Sprache und Selbstbewusstsein.

Ich war kein sportliches Kind. Bis zur ersten Klasse wusste ich nicht, wie Schaukeln geht. Meine Wirbelsäule war schief, ich verlor oft das Gleichgewicht. Vor Bällen duckte ich mich, statt sie zu fangen. Ich kletterte nicht auf Bäume, sprang nicht über Zäune. Während andere Kinder mit vier Jahren begannen, ohne Stützräder Fahrrad zu fahren, eroberte ich Buchstabe für Buchstabe die Sprache. Ich las. Hier war ich die Schnellste. Die Stärkste. Kein Wort zu schwierig, kein Satz zu lang. Ich liebte Witze und Wortspiele und dachte mir Geschichten und Gedichte aus. Wer die Sprache so weit beherrscht, dass er mit ihr spielen kann, braucht eigentlich keine Freunde. Ich hatte sie trotzdem. Für die Mädchen aus dem Plattenbau spielte meine Unsportlichkeit keine Rolle. Es ging immer phantasievoll und lustig bei uns zu. Dafür mochten mich die anderen und dafür mochte ich mich selbst. Als meine Familie 1989 nach Deutschland auswanderte, ahnte ich nicht, dass ich mit dem Verlust der polnischen Sprache auch den Kern meiner Persönlichkeit und die Quelle meines Selbstbewusstseins verlieren würde.

Mein erstes deutsches Wort habe ich im Aussiedlerlager Unna-Massen gelernt: Spielplatz. Die Kinder schrieen es immerzu. „Szpilplac! Szpilplac!“ Es hörte sich fürchterlich an, eine Kombination aus „szpilki“, dem polnischen Wort für Stecknadeln, und „plac“, was auch im Polnischen „Platz“ bedeutet. Ein Stecknadelplatz also. Zwischen Schaukeln und Klettergerüsten redeten bunt gekleidete, deutsche Kinder auf mich ein. Sie riefen: „Sag mal Schrank!“ und „Sag mal Apfel!“ So, wie man heute die Computerstimme Siri zu allerlei Blödsinn auffordert, nur um zu schauen, wie sie drauf reagiert. Ich funktionierte, meine Aussprache brachte sie zum Lachen. Der Spielplatz war ein Stecknadelplatz, und jedes deutsche Wort, das ich nicht rausbekam, wie ein Nadelstich.

Auch der Fernseher plärrte auf Deutsch, aber er lachte mich nicht aus. Dort lief die meiste Zeit Werbung. Eine Frau präsentierte einen Staubsauger und sagte: „Super!“ Ich verstand nur „zupa“, was auf Polnisch Suppe bedeutet. Ein Staubsauger, in dem man Suppe kochen kann? Irgendwas stimmte hier nicht. Was, das lernte ich erst im Förderunterricht. Die Lehrerin zeigte uns das Bild eines Tigers, sagte „Tiga“ und schrieb „Tiger“ darunter. Die Endung „er“ wurde also wie ein „a“ ausgesprochen. Der barfüßige Rotschopf auf meinem Mäppchen hieß außerdem nicht „Pumutzkel“, mit Betonung auf der zweiten Silbe, sondern „Pumuckel“, mit Betonung auf der ersten. Ich fühlte mich betrogen. Die Regeln der polnischen Sprache ließen sich vorne und hinten nicht auf die deutsche übertragen. Es half nichts, dass ich des Polnischen mächtig war. Ich musste ganz neu lesen lernen. In meinem autobiografischen Roman „Sitzen vier Polen im Auto“ beschreibe ich, wie ich schließlich Freude an den Umlauten fand:

Während man im Polnischen an Buchstaben Schwänzchen und Striche heften konnte, schwebten im Deutschen manchmal zwei Punkte über dem A, O oder U. Das Ü sah aus wie meine Lehrerin, wenn sie von einem Ohr zum anderen grinste, und kam in Wörtern vor, die sie besonders mochte: Übung, also die Aufgaben, die wir in ihrem Unterricht machten, oder Tüte. Da waren die Kopien mit den Übungen drin. Im Ö erkannte ich den fauchenden Löwen und das vor Schreck geweitete Maul einer Kröte. Und alles mit einem ä darin klang verächtlich und unfreundlich. „Bäh!“ sagte man, wenn man etwas nicht mochte. Krähe hieß der schaurige Vogel. „Verspätung!“, schrieb die Lehrerin ins Klassenbuch, wenn man verschlafen hatte.

Nach ein paar Monaten konnte ich schon die ersten Sätze an meine Großeltern schreiben. Ein alter Brief zeugt davon: „Ich lerne Deutsch gut und habe schon viel gemacht. Unsere Lehrerin lobt mich. Sie sagt daß ich bin eine fleißige Schülerin.“

Aber ich war nicht so sehr fleißig wie verzweifelt darüber, dass ich in der Sprache noch ungelenkiger war als im Sport, der gemeinhin als das Integrationskapital von Migranten gilt. Auf eine Beleidigung nichts entgegnen zu können war so demütigend wie als Letzte in die Mannschaft gewählt zu werden. Die Unfähigkeit, etwas Interessantes zu erzählen oder einen Witz zu reißen, machte mich in sozialer Hinsicht zum Niemand. Es gab nur eine Möglichkeit, mich wieder in eine Person zurückzuverwandeln: ich musste mich der deutschen Sprache bemächtigen.

Als Kind konnte ich alle Schrauben im Werkzeugkoffer meines Vaters benennen. Ich war mit verschiedenen Textilien und Musterarten vertraut. Im Garten kannte ich alle Blumen beim Namen. Stiefmütterchen, Malven, Osterglocken. Ich wusste eine Birke von einer Pappel zu unterscheiden und eine Schwalbe von einer Elster. Dieses Wissen wurde mit der Muttersprache vermittelt. Beim Spaziergang durch den Wald, in der Bastelkammer des Vaters, beim Schneiderbesuch mit der Oma. Die Phänomene seiner Umwelt immer wieder benannt zu hören, und selbst benennen zu können, schafft Vertrauen und Sicherheit. Man versteht, wie die Dinge funktionieren, wenn man sie benennen kann. In Deutschland war plötzlich eine ganze Welt, in der ich mich auskannte, verschwunden. Meine Eltern haben den Baum mit der weißen Rinde „brzoza“ genannt. Ihn nun mit dem Wort „Birke“ zu verbinden, erschien mir unnatürlich und stellte eine kognitive Anstrengung dar. Ich konnte zwar lernen, dass der Baum „Birke“ heißt, aber ich spürte es nicht. Die deutsche Sprache hatte mich von der lebendigen Naturerfahrung meiner Kindheit entfremdet.

Nur langsam fasste ich wieder Vertrauen in meine Umwelt, und diesen Umstand verdanke ich den Büchern. Die Bücher, die ich mir Woche für Woche aus der Gemeindebücherei auslieh, waren geduldige Lehrer. Nur das Wörterbuch war Zeuge, während ich mir neue Vokabeln erkämpfte und mit grammatischen Regeln rang. Ich las Max und Moritz, Peterchens Mondfahrt und den Trotzkopf. Ich lernte Wörter wie Backfisch, Trine und Hosenmatz. Bald wollte ich mein Brot nicht mehr essen, sondern es verzehren. Ich blieb nicht in meinem Zimmer, ich verweilte darin. Und statt einfach traurig zu sein, dünkte mir die ganze Welt ein Jammertal. Mein Klassenlehrer hielt mich für eine Intellektuelle, gefangen im Körper einer Neunjährigen. Diesen Eindruck konnte er nur gewinnen, weil ich alle Wörter gleichermaßen aufsog, unabhängig davon, ob sie umgangssprachlich, modern oder veraltet waren. Lesen war für mich zur Obsession geworden. Eine Überkompensation, um meine migrantischen Defizite unter Kontrolle zu bringen.

Ich war zur intensiven Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache gezwungen, doch heute bildet sie — wie früher das Polnische — den Kern meiner Persönlichkeit und die Quelle meines Selbstbewusstseins.

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