Bewusstseinskontrolle im linksextremen Milieu 4 —Neusprech

In seinem Roman 1984 beschäftigt sich George Orwell schon intensiv mit der Macht von Sprache. Dabei wird ausgenutzt, dass unser Geist in assoziativen Netzwerken strukturiert ist. Dies ist auch die psychische Ursache von Vorurteilen ist. Im Religiösen wird der Begriff “Sünde” so beispielsweise mit nachvollziehbar schlimmen Dingen wie Mord, Vergewaltigung, Brandschatzen und Diebstahl in Verbindung gebracht. Irgendwann muss man nur noch “Das ist Sünde” und es wird schon eine unangenehme emotionale Reaktion ausgelöst. Definitionsmacht über was “Sünde” ist und was nicht, liegt dann bei den “Gelehrten”. Typisch für sektenhafte Entwicklungen unter solchen Vorzeichen ist, dass zum “Sünder” wird, wer die “Gelehrten” in Frage stellt. Der ist dann ein “Ketzer”.

Es ist Dein Fehler, wenn Du es nicht verstehst!

Im Linksextremen Milieu sind die Begriffe anders und für Aussenstehende schwer verständlich. Als Neuankömmling wird so der Eindruck vermittelt, dass man sehr intelligent ist, wenn man eine solch komplizierte Sprache benutzt. Dasselbe Problem gibt es natürlich auch in der Wissenschaft. Dem wird dort damit begegnet, dass Begriffe immer klar definiert werden. Es ist also die Verantworung des Senders einer Botschaft, sich verständlich zu äussern. In meiner ehemaligen Gruppe gilt das Gegenteil: Wer etwas nicht versteht, der hat halt noch zu lernen. Klar war nur, dass Begriffe wie “bürgerlich”, “reaktionär” oder “reformistisch” nicht wir, sondern die Anderen sind. Auch ganz klar ist: Die Anderen sind entweder unsere offenen Feinde oder sie werden uns früher oder später verraten. Was zu diesem Bild passt, wir verbreitet. Was nicht zu diesem Bild passt verschwiegen.

Freiheit ist Sklaverei

Ein Hauptmerkmal bürgerlicher Politik ist der Vorrang des einzelnen Staatsbürgers gegenüber dem Staat. Da man in meiner Gruppe dachte, dass der Staat ja eigentlich nur ein Werkzeug des Kapitals ist, könnte man davon ausgehen, dass man das toll findet. Wichtig für Bewusstseinskontrolle ist jedoch der Grundgedanke “Das Individuum zählt nichts, die Gruppe ist Alles”, geht es ja genau darum, dem Individuum seine persönliche Freiheit zu nehmen. Das vorgegebene Ziel ist also die Beendigung von Ausbeutung. Der Weg dazu ist jedoch, das Individuum zu schwächen und es der Gruppe hörig zu machen. Etwas in einer Diskussion als “bürgerlich” zu bezeichnen war mal schon genug Argument, um die Diskussion damit zu beenden. Wer sich damit nicht zufrieden gibt, gerät unter den Verdacht, selbst ein Verräter zu sein.

“Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!”

Innerhalb der Linken gibt es eigentlich breite Diskussionen zum Verhältnis der schrittweisen Reformation des bestehenden kapitalistischen Systems und der Notwendigkeit von Revolution, die bestehende Machtverhältnisse aufhebt. Setzt man sich mit den Schriften von Rosa Luxemburg oder Lenin auseinander, dann geht es oft um das Verhältnis von Reform und Revolution, wobei eine weitgehende Einigkeit darüber besteht, dass sich beide ergänzen. Eine völlig andere Haltung galt in meiner Organisation: Reformisten sind Verräter, vor denen man sich hüten muss. Dass es auch innerhalb der kommunistischen Bewegung z.B. durch die stalinistischen Säuberungen , Verrat gegeben hat, wurde kaum kritisch reflektiert. Vor marxistischen Strömungen, die sowas tun wie z.B. die Trotzkisten, wurde dafür gewarnt, weil diese sehr manipulativ seien.

Demokratie ist Diktatur

Ein weiterer solcher Begriff war “reaktionär”. Auch da lohnt sich ein Blick auf gängige Definitionen, die z.B. auf https://de.wikipedia.org/wiki/Reaktion_%28Politik%29 nachzulesen sind. Ein Charakteristikum ist dabei eine “antidemokratische Haltung”, die in meiner Organisation definitiv vorhanden war. Auch “jene Politik, welche auf eine vorhergehende, innovative politische Entwicklung nur reagiert, anstatt dieser etwa eigene Konzepte entgegenzusetzen” charakterisiert eigentlich weitgehend die Organisation selbst, Was sie jedoch nicht daran hindert, alle anderen als “Reaktionäre” zu beschimpfen.