Andere Seiten: Best of 2016

Das Jahr 2017 ist mittlerweile ja auch schon eineinhalb Monate alt. Wie üblich schrumpft meine Leseliste aber langsamer als gehofft. Sie enthält auch jetzt noch einige ungelesene Artikel aus 2016 — sogar einige aus 2012. Trotzdem: Irgendwann muss ich ja einen Cut machen. Deshalb hier, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die meiner Meinung nach besten Artikel und Geschichten des vergangenen Jahres.

Politik

The Ten Commandments for the modern age” (diverse, New Statesman, 12. Januar): Die Zehn Gebote der Bibel sind mehrere Tausend Jahre alt. Sie gelten aber noch heute, zum großen Teil auch für Nichtgläubige. Trotzdem war es Zeit für ein Update. Der New Statesman hat deshalb sechs Autoren gefragt, was sie für die wichtigsten Gebote für heute halten. Und Laurie Penny fasst es in nur vier Worten zusammen: “Don’t be a dick.”

Goodness is not about what a person believes, but how a person behaves.

Wirtschaft

Eine Rewe-Kassiererin packt aus” (Jenni Thier, FAZ.net, 4. November): Ebenfalls in dem New-Statesman-Text heißt es “Keep it simple: just be kind”. Wenn jemand das beherzigt, dann Frau Schwerdhöfer, Kassiererin bei Rewe und Protagonistin in Jenni Thiers Text in der FAZ, der leider Online einen etwas reißerischen Titel bekommen hat. Denn um geheime Machenschaften in der Supermarktwelt geht es in dem Text nicht, eher um das Alltägliche. Darum, wie sich die Gesellschaft geändert hat in den vergangenen Jahrzehnten. Und darum, was man so erlebt als Kassiererin.

Und neulich war ein junges Pärchen da, holte Kondome und eine Flasche Cola. Da hab ich gefragt: „Was esst Ihr denn heute Abend? Das ist aber nicht genug!“ Und da sagt sie: „Dann holen wir halt noch ein paar Salzstangen.“

Feuilleton

Which Rock Star Will Historians of the Future Remember?” (Chuck Klostermann, NY Times, 23. Mai): Vor ein paar Jahren habe ich auf YouTube mal eine “Dokumentation” aus dem Jahr 3000 gesehen, in der es um die Beatles ging — also um John, Paul, Greg, and Scottie Pippen. Aber werden es überhaupt die Beatles sein, an die sich unsere Nachfahren erinnern — oder eine ganz andere Band? Chuck Klostermann geht der Frage nach und erörtert auch, was das für die Frage bedeutet, als was “Rockmusik” später eigentlich verstanden wird. Und hat am Ende dann einen Kandidaten, der weder Presley oder Dylan heißt und auch kein Pilzkopf ist.

I imagine a college classroom in 300 years, in which a hip instructor is leading a tutorial filled with students. These students relate to rock music with no more fluency than they do the music of Mesopotamia: It’s a style they’ve learned to recognize, but just barely (and only because they’ve taken this specific class). Nobody in the room can name more than two rock songs, except the professor.

Sport

Er ist Olympia” (Christian Spiller, Zeit Online, 15. August): 2016 waren die olympischen Spiele. Und während fast überall nur die erfolgreichen Sportler und vielleicht noch ein paar Paradiesvögel oder aus politischen Gründen interessanten Athleten Thema waren, stellt Spiller ausführlich einen rein zufällig ausgewählten Athleten vor. Und findet auch in Clayton Laurent junior, Superschwergewichtsboxer von den Amerikanischen Jungferninseln, einen Protagonisten, bei dem ein Porträt lohnt. Vielleicht zeigt dieser Artikel besser als so viele andere, was Olympia sein könnte: Ein Wettkampf, bei dem sich die besten messen. Aber auch einer, wo dabei sein schon mindestens ein halber Sieg ist.

“Das war das Verrückteste, was ich je erlebt habe”, erzählt Laurent. Er redet schnell, seine Augen leuchten. “Die ganze Welt macht eine kurze Pause, um zuzuschauen. Spätestens da habe ich verstanden, warum alle sagen, Olympia sei das Größte.”

Gesellschaft

Being John” (John Sherman, The Morning News, 6. Januar): Mein Name ist nicht gerade selten. Gibt man ihn bei Google ein, findet man mich frühestens auf der zweiten oder dritten Ergebnisseite. John Sherman hat ein ähnliches Problem:

When I meet someone at a party and they ask whether I’m on Facebook, it’s not unusual for me to have to scroll through John Shermans over their shoulder in order to find myself. No matter where a John Sherman may be in the world, he’s only a search bar away.

Sherman schreibt in seinem Essay auf, was auch mir schon häufiger durch den Kopf gegangen ist. Es geht nämlich nicht darum, seinen Namen nicht zu mögen. Es geht eher darum, dass in der heutigen Zeit die “Googleability” eines Namens durhaus eine Rolle spielt.

Wissenschaft

The movie that doesn’t exist and the Redditors who think it does” (Amelia Tait, New Statesman, 21. Dezember): Der Film “Shazaam” wird von vielen gefeiert als eine Art Klassiker der 90er-Jahre. Das einzige Problem: Nach allem, was man weiß, gab es diesen Film nie. Denn außer erschreckend vielen Menschen, die sich daran erinnern können, ihn gesehen zu haben, gibt es keine Beweise. Keine physischen Kopien, kein Werbematerial, keine Erinnerung bei den angeblich Beteiligten. Amelia Tait versucht, zu verstehen, wieso sich so viele dennoch zu erinnern glauben.

Dr Henry Roediger, a professor at the Washington University Memory Lab, doesn’t think so. “Lots of people remember detailed, but utterly false, memories. In fact, we all have them,” he says. “I have published on what we named ‘the social contagion of memory’ and what others call ‘memory conformity’ — that may be at work here.” Roediger explains that frequently one person’s report of a memory influences another’s, and that false memories can spread in this way. “One person’s memory infects another,” he says.

Best of 2012 | Best of 2013 | Best of 2014

Like what you read? Give Matze Schmidt a round of applause.

From a quick cheer to a standing ovation, clap to show how much you enjoyed this story.