Ich trinke, um zu vergessen — und vergesse nur, was ich eigentlich alles getrunken habe.

Der “Gewinn” am Boden jeder Flasche ist manchmal leider doch eine Niete.


Während ich diese Zeilen schreibe warte ich darauf, dass der Alkohol zu wirken beginnt. Das Trinken hat heute ein klares Ziel: Gedächtnisverlust. Ich vergesse ständig Dinge — wo ich meine Schlüssel hingelegt habe, wo mein Handyladekabel ist und um wie viel Uhr der Kinofilm anfängt, den ich mir mit Freunden ansehen wollte. Mit dem Zeug, das ich schon vergessen habe, könnte ich ganze Bücher füllen — die ich dann auch wieder irgendwo vergessen würde. Aber wofür gibt es denn jetzt E-Books, die kann man sich wenigstens nochmal runterladen — aber das Problem ist, dass ich wissen müsste, wo zum Teufel mein E-Book-Reader ist. Es gibt jedoch Dinge, die brennen sich in das Gehirn ein, die wird man auch nie wieder los, außer vielleicht mit einer Lobotomie — aber die gravierenden Kollateralschäden möchte ich dann doch nicht in Kauf nehmen. Beispielsweise der Moment, als ich merkte, dass ich mich in einen Ameisenhaufen gesetzt hatte. Oder die zauberhaften Coyote Ugly Situationen — die nicht zwangsläufig nur am Morgen danach auftreten können und auch nicht zwangsläufig mit Äußerlichkeiten zu tun haben: Schon mal mit einem potenziellen (oder leider bereits aktuellen) Sexualpartner beim Essen gesessen und plötzlich festgestellt — der redet ja die ganze Zeit Blödsinn. Wieso hab ich das bisher noch nicht bemerkt? Womit wir wieder beim Alkohol wären. Denn daran liegt es doch irgendwie immer. Und manchmal führt man diese temporären Bewusstseinsstörungen sogar absichtlich herbei. Zum Beispiel wenn man vorm ersten Date noch eine Message bekommt, in der steht: „Wir sollten uns zur Begrüßung küssen, um die sexuellen Spannungen zwischen uns abzubauen“ Du lachst und schreibst „Klar, ich denke darüber nach.“, ungläubig den Kopf schüttelnd — und findest dich 30 Minuten später mit der Zunge eines Fremden im Mund wieder. Ironie kann man aus Nachrichten ja leider noch nicht herauslesen. Wenn du dann aber mitmachst — und es dir sogar gefällt, hast du keine andere Wahl: Du musst trinken. Schnell. Denn du brauchst die Rechtfertigung für dein Verhalten und eine eventuelle sexuelle Eskalation zu einem späteren Zeitpunkt. Nüchtern wäre das alles ziemlich bitchy und unvernünftig, angedüdelt ist es ein draufgängerisches, einmaliges Date. Außerdem möchtest du dich am nächsten Tag vielleicht nicht im Detail daran erinnern, was du alles gesagt, getan oder gehört hast. Nach Sex im Aufzug, im und auf dem Auto, gehst du also friedlich schlafen, mitten in der Nacht ganz entspannt eine Runde kotzen — und lässt den Alkohol seine Wirkung in deinen Synapsen entfalten. Wenn du dann am Morgen (ok, wohl eher am Mittag) erwachst, weißt du — leider noch absolut alles. Denn Alkohol löscht nie das aus, was gelöscht werden soll, er arbeitet eher wie der schlechteste IT Service auf der ganzen Welt — die Dateien, die du noch brauchen könntest sind weg, das was weg kann ist immer noch am Start. Nach den Studentenpartys zum Beispiel, bin ich am Morgen aufgewacht, total am Ende, wusste nichts mehr von dem, was ich am Tag zuvor gelernt hatte, erinnerte mich aber sofort und siedend heiß daran, dass ich mich an einer Hausecke übergeben musste — und der DJ bei näherer Betrachtung viel zu viele Brusthaare hatte (nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge). Alkohol ist ein launisches Miststück und zutiefst misanthropisch. Wie glücklich wären wir alle, wenn wir darüber entscheiden könnten, wo der Filmriss beginnt und wo er endet? Das lässt Miss Vod-ka-nnst-mich-mal oder Mrs. Whisk-ey-wo-ist-deine-Unterwäsche-Flittchen nicht zu. Sehr freundlich, ehrlich. Das merke ich mir. Wenn wir uns das nächste Mal begegnen, leere ich euch einfach in den Ausguss Bitches, irgendjemand muss euch ja mal zeigen, dass euer Verhalten absolut unangemessen. Ok, ich hab gerade geblufft, der Mut der Verzweifelten trieb mich dazu…ich trinke dann mal weiter — und ich trinke auf dich: Alkohol, die Ursache und die Lösung all unserer Probleme (zitiert ohne freundliche Genehmigung von Homer Simpson).

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