Und, wie hat dir San Francisco gefallen?

Ich habe den Traum von California gelebt. Surfen, Sonne und ganz viel neue Software. Der Wunschort vieler deutscher Urlauber (und insbesondere der deutschen Gründerszene) direkt vor meiner Haustür.

Die Stadt ist unfassbar intensiv und verlangt viel Reflexion. Auch nach mehr als zwei Jahren kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ich die Stadt verstanden hätte. Nichtsdestotrotz sind mir aber einige Dinge bewusst geworden und diese Einblicke möchte ich zu meinem Abschied teilen.

Was ist schon normal?

Als Kinder europäischer Haushalte tendieren wir dazu, eine übereinstimmende Vorstellung davon zu haben, was denn “normal” sei. Oder noch krasser formuliert: alles nicht “normale” wird direkt als “unnormal” abgestempelt (in Neudeutsch “weird” oder “strange”).

Nichts ist “normal” in San Francisco. Und nichts ist “unnormal”!

Der Liberalismus von San Francisco bietet jedem die Gelegenheit, seine eigenen Vorstellungen von “normal” auszuleben. Viele Bars bezeichnen sich beispielsweise als “gender fluid” — das gängige Konzept von zwei Geschlechtern (“Mann” vs. “Frau”) wird bewusst abgelehnt. So gibt es dann auch folgerichtig “universal restrooms” für diejenigen, die sich nicht durch dieses bipolare Konzept repräsentiert fühlen. Die “typische” Geschlechter-Vorstellung wird vielfach ausgesetzt — und somit ein Ding völliger Normalität.

Man lernt, dass man seine eigenen Vorstellungen nicht einfach auf andere übertragen darf. Die adäquate Übersetzung von “normal” entpricht hier eher “meine Ansicht” im Gegensatz zu “deiner Ansicht” und die eigene Meinungsfreiheit hört ganz klar dort auf, wo die des anderen beginnt.

San Francisco ist die Summe ihrer Subkulturen

Im Rahmen der Ansicht, dass nichts bzw. alles in San Francisco “normal” ist, kommt man auch auf folgende Schlussfolgerung: es gibt nicht DEN stereotypischen Einwohner von San Francisco. “Der Münchner” als grosskopferter Lederhosengrantler oder “der Berliner” mit seiner Berliner Schnauze lassen sich leicht als Stereotyp nachvollziehen. Der Ruf von San Francisco in der ganzen Welt ist, dass sie eine Stadt von Hippies sei. Diese Hippies gibt es zwar tatsächlich, aber sie sind auch nur eine von vielen verschiedenen Gruppierungen in dieser Stadt. San Francisco ist die Summe ihrer verschiedener Subkulturen — und das macht sie aus.

Immer im großen Bogen denken

Trotz der gesellschaftlichen Heterogenität ist folgendes immer zu beobachten: sowohl unter Freunden als auch Fremden wird immer im großen Bogen gedacht und am selben Strang gezogen. Freundschaften sind hier besonders viel Wert. Das erklärt auch Silicon Valley als erfolgreichstes Netzwerk der Welt: “the more you share, the more powerful you are” — egal ob Programmierer, Surfer, Dreamer, Hustler, Stanford-Absolvent, Hacker, Multimillionär oder Maker. All diese Typen darf ich zu meinem fantastischen und vor allem harmonischen Freundeskreis zählen.

Friends — priceless

San Francisco ist magisch

San Francisco bietet viele magische Momente. Insbesondere die imposante Natur in und um die Stadt herum, gepaart mit weltbekannten Sehenswürdigkeiten wie die Golden Gate Bridge, bieten die perfekte Kulisse für atemberaubende Ausblicke. Sonnenuntergänge tauchen die Stadt in lila Wolken, der Nebel macht die Stadt binnen Minuten unsichtbar und auf starken Regen kann in kürzester Zeit schönster Sonnenschein folgen. Wenn die stetigen Winde das Blau des Himmels mit sich tragen, dann ist die Luft und die Sicht ganz scharf und weit.

Sonnenuntergang nach Surf Session über Stinson Beach

San Francisco ist Candy Mountain

In San Francisco scheint alles möglich und nichts unerreichbar. Dieses Motto treibt viele in diese Stadt und gibt den alltäglichen Antrieb beim Gründen neuer Firmen. Es ist Fluch und Segen sogleich — Pausen gibt es kaum. Surfen war für mich immer die willkommene Abwechslung von all dem Trubel in diesem System. Der Erfolg scheint allgegenwärtig, denn San Francisco ist ein nährvoller Boden für Ambitionen und Träume.

“Und jedem Ende wohnt ein Beginn inne”

Werde ich meine Freunde und mein Surfbrett vermissen? Ja. Werde ich diese Stadt vermissen? Das werde ich wohl erst in einiger Zeit feststellen. Aber mit Sicherheit kann ich sagen: ich nehme vieles mit, was mich ein Leben lang begleiten wird. Insbesondere die Idee des “Do what you love” — und das werde ich jetzt auch machen. Woanders.