Raspberry City

Das sieht ja aus wie eine Stadt…

Menschen sind hervorragende Klassifikationsautomaten. Denn das Gehirn kann in sensorischen Daten Muster erkennen und daraus Kategorien bilden. Dies macht Sinn, denn in einer auf diese Weise strukturierten Welt ist es viel einfacher Neues zu lernen, zu verallgemeinern, auf bestehende Erfahrungen zurückzugreifen, ähnlich wiederkehrende Situationen zu erkennen und in ihnen erfolgreich zu handeln.

Als ich gestern die Hardware des Einplatinencomputers Raspberry Pi etwas genauer betrachtete, da fiel mir auf, dass das Board und die aufgelöteten Bauteile wie eine kleine Stadt aussahen:

In der Mitte war das große Verwaltungszentrum, ein Flachdachgebäude ohne Fenster, mit zwei Nachbarhäusern und einem großen Parkplatz. Schräg gegenüber stand ein Hotel, fünf Stockwerke hoch und mit geschätzt mehr als einhundert Zimmern. Mein Blick ging nach rechts und ich konnte dort einen riesigen zylinderförmigen Gas-Tank ausmachen, vermutlich für die Energieversorgung der Stadtbewohner und des Industriezentrums. Ganz besonders gefiel mir aber das silbern glänzende Rathaus mit seinem kupferfarbenen Dach!

Ich fühlte mich auf einer Reise in eine artifizielle Welt, die Sciencefiction und Puppenstube in einem und gleichzeitig wunderschön war. Es brauchte keinen Luigi Colani und keine Trude Petri. Als eine pur-technologische und dem Wunsch nach Anmut nicht unterworfene Schöpfung war die Platine reine Funktion, die sich ohne Umweg in Kunst verwandelt hatte.

Ich fand dort Gebäude und Straßen. Ruheplätze und belebte Zonen. Hochhäuser und Türme, sowie flache Gebäude und kleine Häuser. Die Welt war voller Details, die jeden Betrachter in Staunen versetzt hätten.

Wer einen Blick auf eine bestückte Leiterplatte wirft, dem drängen sich ganz unvermittelt Fragen auf: Nach dem Sinn all dieser Strukturen, nach dem Zweck der Verbindungswege, nach dem Ordnungsprinzip hinter all den Bauteilen und Verschaltungsstraßen.

In der obigen Abbildung sehen wir zum Beispiel einen groß angelegten Platz mit dem zentralen Verwaltungsgebäude (Central Processing Unit). Dort wird die Stadt regiert, gesteuert und verwaltet. Und dort wird entschieden und gehandelt. Allerdings nicht wirklich frei, sondern nach einem festgelegten Verfahren, nach einer Ordnung, die bestimmt, wie vorzugehen ist, denn letztlich sind es Gesetze, Handlungsvorschriften und Algorithmen, denen die zentrale Verwaltung und ihre abhängigen Einheiten unterworfen sind.

Wenn Sie demnächst beim Blick auf eine bestückte Platine ein “Das sieht ja aus wie eine Stadt…”-Erlebnis haben, dann wischen Sie den Gedanken nicht einfach weg. Der Klassifikator im Kopf hat nämlich ein bedeutendes Muster erkannt.