Ein seltsames Spiel — Die Herausforderung der Integration totalitärer/fundamentalistischer Strukturen

Aktuell ist die Schweiz empört, weil man es als „unhöflich“ versteht, wenn Schüler sich weigern, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Viele Stimmen fordern nur, dass man „endlich durchgreifen“ müsse und man „zu tolerant“ sei. Die Schweizer Gesellschaft versucht damit, den Schülern durch Androhung negativer Konsequenzen zu „Höflichkeit“ und „Respekt“ zu bringen. Aus motivationspsychologischer Sicht wollen Sie also auf die gleichen Mechanismen zurückgreifen, wie die totalitären Systeme der Schüler zuhause: Es gibt ein „richtiges“ und ein „falsches“ Verhalten, welches man nicht hinterfragen darf und mit Sanktionen belegt wird.

Wie geht es nun den Kindern, die in diesen zwei Wertesystemen gleichzeitig aufwachsen? Sobald Angst vor negativen Konsequenzen vorherrschend sind, werden sie wohl bewusst oder unbewusst ausloten, von wem sie die grössere Angst haben müssen. Aus neuropsychologischer Sicht ist dabei das Vermeidungssystem überaktiviert, welches quasi einen Tunnelblick auf die mögliche Quelle einer seelischen oder physischen Verletzung generiert und eine ganzheitliche Sichtweise verhindert. Das Verhalten wird somit von Aussen gesteuert abgekoppelt von inneren motivationalen Neigungen. 

Kinder, welche in einem solchen Mileu aufwachsen, sind äusserst angepasst, „brav“ und neigen dazu sich an „starken“ Persönlichkeiten zu orientieren, welche ihnen klare Orientierung geben. Wunderbares Anschauungsbeispiel für solche Kinder bietet da die Familie Sasek, die in ihrem inneren Familienkreis sehr darum bemüht ist, alles “Böse” zu vertreiben. 
http://www.sasek.tv/erziehe/oratorium/3/tru

Grundfazit Sasek’s “Erziehung mit Vision”: Eigene Bedürfnisse sind schlecht. Das Hören auf eigene Gefühle füht nur ins Unglück. Kritisches Denken sollte man besser lassen. Man soll sich vollkommen dem “Haupt” der Familie hingeben. Und das Publikum gibt begeistert Applaus, während sich bei allzu langem Schauen solchen Materials mir sehr körperliche Übelkeitsgefühle äussern. In diesen Grundannahmen treffen sich Beziehungskonstellationen mit unterschiedlichsten Hintergründen im gleichen Grundmuster: Gehorsam wird belohnt und Ungehorsam bestraft.

In einem solchem Milieu wird es zur effektiven Anpassungsstrategie, der eigenen Wahrnehmung, den eigenen Gedanken zu misstrauen. Die “Antennen” sind rein darauf ausgerichtet, es den jeweils bedrohlichsten Individuen “recht zu machen”.

Was bedeutet es in Angesicht einer möglichen Radikalisierung in terroristische Gruppierungen? Schafft man es, den einzelnen Individuen klarzumachen, dass sie vor den drohenden Sanktionen “meiner Gesellschaft” noch mehr fürchten muss, als vor der Vergeltung der eigenen Strukturen?

Die künstliche Intelligenz “Joshua” kommt in dieser Endszene des 1983 erschienenen Films “KriegsSpiele” kurz vor dem drohenden Fiasko einer Eskalation des Atomaren Weltkriegs zum Schluss:

DAS IST EIN SELTSAMES SPIEL. DER EINZIGE GEWINNZUG IST NICHT ZU SPIELEN.

Zu was für einem Schluss kommt unsere Gesellschaft? Was gibt es für Alternativen zu Spielen? Irgendwie muss man ja reagieren…

Bei dieser Gelegenheit greife ich gerne auf ein Zitat des erst kürzlich verstorbenen Marshall Rosenberg zurück:

“Das Spiel, das mir am meisten Spaß bringt, heißt „Das Leben wunderbar machen“. Die meisten Leute spielen „Wer hat Recht“ und sie wissen nicht, dass es auch ein anderes Spiel gibt. „Das Leben wunderbar machen“ können wir auch mit Leuten spielen, die „Wer hat Recht“ gewöhnt sind — niemand wird das weiter spielen wollen, wenn er die Wahl hat.”

Aufgrund dieser Überlegungen mein konkreter Vorschlag für die Situation in Therwil: Handschlagpflicht soll für alle abgeschafft werden, egal ob Muslime oder Nichtmuslime. Das Ziel der Schule soll vor allem das Beibringen von Wissen sein. Dieses Ziel sehe ich auch ohne Handschläge erreichbar zu sein. Es gibt von dem her keinen Grund, dies von den SchülerInnen einzufordern. Jede/r SchülerIn soll selbst entscheiden, ob er Lust hat dem/der Lehrerin die Hand zu schütteln. Falls jemand keine Lust hat, soll man einfach neugierig nachfragen, wieso dem so ist. Ob man etwas machen könnte, damit es ihm angenehmer wird. Die LehrerInnen können auch sagen, wie Sie sich fühlen, wenn man sich weigert, Ihnen die Hand zu schütteln. Auch die Mitschüler könnten sich äussern, was für Gefühle das bei ihnen auslösen kann, wenn jemand sich weigert die Hand zu geben. Oder was es denn für gute Gründe geben könnte, jemand einen Handschlag zu verweigern. Gibt es auch manche, die sich damit nicht unwohl fühlen? Wie schaffen die das?

Man könnte der Situation mit Neugier, Lernwille und Empathie begegnen. Wenn die LehrerInnen ein gutes Verhältnis zu den SchülerInnen haben, wird man Ihnen die Hand gerne schütteln. Wenn nicht, dann könnte man unbearbeitete Konflikte so frühzeitig erkennen. Werden manche Kinder den LehrerInnen nur nicht die Hand schütteln, weil man Ihnen dies zu hause verboten hat, werden sie nicht anders können, als einen inneren Widerstand gegen die einschränkende Kultur zu entwickeln.

Die effizientesten IntegrationsarbeiterInnen sind jetzt schon die Kinder, welche gestärkt durch eine Kultur von Respekt und Empathie ihre Kämpfe gegen die überkommenen Wertesysteme ihres Elternhauses ausfechten. Diese Kinder brauchen jedoch dafür dringendst unseren emotionalen Rückhalt, um sich auf eine gesunde Weise zu emanzipieren.

Ich will niemanden in ein “christlich-westliches Wertesystem” integrieren und kann mich auch nicht damit identifizieren. Ich habe darin niemals den emotionalen Rückhalt gefunden, den ich gebraucht hätte, um ein “anständiges” Mitglied dieser Gesellschaft zu werden. Ein Teil von mir schreit immer noch “FICKT EUCH ALLE!!”, was ich mittlerweile in “Ich wurde in dieser Kultur in meinem Bedürfnis nach Verständnis und Schutz stark verletzt” übersetzen kann.

Mein Wertesystem beruft sich auf Werte wie Demokratie, Empathie und der Förderung der individuellen Entwicklung jeder einzelnen Person in dieser Gesellschaft, die sich von Moment zu Moment selbst dafür entscheiden kann, zu was für einer Kultur sie sich hingezogen fühlt. Wenn ich jemandem Integration wünsche, dann nur in eine solche Kultur. Manche Kulturen haben es schlichtweg nicht verdient, dass man sich in sie integriert.

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