Drum fröne der Stagnation

In einer Welt, in der das Credo des Wachstums über allem steht, ist die Stagnation der größt-denkbare Unfall, die maximale Katastrophe. In einer solchen Welt wird das Gegenteil, der Zerfall, derart undenkbar, dass es nicht einmal beim Namen genannt wird, sondern dem Wachstum als Negativ-Wachstum wie ein unliebsames Geschwister zur Seite gestellt wird.

Wenn aber die Stagnation, der Stillstand, ohne eigene Kultur allem Leben beraubt ist, kommt in unserem Dasein in der Tat etwas zum Erliegen—etwas, das uns Menschen wesentlich und allem Leben notwendig ist. Muße, Ruhe, Meditation sind allesamt Praktiken der Stagnation. Und Grundlage des Schaffens. Jeder Kreative kann davon berichten, aber auch jeder Mensch, der das Glück sucht und zuweilen findet.

Sie sind Ausgangspunkt, Neuorientierung, Rückbesinnung. Wobei all diese Begriffe zu zielgerichtet sind, um den Zustand zu beschreiben. Sie lassen sich in unserer Welt, die alles einem Zweck zu unterwerfen versucht, zu leicht entfremden. Als Methode, als Werkzeug, um das Gegenteil ihres Wesenskerns zu bewirken: Produktivität.

Ein Ruhepol ist aber keiner, wenn er einen Ausgang weist. Jedes Streben führt Weg von der Balance im Mittelpunkt dieses aktuellen Augenblicks. Und so ist die hohe Kunst gerade in unseren Zeiten, der Stagnation eingedenk der augenblicklichen Unproduktivität zu frönen. Erst, wenn wir das Surren und Summen, das Rauschen und Klappern um uns herum wahrnehmen und gleichzeitig bei uns sind, erst wenn wir uns gewahr werden, dass gerade jetzt, in diesem Augenblick, alles und jeder auf dieser Welt produktiver ist, als wir, sind wir der Antipodin unserer rastlosen Zeit auf der Spur.

Ich besinge hiermit aber keinesfalls die Lethargie in ihrer ausweglosen Ausschließlichkeit. Nein, im Gefühl der Stagnation spüren wir — vielleicht in noch größerer Klarheit als sonst — unsere Möglichkeiten, beobachten wir unsere Bestrebungen, die in uns aufwallen, die in verschiedene Richtungen uns bewegen wollen, teils in entgegengesetzte. Und wir sind wach und sehen all dies, ohne den vielfältigen Impulsen Folge zu leisten, aber auch, ohne kämpferischen Widerstand und sind so im Wohlwollen uns selbst und einer gemäßigten, ruhigeren, zufriedeneren Welt gegenüber.