Was Stalker mit Extremisten gemeinsam haben — Replik auf die Frage “Wieso bist Du so ein Revisionist?”

Mir wurde noch schon eine Weile her die Frage gestellt, wieso ich “so ein Revisionist” sei.

Meine kurze Antwort ist: Weil ich mich nicht wie ein Stalker verhalten will.

Da ich nicht davon ausgehe, dass ihr meine Antwort sofort nachvollziehen könnt, versuche ich meine Antwort jedoch noch etwas auszuführen.

Denn um diese Frage präzise beantworten zu können, müsste ich erstmals wissen, wie der Fragesteller “Revisionist” überhaupt definiert. Dabei unterscheide ich persönlich zwischen zwei historischen Bedeutungen der Bezeichnung “Revisionist” innerhalb der marxistischen Bewegung:

  1. Revisionismus als Bezeichnung einer bestimmten theoretischen Strömung. Im Rahmen des Marxismus wäre da sicherlich Eduard Bernstein als wichtiger Vertreter zu sehen, welcher vor allem Ende des 19. Jahrhunderts wichtiger theoretischer Vertreter war. Schon wenn ich mich versuche über Wikipedia über ihn schlau zu machen, merke ich, dass ich mir ein paar Wochen Zeit nehmen müsste, um so wirklich in die theoretische Debatte einzusteigen. Oberflächlich wird ihm unterstellt, er würde den Klassenkampf und die Überwindung des Kapitalismus ablehnen. Liest man sich jedoch etwas genauer ein, dann zeigt sich ein anderes Bild: Er unterscheidet bei der theoretischen Grundlagen von Marx vor allem von den frühen utopistischen “Sturm und Drang”-Utopien und den eher späteren viel wissenschaftlicheren Analysen. Dabei hatte er eine sehr kritische Haltung gegenüber der hohen Gewichtung einer fern der Realität existierenden Utopie, welche im politischen Bewusstsein so viel Platz einnahm und wollte sich vielmehr auf konkrete Veränderung der aktuellen Realität besinnen. Mit Bernstein teile ich somit eine sehr kritische Haltung gegenüber den Verheissungen von einem kommunistischen Himmelsreich nach der proletarischen Revolution. Seine Haltung würde ich zusammenfassen als “Die Mittel bestimmen den Zweck” oder auch “der Weg ist das Ziel”. Daher setzte er sich vor allem für die Stärkung der Arbeiterrechte und die Ausweitung demokratischer Kontrolle in der Gegenwart ein.
  2. Revisionist wurde oftmals einfach als Kampfbegriff benutzt, um Leuten zu unterstellen, dass sie sich gegen das kommunistische Himmelsreich nach der Revolution stellen, bzw. gar nicht die gleiche Utopie teilen. Dies im Sinne einer Spaltung zwischen den “richtigen Revolutionären” und den “Verrätern an der Revolution”. Die Grundmaxime dieser Haltung lässt sich zusammenfassen als “Der Zweck heiligt die Mittel”. Die Grundhaltung dafür ist, dass wir uns fern in der Zukunft ein Himmelsreich imaginieren, wo alle Menschen glücklich und in Harmonie miteinander leben. Alles was wir tun müssen, um dorthin zu gelangen, ist, denen zu Folgen, die uns dieses Himmelsreich versprechen und alle zu bekämpfen, welche sich weigern an dieser kollektiven Imagination teilzunehmen.

Grundsätzlich halte ich Utopien für sehr wichtig, um in einer Welt voller Gewalt und Unterdrückung psychisch gesund bleiben zu können. Die Kraft von positiven Visionen in der Zukunft ist nicht zu unterschätzen! Dabei muss ich spontan an den Psychiater und KZ-Überlebenden Viktor Frankl denken, welcher es unter unmenschlichsten Bedingungen geschafft hat, zu überleben, indem er sich quasi in seine Utopie geflüchtet hat, wie er nach seiner Befreiung Vorträge über seine Erlebnisse im KZ hält. Sehr eindrücklich beschreibt er in seinem Klassiker “…trotzdem ja zum Leben sagen” wie manchmal das Überleben davon abhängig ist, eine solche Vision behalten zu können.

Ich glaube, dass wir Menschen eine tiefe Veranlagung für solche positive Zukunftsvisionen haben. Besonders eindrücklich zeigt sich das im Rausch des Verliebtseins, wo wir unablässig in Visionen ewiger Glückseligkeit mit dem Objekt der Begierde schwelgen können. Wunderschön, wenn zwei Menschen sich gleichzeitig dieser Utopie hingeben können, was oftmals das Fundament bietet, um das Abenteuer einer intimen Beziehung überhaupt wagen zu können. Die Gefahren dieses Rausches zeigen sich jedoch besonders eindrücklich am Beispiel eines Stalkers: Dieser flüchtet sich vor dem Schmerz von erlebter Zurückweisung in der Gegenwart nur umso stärker in seine erschaffene Utopie. Reagiert mit Entrüstung und Druck, wenn sein Objekt der Begierde nicht bereit ist, seine Utopie zu teilen und sieht sich mit seiner göttlichen Mission im Recht, auch grobe Grenzverletzungen im Dienste höherer Zwecke durchzuführen.

Dass gerade diese Grenzverletzungen in der Gegenwart seine Utopie zum Scheitern verurteilt, ist die tragische Ironie eines Jeden, welcher nicht in der Gegenwart und den konkreten Auswirkungen seines Handelns verankert ist.

Genauso tragisch ist der Umgang von Extremisten mit ihren Utopien. Anstatt sich auf den Prozess einzulassen, eine kollektive Utopie mit seinen Mitmenschen zu erschaffen, denen alle zustimmen können, fühlt man sich viel zu schnell abgelehnt, verurteilt oder in Frage gestellt, sobald man nicht auf volle Zustimmung trifft und reagiert nur allzu oft auf eine Weise, welche die Verbindung zu seinen Mitmenschen beschädigt, die so notwendig wäre, um seine eigene Utopie überhaupt zu erreichen.

Was sind Eure Utopien? Wollt ihr die mit mir teilen?

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