Radikalismus vs. Extremismus — Plädoyer für einen radikalen Antiextremismus
In der heutigen Debatte über Extremismus setzt man oftmals Extremismus und Radikalismus gleich. Ich halte dies für einen fatalen Fehler. Wikipedia schreibt zum Thema Radikalismus:
Als Radikalismus bezeichnet man eine politische Einstellung, die grundlegende Veränderungen an einer herrschenden Gesellschaftsordnung anstrebt. Das Adjektiv „radikal“ ist vom lateinischen radix (Wurzel) abgeleitet und beschreibt das Bestreben, gesellschaftliche und politische Probleme „an der Wurzel“ anzugreifen und von dort aus möglichst umfassend, vollständig und nachhaltig zu lösen.
Kann man da wirklich etwas dagegen haben? Ich definitiv nicht. Die Probleme unserer Gesellschaft sind offensichtlich. Global ohnehin mit den ganzen eskalierenden Kriegen, aber auch hier in der Schweiz läuft so einiges schief. Nach meinen eigenen Erfahrungen in dieser Gesellschaft kann ich sagen, dass es hier viele Menschen in Machtpositionen gibt, die nicht fähig sind, diese verantwortungsvoll auszuüben. Dies liegt einerseits an deren Persönlichkeit, aber auch zu einem grossen Teil daran, dass es ungenügende Kontrollinstanzen gibt, um Machtmissbrauch zu verhindern.
Menschen in Machtpositionen können sich oftmals grobe Verfehlungen erlauben, ohne dafür belangt zu werden. Wer gesellschaftliche Missstände konstruktiv angehen will, der muss mit massivem Widerstand rechnen. Wer sich also nicht exponieren oder gefährden will, lebt am besten nach dem Grundsatz: Nichts erzählen. Nichts sehen. Nichts hören.

Die Leidtragenden dieses Umstandes sind wir schlussendlich alle. Wir leben in einer Gesellschaft, in der psychische und physische Gewalt gegenüber anderen Menschen oftmals eine funktionierende Strategie ist, um sich eigene Vorteile zu verschaffen. Viel zu oft scheinen sich soziale Zusammenhänge aus einem krankhaften Narzissten plus einem ganzen Rudel von ehrenamtlichen Betreuern zusammenzusetzen, die alles tun, um nicht der psychischen oder physischen Gewalt der gewaltbereiten Person ausgesetzt zu sein.
Es gehört zur sozialen Norm, dass man viele Dinge seines Alltags muss, da man Angst vor negativen Konsequenzen hat. Man ist oftmals nicht nett, weil es in unserer Natur liegt zur Freude von anderen Menschen beizutragen. Man ist nett, weil man sich vor Sanktionen schützen will. Die Strassen sind voll von netten toten Menschen, die zur Arbeit gehen müssen, um Mieten, Steuern und Krankenkasse zu bezahlen.
Das tragische am Ganzen: In der persönlichen Tunnelblick der Opferhaltung des Müssens sehen wir gar nicht mehr, wie sehr Steuern, Arbeit und Krankenkasse wunderbare Lösungen sind, um unser Zusammenleben zum Wohle aller zu organisieren.
Denn wie es Marshall Rosenberg so gut erfasste:
“Es bereitet Menschen von ihrer Natur her Freude, zum Wohlergehen anderer beizutragen, wenn sie das freiwillig tun können.”
Oder anders gesagt: Will man Menschen die Freude an sozialem Verhalten nehmen, so tut man gut darin, ihnen mit Sanktionen zu drohen. Sehr beängstigend ist darin der Umstand, wie populär in dieser Gesellschaft immer noch der Ruf nach härteren Strafen ist, welcher als Wunderheilung für alle Probleme verkauft wird.
Jemand liegt erschöpft am Boden. “Fauler Sack!” schreit jemand. “Der braucht Prügel, damit er wieder in die Gänge kommt!”. Eine ganze Horde prügelt auf ihn ein. Jemand liegt erschöpft, verletzt und traumatisiert am Boden. Jemand ruft: “Fauler Sack, dem müssen wir es aber richtig geben!”. Wer nicht mitjubelt, gerät in den Verdacht, ein “fauler Sack” zu sein.
Lieber tot als weiterhin dieser Gewalt ausgeliefert zu sein
Jährlich versuchen in der Schweiz 15'000 bis 25'000 Menschen sich das Leben zu nehmen. Suizid ist nur eine Form einer extremistischen Lösung, die sehr gut in diese Gesellschaft passt: Man versucht “das Problem” mit Gewalt zu lösen. Das Schöne an Suizid ist, dass diese Form der Gewalt gegen sich selbst so offensichtlich ist. Viel offensichtlicher als die viel schwerer ersichtliche Gewalt gegen sich selbst, die sich in der Psyche eines Depressiven abspielt in Form von Selbstvorwürfen und Selbstabwertungen. Suizid ist wohl auch deshalb so populär, weil es einem die Gewissheit gibt, in seinem Leid wirklich gesehen zu werden.
Fakt ist mal, dass Zigtausende von Menschen an der bestehenden Gesellschaft verzweifeln. Extremistische Strömungen jeglicher Art docken an dieser Verzweiflung an. Geben der Verzweiflung eine Vision einer besseren, gerechteren und harmonischeren Welt. Diese Verzweiflung, dieses Leid, dieser Schrie nach einer radikalen Lösung bei jedem Individuum ist immer eine Reaktion auf Erfahrungen in dieser Gesellschaft. Einer Gesellschaft die in weiten Teilen keine Rücksicht auf die Natur von uns Menschen wie auch der Natur unseres Planeten nimmt.
Radikaler Antiextremismus
Der weitläufige Schrei nach Deradikalisierung nimmt zu wenig Rücksicht auf die innere Verzweiflung, welche Menschen überhaupt in extremistische Strukturen treibt. Menschen entscheiden nicht, nicht angepasst zu sein, weil es ihnen Freude bereitet, andere Menschen zu stören. Menschen passen sich schlichtweg nicht an, weil sie es emotional nicht aushalten, sich an lebensfeindliche Strukturen anzupassen.
Wenn wir uns wirklich vor Terroranschägen und Amokläufen schützen wollen, dann kommen wir nicht darum herum, uns zu fragen, was in unserer Gesellschaft diese Menschen überhaupt in einen solchen Zustand bringt, der ein derartiges Ausmass von Gewalttätigkeit zulässt. Solange wir tolerieren, dass unsere Politiker als Reaktion auf Terroranschläge mit der Bombardierung von Wohnquartieren reagieren, sollten wir uns nicht wundern, wenn wir selbst oder Freunde von uns bald Opfer von Anschlägen werden.
Linksradikalismus vs. Linksextremismus
Linksradikalismus will diesen Probleme jedoch an den Wurzeln anpacken. Setzt sich ein für mehr Demokratie, gegen Krieg und für mehr Gerechtigkeit. Will dem laufenden Machtmissbrauch Widerstand entgegensetzen, indem es die Unterdrückten zu stärken versucht. Auch unsere Wirtschaftsstruktur wird nicht als naturgegeben betrachtet, sondern man betrachtet auch diese kritisch und sucht nach Alternativen, welche eine gerechtere Organisation von Produktion und Konsum der fürs Leben notwendigen Güter anstrebt. Nach meinem Verständnis kann dies nur auf gewaltfreiem Wege geschehen, da Gewalt immer auch wieder neue Machtstrukturen aufkeimen lässt.
Linksextremismus hingegen ist noch in der gleichen (Gewalt-)Logik gefangen, wie das bestehende System: Man kann den Menschen nicht vertrauen und es braucht Gewalt und Drohung von Sanktionen, um Menschen “sozial” zu machen, damit die Gesellschaft “funktioniert”. Der klassische Marxismus-Leninismus sieht im Klassenwiderspruch von Proletariat und Bourgeoisie den sogenannten Hauptwiderspruch. Also den Widerspruch, der die Grundlage aller Probleme auf dieser Welt betrachtet. So wir argumentiert, dass Gewalt dann legitim ist, wenn sie sich gegen die Bourgeoisie richtet. Historisch hat dies im Realsozialismus immer nur zu einer totalitären Gesellschaftsform geführt, wo eine neue Elite im Namen des Proletariats die Massen unterdrückten.
Der eigentliche Hauptwiderspruch, die eigentliche Wurzel jeglicher Unterdrückung ist jedoch nicht ökonomische Ausbeutung. Der eigentliche Grundübel von Unterdrückung ist physische oder psychische Gewalt an sich. Unterdrückung von Menschen ist undenkbar ohne Gewalt. Die Geschichte hat jedoch schon zigfach bewiesen, dass es kein Kapitalismus braucht, um Menschen auszubeuten.
Konstruktive vs. desktruktive Beeinflussung
Der eigentliche Konflikt ist nicht der von radikalisierten Menschen mit dem “Mainstream”. Der eigentliche Konflikt besteht darin, ob wir andere Menschen auf konstruktive (verführen) oder auf destruktive (Drohen von Gewalt) Weise beeinflussen wollen.
Gewalt, Terrorismus, Radikalisierung und Extremismus sind weit mehr als ein Problem. Sie sind ein tragischer Versuch der Lösung bestehender Probleme. Wir müssen diese Menschen nicht bekämpfen. Wir müssen sie darin unterstützen, konstruktivere Wege zu finden, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Das sind nicht unsere Feinde. Das sind unsere Verbündete, um auf diesem riesigen Abenteuerspielplatz Namens Planet Erde unsere Lebendigkeit zu feiern.