Keine Toleranz mit Intoleranz? — Eine verständnisvolle Zumutung
Intoleranzintoleranz
Von linksextremen Kreisen liest oder hört man oft den Slogan “Keine Toleranz mit Intoleranz”, wobei man sich vor allem auf die Notwendigkeit beruft, rechtsextremen Kreisen entschieden Einhalt zu gebieten. Aber auch in der Islamismus-Debatte erschien ein Buch mit dem Titel “Keine Toleranz den Intoleranten”, in dem Alexander Kissler davor warnt, dass der Westen sich zu sehr einschüchtern lässt. Andererseits fühlen sich politische Kräfte wie die AfD dann von der Intoleranz von Kreisen ungerechtfertigt geschädigt, welche ihre Meinungsäusserung einschränken wollen und fordern lauthals, dass man keine Toleranz mit der Intoleranz ihnen gegenüber haben soll. Der Intoleranz gegenüber Intoleranz soll dabei keine Toleranz entgegengebracht werden oder man wünscht sich mehr Toleranz auch gegenüber Intoleranz. Will man sich mit der “Wahrheit” zum Thema Toleranz auseinandersetzen, dann wird man in keinem politischen Lager fündig, sondern nur bei Gerhard Polt:
Verständnis für Intoleranz
Polt macht zeigt dabei auf vergnügliche Weise auf, dass der Begriff vom lateinischen “ertragen” kommt, was deutlich macht, dass es sich um etwas Unangenehmes handelt. Der Begriff hat aber auch eine andere Bedeutung, wo es schlichtweg um die Achtung anderer Meinungen und Sitten geht. Ich halte es in dieser Angelegenheit für extrem hilfreich, die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Strategien einzuführen. Ein Bedürfnis ist zum Beispiel Verständnis: Jeder Mensch hat dieses Bedürfnis, werden wir über längere Zeiträume kein Verständnis bekommen, wird unsere Stimmung dadurch unweigerlich getrübt. Strategien dienen wie jedes menschliche Handeln immer dem Erfüllen von Bedürfnissen. So kann beispielsweise die Strategie gegen Rassismus einzutreten unter anderem dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit dienen. Wird man jedoch andere Wege finden, das grundlegende Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu erfüllen, kann man sich auch unter dem Verzicht dieser einzelnen Strategie völlig zufrieden fühlen. Strategien sind also austauschbar. Bedürfnisse müssen aber irgendwie erfüllt werden. Wir können sehr gut ohne Schwarzwäldertorte überleben, aber nicht ohne Essen.
Unsere Verhaltensweisen widerspiegeln immer die Strategien, welche nach persönlichen Erfahrungen am tauglichsten waren, eigene Bedürfnisse zu entwickeln. Dabei machen sich oftmals gerade in den Bereichen selbst- oder fremdschädigende Verhaltensweisen breit, wo sehr wenig Verbindung zum dahinterliegenden Bedürfnis vorhanden ist. So neigen beispielsweise viele Drogenabhängige zu einem aufopfernden Verhalten, da sie vor lauter Pflicht- und Schuldgefühlen grosse Mühe haben, Bedürfnisse nach Autonomie, Entspannung und Integrität wahrzunehmen. Je besser die Verbindung zu den Bedürfnissen hinter einzelnen Strategien ist, desto offener wird man jedoch für die Erarbeitung von Alternativstrategien. Um jemand mit destruktiven Strategien zu helfen, Alternativstrategien für das Erfüllen seiner Bedürfnisse zu finden, tut man demnach gut daran, ihm zu erfüllen, sich der eigenen Bedürfnisse bewusster zu werden.
Keine Toleranz, dafür viel Verständnis
In meiner Arbeit mit Menschen mit einer Drogenabhängigkeit bin ich es mir schon gewohnt, dass viele ihren Konsum als destruktiv erkennen und damit aufhören wollen. So gut diese aber darin sind, ihre destruktive Strategie des Drogenkonsums zu verurteilen, so schlecht sind sie oftmals darin, die Bedürfnisse zu erkennen, welche sie mit ihrem Konsum bedienen. Wer sich nicht zugesteht, dass er Essen zum Überleben braucht und deshalb seinen Hunger missachtet, wird es immer wieder als Kontrollverlust erleben, wenn er sich wie aus dem nichts plötzlich auf die nächste Schwarzwäldertorte stürzt. Gleichzeitig wird er mit Angst oder auch Wut reagieren, wenn wir ihm erklären wollen, dass Schwarzwäldertorte ungesund ist, solange ihm keine gesünderen Alternativen vertraut sind, seinen Hunger zu stillen. Mich erstaunt so nicht, dass gerade in religiösen Kreisen, die egoistische Befriedigung eigener Triebe als Sünde betrachten, es besonders häufig zu destruktivem Ausleben sexueller Triebe wie durch Kindesmissbrauch kommt. Je ablehnender wir einzelnen Bedürfnissen gegenüberstehen, desto eher verlieren wir die Kontrolle über die destruktiven Strategien, welche diese erfüllen. Zeigen wir einfach nur unsere Ablehnung gegenüber den destruktiven Verhaltensweisen, so verstärkt dies nur die teils auch unbewusste Überzeugung bei den Betroffenen, dass ihre Bedürfnisse dahinter schlecht sind. Ob wir unsere Bedürfnisse nämlich als Bereicherung oder als Bedrohung für unser soziales Zusammenleben sehen, hängt stark davon ab, was wir für Beziehungserfahrungen damit gemacht haben. Um Menschen offener für Alternativstrategien zu den von uns als destruktiv erlebten Verhaltensweisen zu machen, müssen wir ihnen erleichtern, sich mit den dahinterliegenden Bedürfnissen zu verbinden. Keine Toleranz also für destruktive Strategien zu entwickeln, dafür aber Verständnis für die Bedürfnisse zu entwickeln, die damit erfüllt werden. So können wir anderen Menschen helfen, eine bessere Verbindung zu den Bedürfnissen hinter ihren destruktiven Strategien zu entwickeln, womit auch automatisch eine grössere Offenheit für konstruktive Alternativstrategien entsteht.
Intoleranz ist ein tragischer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse
Einer meiner Lieblingsvorträge zur Gewaltfreien Kommunikation stammt von Yoram Mosenzon zum Thema verletzbare Ehrlichkeit, in dem er Urteile als “komplette Lüge” entlarvt.
So geht es auch bei jeder Form von Intoleranz immer um den Ausdruck eigener Bedürfnisse. So kenne ich keine Fremdenfeindlichkeit. Ich kenne aber Menschen, die Angst haben, dass Bedürfnisse nach Sicherheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Einbezogensein, Verständnis und Harmonie bedroht sind, wenn man Migration nicht Grenzen setzt. Gleichzeitig kenne ich auch keine Menschen, die gegen Nazis oder auch Polizisten sind. Ich kenne aber Menschen, die Angst haben, dass Bedürfnisse nach Sicherheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Einbezogensein, Verständnis und Harmonie von Nazis oder Polizisten bedroht sind. Und natürlich kenne ich auch Menschen, die mit ihren Strategien, für ihr Bedürfnisse einzustehen, meine eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit, Gerechtigkeit und Harmonie verletzen und so bei mir Gefühle von Angst, manchmal Wut oder auch Ohnmacht auslösen.
Zumutung Verständnis
Wie sollen wir aber damit umgehen, wenn Menschen gar kein Interesse haben, in Verbindung zu treten? So viele Menschen, flüchten sich tagtäglich vor der Verbindung mit sich selbst, indem sie sich in Konsum, Arbeit, irgendwelche Ideologien oder Utopien in der Zukunft flüchten.
Wer sich von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abspaltet, tut dies meist, weil damit etwas arg im Unguten liegt. In einer solchen Situation Empathie zu erfahren, kann für viele Menschen schon eine Zumutung bedeuten, da es sie auch mit vielen sehr unangenehmen Gefühlen konfrontiert. So gehen auch oftmals die Menschen zuletzt in eine Psychotherapie, welche diese am dringendsten benötigen würden. In der Therapie von Gewaltstraftätern wird im heutigen Justizsystem so oft mit Zwang gearbeitet, um diese überhaupt in Therapie zu bringen. Die meisten ziehen jedoch eine reine Gefängnisstrafe der Therapie vor und werden dann teils noch gefährlicher als vor der Verurteilung wieder der Gesellschaft überlassen. So unangenehm ist für sie die Vorstellung, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es wäre von dem her naiv, davon auszugehen, dass diejenigen Menschen, die sich destruktiv anderen Menschen und unserem Planeten gegenüber verhalten, von sich aus weiterentwickeln. Viel zu gut hat sich unsere Gesellschaft schon darin spezialisiert, sich von Unangenehmen abzulenken. Um eine wirkliche Transformation der Gesellschaft zu erreichen, kommen wir also nicht darum herum, uns mit unserem Bedürfnis nach Verbindung anderen auch aufzudrängen. Sofern wir in einem Denken verharren, welches das Spüren von Schmerz als Belastung und nicht als göttliches Geschenk betrachten…
