No 26 — Over and Out

Fazit und Ausblick

Drei Semester sind vorbeigezogen, Konzepte wurden entwickelt und wieder verworfen, Entwürfe gefeiert und letztendlich doch zerrissen. Und am Ende? Am Ende steht wieder die vertrauteste aller Erkenntnisse: Die erste Idee ist meist doch die beste.


Gerade zu Beginn fällt es oft schwer, Entscheidungen zu treffen. So viele Monate liegen noch vor einem, so viele Stunden wollen mit dem Projekt verbracht werden. Warum also auf ein Konzept festlegen, warum den Rahmen gleich am Anfang begrenzen, warum sich selbst in seiner Kreativität einschränken? 
Und so beginnt das Schwimmen, das Schwimmen in einem Meer aus Optionen, aus Hypothesen und Mutmaßungen, das Umhertreiben in Richtung eines unbekannten Ziels.
Dass es nach zwei Jahren immer noch um die Generierung persönlicher Routen gehen würde — das fällt auch heute schwer zu glauben. Doch rückblickend betrachtet hat es all die Umwege, all das Umhertreiben gebraucht, um den wahren Kern des Projektansatzes zu erkennen.

Zwischenzeitlich war die Entscheidung, ein Car-Rental-Angebot mit individuellen Fahrerlebnissen zu koppeln, beinahe in Stein gemeißelt. Eine Smartwatch-App sollte es geben. Ob es der tatsächliche Bedarf nach einer solchen App oder einfach der Hype um ein neues Eingabegerät war? Heute schwierig zu sagen. Klar ist: Der Projektrahmen war viel zu groß gewählt — und das Konzept zu stark von schwer zugänglichen Partnern wie MINI abhängig. Es galt einen Schwerpunkt zu finden, überflüssigen Ballast abzuwerfen.

Der Projektrahmen ist auch am Ende groß geblieben. Service Design, Grafikdesign, Interaktionsdesign, Brand Design und Animation: Die Umsetzung der Compass App streifte gleich mehrere Disziplinen. Disziplinen, in denen unterschiedlich große Kompetenzen vorhanden waren. Zum Teil war das Projekt bewusst so gewählt — es stand der persönliche Anspruch im Raum, neue Fähigkeiten für die Umsetzung digitaler Produkte zu erlernen. Gleichzeitig gab es aber auch viele unliebsame Überraschungen, manch falsch eingeschätztes Zeitfenster. 
Wie lang dauert die Konzeption eines High Fidelity Prototypen, wie lang die Durchführung einer Nutzerumfrage? Fehlen die Erfahrungswerte, heißt es vor allem vertrauen, vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten. Und man muss den Mut haben, das Projekt zu kürzen, Elemente zu streichen. 
Vielleicht hätten die Wireframes weniger detailliert ausfallen sollen. Vielleicht wäre dann Zeit für einen Film geblieben, der das Serviceangebot vorstellt. Vielleicht wäre aber auch alles ganz anders gekommen.

Das vollständige Umsetzen einer digitalen Anwendung — von der ersten Idee bis hin zur finalen Ausarbeitung — ist ein Prozess, den man speziell in der Berufswelt mit großer Wahrscheinlichkeit nie in Gänze durchlaufen wird. Genau darin liegt die größte Stärke eines Masters. 
Das Studium macht deutlich, wie vielfältig ein einzelner Themenbereich sein kann, wie weit die Gedanken treiben können. Und es zeigt auf, wo die Grenzen liegen, wo der eigene Kompetenzbereich aufhört. 
Ob dies ein Vorteil ist? Vielleicht ja. Gefühlt war es aber vor allem eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit, ein Kampf um die eigene Position im Designprozess. Am Ende dieser Auseinandersetzung steht ein Projekt, das viel über den Autor selbst aussagt, das unmissverständlich durch die eigene, sachlich reduzierte Handschrift geprägt ist. Und das einen Freiraum geboten hat, der außerhalb eines Studium so nicht möglich gewesen wäre.


Ausblick
Eine Finalisierung des Projekts war von Anfang an nicht für die Werkschau vorgesehen. Möglicherweise gibt es so etwas wie ein Finale im Zeitalter leaner Designprozesse auch gar nicht mehr.
Die Werkschau ist mehr ein Meilenstein: einen funktionsfähigen Prototypen sollte es geben, ein ausgearbeitetes Konzept. Die persönlichen Ziele sind erreicht. 
Doch Ideen gibt es noch zuhauf: eine kurze animierte Einführung in das Serviceerlebnis, eine Desktop-App, eine Anbindung an Apples CarPlay oder Googles Android Auto, eine Koppelung an Smartwatches, die detailliertere Ausarbeitung der visuellen Markenwelt oder die Integration von Street View-Ansichten.

Die Liste an Optionen ist lang. Doch unabhängig davon ist der Kompetenzgewinn auf persönlicher Ebene schon heute groß. Die Fähigkeit, umfangreiche Projekte zu planen, Zeitfenster abzuschätzen, Projektphasen zu definieren und selbst durchzuführen. All dies sind Fähigkeiten, die man fast ausschließlich in der intensiven, persönlichen Auseinandersetzung erlernen kann.
Und auch wenn die Erkenntnis, dass es am Ende doch wieder um die Generierung individueller Routen ging, zu Beginn des dritten Semesters eine ernüchternde war: dem Projekt hat sie nicht geschadet. Im Gegenteil: Sie hat geholfen, Umwege zu gehen, Fehler auszumerzen, den Kern zu schärfen. Und so sind letztlich sowohl Compass als auch das gesamte Masterstudium vor allem eins: Route Discovery Tools.