Jetzt starr doch nicht so.

Lieber den Keks in der Hand als die Paparazzi vor der Tür.


Manchmal starre ich einfach so vor mich hin. Das habe ich in jahrelangem Training perfektioniert, da macht mir keiner so schnell was vor. Diese ebenso beeindruckende wie unnütze Fähigkeit habe ich im Matheunterricht in der dritten Klasse entdeckt. Ich schaute die Tafel an — und plötzlich verschwamm das Bild vor meinen Augen, ich war da und doch nicht da, es war eine transzendentale Erfahrung. Erst 40 Minuten später kam ich wieder zu mir, war wieder eins mit meinem Körper — und bereit für das Schokocroissant auf dem Schulhof, meine erste außerkörperliche Erfahrung hatte mich richtig hungrig gemacht. Ich glaube das Starren ist meine Superkraft (die man ja eigentlich nicht offenbaren sollte, aber ich vertraue auf deine Verschwiegenheit, geneigter Leser). Allerdings wäre „Stare-Girl“ ein ziemlich bescheuerter Superhelden-Name. Wenn ich ein Superheld wäre, würde ich mich lieber Banana-Drama oder Caramel-Disaster nennen. Ich denke an dieser Stelle schon weiter, denn ich bin der Meinung, dass mein Superhelden-Name auch ein guter Namensgeber für ein Ben&Jerrys Eis und einen Taylor Swift Song sein sollte, die Marketing-Maschinerie muss schließlich laufen. Ich könnte mich übrigens ausschließlich von Ben&Jerrys Eis ernähren, leider bekommt mir Zucker nicht besonders gut, ich werde davon ziemlich unruhig und meine Hosen passen plötzlich nicht mehr. Aber Taylor Swift Songs kann ich zumindest hören so oft ich möchte, ohne Stimmungsschwankungen und Gummizug-Hosen fürchten zu müssen, das ist doch auch schon mal was, man sollte sich an den kleinen Dingen freuen können. So höre ich also Taylor beim Singen zu, während ich Reiswaffeln knabbere und nebenbei irgendeinen Scheiß im Internet schaue und da sehe ich: Taylor Swift hat geheiratet. Also angeblich. Laut Gala, Bunte und Co. und ich sehe, dass sie erst 25 Jahre alt ist. Mir fällt die Reiswaffel aus der Hand (ok, vielleicht ist es doch ein Schokokeks und keine Reiswaffel aber das tut jetzt nichts zur Sache). Sie ist jünger als ich. Verheiratet. Also angeblich verheiratet. Berühmt. Und nicht zu vergessen: stinkereich. Ich habe einen Schokokeks. Also ich hatte einen Schokokeks, ich glaube er liegt jetzt irgendwo unter dem Sofa. Auf den kann ich (zumindest theoretisch) zugreifen, auch wenn jetzt vielleicht ein paar Staubflusen drankleben. Aber einen Ehemann in spe und Millionen Dollar werde ich unter dem Sofa wohl nicht finden, weder mit, noch ohne Staubflusen dran. Irgendwas ist in meinem Leben scheinbar gravierend schief gelaufen. Vielleicht auch schon davor, denn ich kann weder Songs schreiben, noch besonders gut singen und meine Superkraft, die mir in die Wiege gelegt wurde, das Starren, ist jetzt nicht sooo der Hit. Und wie man damit Millionen verdienen oder einen Ehemann finden soll, weiß ich leider auch nicht so recht. Aber man darf wirklich nicht immer auf das schielen, was man nicht hat, sondern muss sich an dem freuen, was man hat. Ich habe einen fusseligen Schokokeks. Und das ist immerhin ein guter Anfang. Gibt es die Sendung „Biete Rostlaube, suche Traumauto“ eigentlich auch mit anderen Gegenständen? Ich hätte da nämlich einen Schokokeks, kaum angebissen, fast ohne sichtbare Gebrauchsspuren — diese griechische Fernseh-Verkäuferin Panagiota Dingsbums wird bestimmt wissen, wie ich den durch geschicktes Tauschen zu einer Villa in L.A. machen kann — die Frau könnte bestimmt auch Griechenland aus der Krise tauschen, wenn nur mal jemand auf die Idee kommen würde, sie um Hilfe zu bitten — oder zumindest zu einem Ehemann in spe. Gerne auch ohne Fusseln und ohne sichtbare Gebrauchsspuren. Und wenn er auch noch einen neuen Schokokeks mitbringt, dann ist die Welt schon ziemlich in Ordnung. Am besten wäre natürlich eine große Prinzenrolle, ganz für mich allein — Einzelkinder teilen halt nicht gerne, das weiß doch jeder.

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