Von digitalen Ungeheuern und echten Helden

Anja Kässner
May 9, 2019 · 6 min read

Dieser Artikel ist die Textversion eines Vortrags bei echt!jetzt! von Gute Botschafter in Köln. Ich habe den Vortrag gemeinsam mit Michael David, Geschäftsführer der Guten Botschafter, und Bastian Kleinwechter, Geschäftsführer von Kleinwechter&Bröker in Münster, gehalten.

Erster Teil: Digitale Ungeheuer

Komplexität und rasender Fortschritt, Verlust von Relevanz, soziales Koma, Manipulation, unsichtbare Bedrohungen, totale Transparenz, Angst vor der Zukunft. Es fehlt nicht an ungeheuren Schreckensszenarien, wenn es um Digitalisierung geht. Wir nennen sie: die digitalen Ungeheuer.

Die sieben Ungeheuer einer digitalisierten Welt

Dem gegenüber stehen auf der Habensseite bereits jetzt ganz reale Faktoren wie die Verfügbarkeit von Informationen, von Waren, auf globaler Ebene, von Helfern im Alltag wie Navi & Co., von Kommunikation, Erreichbarkeit, und einem erweiterten Sinn von Reichweite.

Was es braucht, sind Ideen und Antworten, auf Fragen wie diese:

  • wenn Autos demnächst autonom fahren, wie können sich unsere Städte verändern?
  • wenn Maschinen und künstliche Intelligenzen unsere Jobs wegnehmen, womit beschäftigen wir uns in Zukunft?
  • was macht eigentlich künstliche Intelligenz mit dem Selbstbewusstsein von Menschen?
  • wenn wir eine Schnittstelle direkt in unser Bewusstsein schaffen, kommen wir eigentlich selbst noch hinterher?
  • wie können wir es schaffen, in der Digitalisierung etwas zu erschaffen, das nachhaltig Sinn ergibt?

Fakt ist, wir wissen nicht, was kommt. Aber es wird kommen. Third Wave in Berlin sprechen in diesem Zusammenhang von Zukünften. Je weiter weg eine prognostizierte Zukunft liegt, umso breiter ist das Spektrum von möglichen Szenarien.

Zukünfte-Modell von Third Wave Berlin

Nun ist die Sache mit Ungeheuern die: manchmal werfen sie einen riesigen, furchteinflößenden Schatten, und wenn man dann mal genauer hinschaut, verbirgt sich dahinter ein recht kleines Monster.

Echte Monster?

Dennoch entsteht ein Mythos um das Ungeheuer, der dazu führt, dass es ein Eigenleben entwickelt. Das betrifft zu großen Teilen auch das Ungeheuer ‘Digitalisierung’.

Mythos #1: Digital ist Zukunft

Klar, auch das. Aber viel wichtiger: jetzt. Das, was wir jetzt tun, die Entscheidungen, die wir heute treffen, gestalten die Welt von morgen. Es legt niemand irgendwann den Schalter um und die Zukunft ist da. Wir müssen uns bewusst sein, dass niemand anderes die (digitale) Zukunft gestaltet als die, die heute agieren. Und das sind wir alle.

Mythos #2: Digital ist Technik

Das rein Digitale, 0 und 1, ist Technologie. In der Natur kommt diese Absolutheit nicht vor, alles sind Pole und deren Ausprägungen. Und doch ist Digitalisierung nur zu einem winzigen Teil tatsächlich Technologie. Digital ist ein Werkzeug, und wie wir dieses Werkzeug einsetzen, ist das Entscheidende. Die urmenschlichen, zugrundeliegenden Bedürfnisse, nach Verbindung, nach Status und Anerkennung, auch nach Besitz und echten Werten, all das macht den Großteil dessen aus, was heute bereits Digitalisierung ist.

Mythos #3: Digital sind die anderen.

Früher sprach man von Silver Surfern, wenn es um ältere Zielgruppen und digital ging. Das ist gottseidank längst überholt. Digital wird nicht gestaltet von Meinungsführern und Experten, sondern von denen, die Wertschöpfung betreiben. Und das sind viel mehr als einzelne.

Zweiter Teil: Von echten Helden

Was es braucht, sind echte digitale Helden, die sich auf den Weg machen. Wie das aussehen kann, zeigt eines der bekanntesten Werkzeuge im Storytelling: die Heldenreise.

Die gewohnte Welt

Wir sind, wo wir sind, und wir tun, was wir immer tun. Draußen lauert vielleicht ein Abenteuer, doch darum können andere sich kümmern.

Die Gefahr an der gewohnten Welt ist, dass wir eingeholt werden, weil wir uns nicht bewegen. Dass sich das ‘draußen’ verändert und uns überrennt. Aber auch, dass wir konkrete Chancen verpassen, weil wir nichts davon mitbekommen.

Das Potential: im allerbesten Fall bleibt alles, wie es ist. Aber eben nur dann.

Der Ruf des Abenteuers

Wir hören von einem Abenteuer, das möglicherweise Digitalisierung heißt.

Die Gefahr und das Potential sind identisch: das Unbekannte. Wir wissen nicht, was kommt; und wir können auch von anderen noch nicht viel darüber erfahren.

Die Begegnung mit dem Mentor

Und dann begegnen wir jemandem, der sich gandalfesk in unsere Höhle kauert und uns anschubst. Jemand, der etwas zu wissen scheint. Jemand, der Dringlichkeit vermittelt, oder Potential.

Die Gefahr: vielleicht weiß unser Mentor selbst nicht viel. Oder er ist ein verdammt guter Vertriebler.

Das Potential jedoch, ohne große Gefahr, besteht darin, etwas zu lernen. Über uns, das Abenteuer, den Markt. Und dafür müssen wir uns noch nicht einmal weit hervorwagen.

Das Überschreiten der ersten Schwelle

Und nun wagen wir uns hervor. Probieren etwas aus. Verlassen das heimelige Auenland.

Die Gefahr: vielleicht können wir nicht zurück! Vielleicht wollen wir es jedoch auch garnicht mehr.

Das Potential: Wir lernen uns selbst besser kennen, womöglich entdecken wir versteckte Talente.

Bewährungsproben

Auf den Helden, ob Epos oder Digitalisierung, warten eine Vielzahl von Bewährungsproben.

Die Gefahr: wir verlieren etwas Wichtiges dabei.

Das Potential: wir wachsen über uns selbst hinaus.

Die entscheidende Prüfung

Der Endgegner dürfte im Fall der Digitalisierung vielgesichtig sein, eine von vielen Bewährungsproben, doch die Frage sei erlaubt: wer ist eigentlich dieser ominöse Endgegner?

Die Gefahr: wir können alles verlieren, was wir bisher investiert haben. Gut also, diese Investition vorher abzustecken.

Das Potential: wir gewinnen. Und zwar nicht nur für uns, die wir uns mutig auf den Weg gemacht haben, sondern für alle, die noch in der gewohnten Welt geblieben sind.

Die Wandlung

Kein Abenteuer ohne Transformation, die große Schwester der Digitalisierung. Etwas verändert sich, wenn wir uns hervorwagen, ohne Wandlung geht es nicht.

Die Gefahr: wir kommen womöglich nicht mit — oder verändern uns ganz anders als gedacht.

Das Potential: wir meistern eine positive, nachhaltige, wertschöpfende Veränderung.

Die Belohnung

Nach bestandenen Abenteuern sollte gefeiert werden, das gilt für Hobbits wie für die Digitalisierung.

Die Gefahr: Neider. Wer sich nicht hervorwagt, kann leicht übersehen, wie schwer der Weg war.

Das Potential: echte Wertschätzung und Inspiration für andere.

Der Rückweg

Das Abenteuer ist bestanden, es geht zurück.

Die Gefahr: die, die nicht dabei waren, glauben uns nicht. Wie nehmen wir sie trotzdem mit?

Das Potential: neue, größere Abenteuer, die wir bestehen können, weil wir uns hervorgewagt haben.

Die digitale Heldenreise

Zutaten für echte Helden

Um diesen ersten Schritt anzugehen, haben wir ein paar Zutaten zusammengestellt.

Zunächst: die Strategie. Und diese beginnt mit der eigenen Positionierung. Wofür stehen wir heute, wofür in Zukunft? Was sind die echten Werte, die wir mitbringen? Dann: das Zielbild. Solange das Abenteuer vage und diffus ist, solange es mehr Bauchgefühl als konkrete Handlung ist, bleibt der Weg nebulös. Erstellen Sie ein klares Zielbild für Ihre Digitalisierung. Manchmal ist das ein Satz, manchmal ein Kundenzitat, das Sie sich wünschen, manchmal eine Geschichte aus der Zukunft. Und letztlich: der Weg selbst. Was wissen wir, was wissen andere über den Weg? Womit müssen wir rechnen, wie viel investieren?

Die richtigen Mitstreiter sind unsere zweite Zutatenliste. Wir glauben, es braucht drei Kompetenzen: jemanden, der Menschen kennt, der einschätzen kann, welche Bedürfnisse und Wünsche existieren, der Werkzeuge hat, diese abzufragen, zu prüfen, und in konkretes Potential übersetzen kann. Und dann jemanden, der Technologie versteht. Das muss nicht der Fullstack-Entwickler sein. Jemand, der neue Technologien übersetzen kann in unseren Kontext: was verbirgt sich dahinter, was steckt darin, was bedeutet es? Und schließlich jemanden, der unser Business versteht. Jemand, der Potential in Wertschöpfung umwandeln kann, denn letztlich geht es auch darum, als Unternehmen am Markt zu bestehen.

Die richtigen Werkzeuge für die Digitalisierung. Oder zumindest, für die ersten Schritte. Allen voran: der gesunde Menschenverstand. Gefolgt von: Prototyping. Nichts ist wertvoller, als eine Idee schnell ausprobieren zu können, Nutzer fragen zu können, Feedback zu sammeln. Und Innovationsdesign. Wie auch immer Sie es nennen wollen, schaffen Sie einen Raum für Innovation.

Und schließlich, die richtige Einstellung. Gehen Sie es Schritt für Schritt an, iterativ. Es muss nicht die perfekte, vollständige Umsetzung sein. Lernen Sie agile Arbeitsweisen kennen und prüfen Sie, was davon für Ihr Unternehmen sinnvoll ist. Und schließlich: gehen Sie los!

Echte Helden

Bastian Kleinwechter aus Münster führt einen der größten Dachdeckerbetriebe Deutschlands. Wenn Sie einen echten Helden kennenlernen wollen, braucht es nicht unbedingt die großen Konzerne und Plattformen. Manchmal sind diese Helden garnicht so weit weg, und in eher überraschenden Bereichen zu finden.

Bastian ist ein echter Held, und womit hat er angefangen? Mit echten Werten. Weil er die Zukunft des Handwerks nicht der Industrie überlassen will, hat er sich auf den Weg gemacht. Und er ist längst nicht fertig. Auf mein-dachfenster.online können Sie sehen, wie ein echter digitaler Held mutig voranschreitet.

Impressionen von echt!jetzt! am 7.5.2019

Anja Kässner

Written by

Hi! I’m a digital strategist, a facilitator of workshops, and a writer. Find my profile at kaessner.net & my workshops at workshopmacher.de. Based in Cologne.

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