Was man im Umgang mit ExtremistInnen falsch machen kann — und macht

Hiermit würde ich gerne ein aktuelles Beispiel nehmen, um die Dynamik zwischen Extremismus und dem vermeintlichen Kampf dagegen etwas mehr zu durchleuchten. Als Ausgangspunkt nehme ich dafür ein aktuelles Beispiel gefunden auf Indymedia:

Während die Hausdurchsuchungen in Zürich mit teils Uniformierten und teils Zivilen durchgeführt wurden, nutzte das St. Galler Sonderkommando den Moment gleich aus, um eine Trainingseinheit daraus zu machen: mit Rammbock, Sturmmasken und Maschinengewehren stürmten dutzende Möchtegern-Hollywood-Cops das zu durchsuchende Haus, zwangen die Bewohner, sich auf den Boden zu legen und durchwühlten jedes Zimmer von oben bis unten. Neben dem für sie unbefriedigenden Resultat — in allen drei Fällen mussten sie das Feld mit ungebrauchten Handschellen wieder räumen — zeigten sie mit dieser Aktion einmal mehr, wofür die Polizei effektiv steht: den repressiven Arm des Staates, mit allen Mitteln ausgerüstet, um ihn zu verteidigen und potentielle Feinde zu neutralisieren. Und unter diese Kategorie fallen all jene, die es nicht hinnehmen, eine unfehlbare Autorität über sich zu wissen; die es nicht hinnehmen, vom gesellschaftlichen Reichtum abgeschnitten zu sein; die es nicht hinnehmen, durch die Technologie entfremdet, vereinzelt und überwacht zu werden, während tagtäglich die Illusion von Verbundenheit, Glück und unbegrenzter Möglichkeit hochgehalten wird. http://ch.indymedia.org/de/2016/08/97857.shtml

Der Kontrast zwischen dem Vorgehen der Zürcher und der St. Galler Polizei ist dabei offenkundig. Während man sich in Zürich um ein zivilisiertes Auftreten bemühte, sah man in St. Gallen wohl irgendwie einen Sinn darin, dass man die wohl als AktivistInnen bekannten Personen mal zeigt, dass man “der Stärkere” ist.

Bildquelle: Stefanie Pauli/SRF — Der schwarze Block der Polizei im Einsatz

Um zu verstehen, wie kontraproduktiv dieses Verhalten ist, lohnt es sich, sich mit der Dynamik von Angst/Traumatisierungen und Selbstzugang auseinanderzusetzen. In den folgenden Ausführungen nehme ich Bezug auf den theoretischen Hintergrund der PSI-Theorie von Julius Kuhl, ohne die genauen Begrifflichkeiten davon zu benutzen. Wer sich mehr für diese Theorie interessiert, dem empfehle ich das Studium dieser Proseminararbeit http://zrm.ch/images/stories/download/pdf/wissenschftl_arbeiten/proseminararbeiten/proseminararbeit_dangelo_20070301.pdf

Wir wissen heute, dass Selbstzugang mit einem damit verbundenen ganzheitlichen Wahrnehmen der Realität mit einem angstfreien Zustand verbunden ist. Im Gegensatz dazu ist ein aktiviertes Angstsystem in Verbindung mit einem Fokus der Aufmerksamkeit auf Einzelheiten, mehrheitlich Gefahren aus einem Gesamtkontext gerichtet.

Bewusstseinskontrolle, wie sie in extremistischen Gruppieren stattfindet, funktioniert über ein eigentlich ständiges Aktivieren dieses Angstsystems. So sind die Betroffenen abgeschnitten von eigenen Bedürfnissen und ihr gesamtes Handeln ist nur noch darauf ausgerichtet, Gefahren abzuwehren. Dies vor allem gegenüber dem eigenen extremistischen Umfeld, in dem man mit Kritik, Blosstellung oder Ausschluss rechnen muss, sobald man sich von der Doktrin wegbewegt.

Im Gegensatz dazu braucht Psychotherapie einen angstfreien Raum, damit Selbstzugang überhaupt erst ermöglicht wird. Ohne Selbstzugang sind wir praktisch von Aussen gesteuert, den ganzen Tag lang nur beschäftigt Gefahren zu erkennen und abzuwenden. Man betrachte sich diesen Abschnitt des Communiquées:

die es nicht hinnehmen, durch die Technologie entfremdet, vereinzelt und überwacht zu werden, während tagtäglich die Illusion von Verbundenheit, Glück und unbegrenzter Möglichkeit hochgehalten wird.

Die Entfremdung, die fehlende Verbundenheit und das vermisste Glück beschreiben sehr gut die Folgen von fehlendem Selbstzugang, bzw. von Traumatisierungen, die das andauernde Aktivieren des Angstsystems bedingen.

Wenn man mit Rammbock, Maschinengewehren und Sturmmasken auffährt, folgt daraus nur eine Verstärkung der Aktivierung des Angstsystems. Um Menschen darin zu unterstützen, ihr extremistisches Mindset zu überwinden, müssen wir ihren Organismus jedoch vielmehr in einen Zustand bringen, der überhaupt erst wieder eine ganzheitliche Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und der Aussenwelt ermöglicht.

Die Betroffenen Leiden schon genug an den Folgen der erlebten Entfremdung durch ihr überaktiviertes Angstsystem. Wir wünschen uns alle echtes Glück und echte Verbundheit. In jedem Menschen steckt also auch ein Drang aus diesem Zustand auszubrechen. Eine nachhaltige Strategie gegen Extremismus muss darauf abzielen, eine Gesellschaft zu schaffen, die jedem Individuum die Sicherheit bietet, die eine ganzheitliche Sichtweise erst ermöglicht.

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