, zeigt das eingebettete Video, das immerhin fast 15.000 User_innen angeklickt haben — und dabei ist es vollständig auf Schwedisch. Dass niemand nach einem zehnminütigen Video umfassend über Scheren und Filzen informiert ist, ist offensichtlich. Sollte aber auch nur ein Prozent der User_innen danach entschlossen sein, mehr über diese alten Techniken zu erfahren und vielleicht sogar einen entsprechenden, zahlungspflichtigen Kurs zu buchen — wäre das nicht ein großer Gewinn für die Bewahrung des immateriellen Alltagskulturerbes?

Freilichtmuseum am Kiekeberg, 2017. © Larissa Borck, CC BY 2.0

Freilichtmuseen sind ein besonderer Schatz für ihre Regionen. Häufig gelingt ihnen eine besondere Diversität im Publikum, weil sie durch ihr andersartiges Gelände und niedrigschwellige Vermittlungswege überzeugen. Das Digitale, so scheint es mir nach meinen Beobachtungen, wird in seinen Chancen jedoch nicht vollständig ausgeschöpft, zumindest was den deutschsprachigen Raum anbelangt. Damit möchte ich nicht sagen, dass jedes Freilichtmuseum 3D-Scans seiner Häuser benötigt, eigene Online-Sammlungen oder Ähnliches. Vielleicht stimmt sogar, was ein Interviewpartner zu mir sagte, dass (zumindest physische) Besucher_innen im Freilichtmuseum gar nicht das Digitale wollen, dass sie nach dem vermeintlich Traditionellen suchen.

Doch kein Museum kann ohne digitale Technologien überleben. Und da wundert es mich, dass kein einziges, mir bekanntes Freilichtmuseum eine digitale Strategie veröffentlicht hat (auch wenn sie dabei im deutschsprachigen Raum bei weitem keine Ausnahme sind). Was mir als Userin und physische Besucherin in vielen Freilichtmuseen fehlt, ist eine Vision, was das Digitale für diese besondere Art von Museen beitragen könnte. Natürlich gibt es großartige Ausnahmen, Lichtblicke, in denen einzelne Mitarbeiter_innen mit oftmals geringen Ressourcen großartige digitale Momente und Erlebnisse schaffen. Aber leider erlebe ich den musealen Diskurs zu Innovationen in der Digitalisierung eher als einen, der insbesondere von anderen Museumstypen wie (städtischen) Kunstmuseen dominiert wird.

Ich verstehe Freilichtmuseen als die große Chance für Alltagskultur, für ländliche wie auch städtische. Und um dieser Rolle gerecht zu werden, sollten sich viele Freilichtmuseen systematischer mit der Frage auseinandersetzen, wohin sie mit der Digitalisierung eigentlich wollen.

P.S.: Für meine Masterarbeit suche ich derzeit Mitarbeiter_innen von Freilichtmuseen, in deren Aufgabenbereich die Koordination von digitalen Angeboten fällt und die bereit wären, an einem Interview teilzunehmen. Genauso freue ich mich über Beispiele zur digitalen Praxis in (gerne auch internationalen) Freilichtmuseen. Ich freue mich über Hinweise oder Kontakte!

P.P.S.: Dieser Blogbeitrag ist Teil der Blogparade “#KulTourRaum. Kultur und Kulturtourismus im ländlichen Raum” von Kultur hoch N und Zeilenabstand.