Tinder als Spiegel der Generation Y?

Lisa schaut auf ihr Smartphone. Sie wischt nach rechts und links. Vergibt grüne “Likes” und rote “Disslikes”. Fragt sich, welcher Mann süß oder nett ist, welcher ein Idiot. Immer wieder trifft sie mal einen von denen, die in die engere Wahl gekommen sind. Für den letzten ist sie sogar ein Wochenende nach Köln gefahren. Es war wieder einer der Männer, die keine feste Beziehung haben wollen. Nur unverbindliches. Sie trifft nur noch solche Männer.

Tinder: “Wir entwickeln Produkte, die Menschen zusammenbringen”

Tinder ist allerdings genau für das schnelle Kennenlernen gemacht. Nicht ohne Grund liegt der Fokus der App auf Aussehen und Oberflächlichkeit. Die Nutzer entscheiden durch nur ein Foto, wie sie ein Person finden und ob sie Kontakt wollen. Hört man sich im Freundes- und Bekanntenkreis um und spricht das Thema Tinder an, sind sich fast alle einig: Die App spiegelt eine ganze Generation wieder. Aber ist es wirklich inzwischen normal, keine Langzeitbeziehung mehr zu wollen? Geht es in der Generation Y, gerne auch Millennials genannt, wirklich nur noch um Äußerlichkeiten? Haben alle zwischen 1980 und 1999 geborenen Angst vor der Liebe und sind beziehungsunfähig?

Wie passt es dann ins Bild, dass Wikipedia dieser Generation den Wunsch nach mehr Zeit für die Familie zuspricht? Die Shell-Jugendstudie 2015 bestätigt, dass Freunde, Familie und Partner für junge Menschen die drei wichtigsten Punkte sind. 89 Prozent gaben an, sie fänden gute Freunde wichtig, 85 Prozent einen Partner zu haben, dem sie vertrauen können, und 72 Prozent finden die Familie elementar. In das Bild der beziehungsunfähigen Generation passt auch nicht, dass die Anzahl der Scheidungen seit über zehn Jahren sinkt und Ehen im Schnitt drei Jahre länger halten als vor zwanzig Jahren. Gibt es sie also überhaupt, die Generation Tinder?

Ehe und Beziehung im Wandel

Auch Lisa wünscht sich keine kurzen Flirts oder One-Night-Stands mehr. Es muss nicht sofort der Mann fürs Leben mit heiraten und Kinder kriegen sein. Aber mal was festes wäre schön, sagt sie. Viele der Männer die sie getroffen hat, meinten zwar, sie suchen auch mehr als nur One-Night-Stands. Aber bei keinem ist was daraus geworden. Lisa sei schon froh, sagt sie, wenn die Kerle sich nach kurzer Zeit nicht als Arschlöcher herausstellen.

Beziehungen scheinen sich generell geändert zu haben. Sie sind flexibler, oft selbstbestimmter. Allerdings auch nicht mehr so klar strukturiert wie früher. Das muss erst mal nichts Schlechtes sein. Heute sind viel weniger Frauen von Männern abhängig und in Ehen quasi gefangen. Sex vor der Ehe ist heute eher die Norm als die Ausnahme. Eine Langzeitbeziehung ist auch ohne Trauschein kein Problem. Auch Familie ist flexibler und offener geworden. Von Patchwork bis zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Das an sich ist eine großartige Entwicklung. Aber es gibt auch Schattenseiten. Sex und Liebe wird zu einem Konsumgut. Das Internet als Kommunikationsplattform ermöglicht den Digital Natives den Kontakt zu viel mehr potentiellen Partner. Beobachtet man den eigenen Bekannten- und Freundeskreis, steig die Anzahl derer, die immer das Gefühl haben da draußen wartet vielleicht noch jemand besseres wenn sie eine Beziehung eingehen. Tauchen Probleme auf, ist man schneller bereit die Sache einfach zu beenden, anstatt daran zu arbeiten. Und am Ende steht das ganze vielleicht auch noch der Karriere im Weg, die geht für viele ebenfalls vor.

Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single…

Ein Blick auf Tinder als Spiegel einer Generation greift zu kurz. Es gibt sie, die Menschen, die keine Beziehung suchen und nur auf Sex aus sind. Tinder ist für diese Fälle ein perfektes Mittel zum Zweck. Aber es gibt eben auch die andere Seite. Menschen, die eine Beziehung suchen und wollen. Nur sind diese nicht mehr so leicht zu definieren wie früher. Partnervermittlungsbörsen im Internet haben seit Jahren regen Zuwachs. Die Nutzer sind dort auf der Suche nach etwas Festerem als bei Tinder. Die Generation Y hat durch das Internet auch hier mehr Freiheiten.

Lisa meldet sich jetzt erst mal von Tinder ab und löscht die App. “Die Männer dort sind eh nur auf Sex aus.” In der Bar, Disco oder auf der Straße finden sich wahrscheinlich wirklich eher die Männer, die auch auf der Suche nach Nähe, Vertrautheit und Familie sind. Das es sie gibt, zeigt die Statistik. Vielleicht trifft Lisa ja auch endlich bald auf einen von ihnen.

Die Personen, die in diesem Text namentlich genannt werden, heißen in Wirklichkeit anders.