No 6 — Deine Kurzhaarkatze ist uns wichtig

Sammelwut in einer digitalen Welt — ein Kommentar

Spuren verraten, decken auf. Sie beschreiben einen Weg: zeigen woher wir kamen und deuten an, wohin wir gehen. In einer digitalen Welt lassen wir Rückschlüsse auf unsere Gewohnheiten, unsere Vorlieben und Abneigungen zurück — wie Tiere im Schnee.

Bruchstücke unserer Bewegungen sind im Internet allgegenwärtig. Und die Aufregung ist groß: Der deutsche Publizist Christian Nürnberger vergleicht die großen vier — Amazon, Apple, Google, Facebook — mit der Stasi, sieht sie gar als Teil einer »neoliberalen Mafia«¹. Die »Datenkrake«² Google ist in aller Munde und N-TV warnt vor einer »Datengier der Internetriesen«³
Geht es um den Datenschutz, um die Identität des Einzelnen, sind emotional geprägte, polarisierende Aussagen nicht weit. Geschürt werden diese von einer diffusen Angst: Der Angst vor dem Unbekannten, den teilweise nur schwer fassbaren Aspekten der Digitalisierung. Sascha Lobo, deutscher Blogger, sieht eines der Hauptprobleme darin, dass scheinbare Wahrheiten oftmals aus dem Bauch heraus formuliert werden ohne sich mit den Details auseinanderzusetzen — ein schwarz-weißes Meinungsbild ist die Folge.

Was gern vergessen wird: Das gesamte Geschäftsmodell der Silicon Valley-Größen beruht auf dem Sammeln und Verwerten persönlicher Daten.

Was gern vergessen wird: Das gesamte Geschäftsmodell der Silicon Valley-Größen beruht auf dem Sammeln und Verwerten persönlicher Daten.⁵ Tagtäglich nutzen wir Angebote von Google, Facebook und ähnlichen Services, freuen uns über kostenlosen Onlinespeicher oder frei verfügbare Navigation an jedem Ort der Welt — ohne uns über die eigentliche Finanzierung Gedanken zu machen. Die Weiterverwertung von Nutzerdaten wird verpönt, bildet aber die finanzielle Basis der gesamten Branche.

Misstrauen gegenüber der allgegenwärtigen Digitalisierung und der damit verbundenen Speicherung von Daten ist sicherlich angebracht — eine pauschale Verurteilung greift aber zu kurz. 
Zahlreiche Unternehmen sehen sich einem Kugelhagel ausgesetzt. Doch statt sich passiv zurückzuziehen, wird immer häufiger ein offensiver Umgang mit Nutzerdaten vorgezogen — Aufklärung und Transparenz scheinen als Weg zu gesteigertem Kundenvertrauen salonfähig geworden zu sein.

Bei Google startete diese Entwicklung bereits 2006 mit Google Trends — ein Online-Dienst, der aktuelle Informationen zu Suchanfragen weltweit zur Verfügung stellt. Welche Artikel werden online am meisten aufgerufen? Was sind die beliebtesten Suchbegriffe in der Schweiz? Zu welchen Jahreszeiten ist das Interesse an Kurzhaarkatzen besonders groß? Google kennt die Antworten.
Persönliche Verhaltensmuster werden zu einem interaktiven Portal mit Unterhaltungswert, Datenschützer könnten toben — doch die Medien blieben ruhig. 
Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass die Erhebung von Nutzerdaten im Zusammenhang mit Google oft genug besprochen wurde — man müde geworden ist. Vielleicht liegt es aber auch an der offensiven Art, mit der die Informationen zugänglich gemacht werden.

Die Angst vor dem gläsernen User rückt in den Hintergrund, persönliche Daten werden mit dessen Zustimmung zum Marketinginstrument.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Spotify: So bietet ein personalisierter Jahresrückblick eine Übersicht der eigenen Hörgewohnheiten: Welcher Song hat mich durch den Winter begleitet? Wie viele Minuten habe ich Musik gehört? Welcher Interpret tauchte am häufigsten auf? 
Die Ironie: Spotify ermuntert den Nutzer sogar, den persönlichen Überblick mit Freunden zu teilen. Die Angst vor dem gläsernen User rückt in den Hintergrund, persönliche Daten werden mit dessen Zustimmung zum Marketinginstrument.

Und die Liste lässt sich beliebig erweitern: So fasst auch Facebook die wichtigsten Momente eines Jahres zusammen oder erinnert an längst vergangene Ereignisse. Denn: »Du und deine hier geteilten Erinnerungen sind uns wichtig«⁶. 
Einerseits wird deutlich: Facebook vergisst nie. Andererseits werden sowieso vorhandene Daten in eine Form gepackt, die den Nutzer emotional anspricht — und die Sammelwut des Konzerns so unter Umständen überspielt.

Unternehmen sind gut bedient, aktiv mit den Bedenken der Öffentlichkeit umzugehen, statt sich auf eine Position zurückzuziehen, die vor allem medial unter Dauerbeschuss steht. Auch die Automobilindustrie sollte in den nächsten Jahren umdenken: Noch ist vielen nicht bewusst, dass auch bei der täglichen Autofahrt nahezu alle Aktionen aufgezeichnet werden — pro Stunde entstehen so bis zu 10 GByte Daten⁷.

Doch könnte das Vorgehen von Google oder Spotify nicht auch Vorbild für neue Angebote in der Automobilindustrie sein? Könnten die generierten Daten genutzt werden, um den Fahrer emotional anzusprechen und ihm einen echten Mehrwert zu bieten? 
Die Möglichkeiten proaktiv mit den ermittelten Daten umzugehen und so das Vertrauen seitens der Nutzers in die digitalen Schnittstellen zu stärken sind vielfältig. In meiner Masterarbeit möchte ich am Beispiel der Marke MINI untersuchen, wie eine solche Lösungen aussehen könnte.

Spuren vollständig zu verwischen ist meist ein vergeblicher Versuch. Vielmehr sollte man einen offenen Umgang mit Nutzerdaten anstreben und den Weg aufzeigen, den Nutzer und Produkt gemeinsam gegangen sind — um so die Markenbindung nachhaltig zu stärken.


¹ Nürnberger, Christian. Sofort abschalten!
² Dirscherl, Hans-Christian. Das weiß Google über Sie
³ Schmiechen, Frank. Der verräterische Google-Film des ZDF
⁴ Lobo, Sascha. Moment mal!
⁵ Mansholt, Malte. Google ist zu dumm, um mir Angst einzujagen
⁶ Denter, Roman (via Twitter)
⁷ Stepanek, Martin. Jedes Auto produziert 10 GB Daten pro Stunde