Doctor Who

Wieso man als Zuschauer in der TARDIS reisen sollte.

“Das ist die größte Scheiße, die ich jemals gesehen habe!” Mehr kam nicht als Reaktion, nachdem ein Bekannter die erste Folge von Doctor Who gesehen hatte.

Konnte ich es ihm verdenken? Nicht wirklich. Ich selbst musste die erste Folge “Rose” mehrfach schauen und habe die Serie danach auch zunächst abgebrochen. Unmöglich, dass dieser trashige Mist von vielen so geliebt wird! Aber fangen wir von vorne an. Es geht hier um Doctor Who. Explizit um “New Who”, also um die Serie, wie sie im Jahre 2005 neu gestartet wurde. Die Eckpunkte:

Der Doctor: Ein Time Lord vom Planeten Gallifrey. Time Lords sterben nicht, sondern regenerieren in einen neuen Körper, sollten sie tödlich verletzt werden. Erinnerungen und Wissen bleiben gleich, jedoch kann der Charakter, sowieso das Geschlecht bei einer neuen Regeneration variieren.

Die TARDIS: Eine Zeitmaschine, Akronym für “Time and relative Dimensions in Space”. Diese kann ihr Äußeres ändern, um sich der Umgebung tarnenderweise anzupassen, der dafür notwendige Chamäleon-Schaltkreis ist bei der Version des Doctors jedoch kaputt, somit steckt sie in der Form einer englischen Notrufzelle fest. Die größte Besonderheit ist jedoch das Innenleben. “It’s bigger on the inside!” Ja, die TARDIS ist , entgegen ihres äußeren Erscheinungsbilds extrem weitläufig, hat viele Gänge, Bibliotheken, sogar einen Pool. Wobei manch Inkarnation des Doctors seine persönliche Note mit einbringt.

Das reicht auch fürs erste, um die meisten offenen Fragen zu beantworten. Wer mehr wissen möchte, der sei hiermit auf den entsprechenden Wikipedia-Eintrag verwiesen. Wie kann also eine Serie, die mit Soap Opera-Look, rülpsenden Mülltonnen und furzenden Aliens beginnt, so viele Leute begeistern? Ich habe damals in einem Forum meine Fortschritte gepostet, die ich beim gucken hatte. Ebenso habe ich es bei mehreren Leuten, die die Serie nach mir angefangen haben, genauso erlebt. Von kritischem hinterfragen, was denn der Quatsch soll, über “Das ist ja schon irgendwie toll” bis hin zum Fan-Dasein war es bei jedem gleich. Ich sage selbst immer, wenn man zum aktuellen Stand der Serie kommt, hat man eine Reise hinter sich, auf der man extrem viel erlebt hat. Es ist einfach erstaunlich, wie sehr sich diese Serie ändert. Was die Geschichten angeht, die Charaktere, die Technik und die Effekte. Man glaubt spätestens mit Staffel 5 eine komplett neue Serie vor sich zu haben.

“Okay, aber warum soll ich mich durch vier Staffeln Mist kämpfen, bevor es gut wird?” Die Frage ist berechtigt. Es ist ja nicht so, dass es erst mit Staffel 5 gut wird. Bereits Episode 2 der ersten Staffel hatte mich damals im Griff. Nach dem sehr schwachen Piloten befinden wir uns nun auf einer Raumstation. Und zwar an dem Tag, an dem die Sonne explodieren und alles Leben in Reichweite vernichten wird. Solch ein “endgültiges” Event strahlt eine gewisse Faszination aus und zeigt zugleich auch, welche Möglichkeiten Doctor Who in seiner Grundprämisse bietet. Man ist auf nichts festgenagelt. Weder auf einen fester Zeitraum, noch einen Ort irgendwo im Universum. Oder, wie es der 11. Doctor sagt:

“So…all of time and space, everything that ever happened or ever will…
Where do you want to start?”

Welch unfassbares Potenzial! Und dies wird natürlich auch genutzt. Während einer Serie am Samstag-Abend erlebte ich den dritten Weltkrieg. Ich sah, wie sich unzählige Alienrassen um ein wertvolles Artefakt unterhalb Stonehenge stritten, während eine Armee verdutzter Römer sich an ihre Schilde klammerte. Ich sah, wie die Zeit komplett verrückt spielte und riesige Dinosaurier durch ein viktorianisches London stapften. Ich erlebte es, wie ganze Planeten und Universen zerstört und neu erschaffen wurden. Ich habe gelacht, als der fluchende Hitler in einen Schrank gesperrt wurde. Ich sah Wikingermädchen unsterblich werden um am Ende aller Zeiten auf den einzigen zu warten, der diese Gabe auch besitzt: Den Doctor.

Es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Wann erlebt man solche Dinge, die ganze Universen umspannen einfach so an einem Abend? Zugegeben. Dies entfaltet sich eben erst im Laufe der ersten Episoden. Es gibt später Handlungsbögen über mehrere Staffeln, welche in unglaublichen Plot-Twists enden. Das Spiel mit Zeit und Raum wird perfektioniert und man sitzt mehr als einmal mit offenem Mund vorm TV. Und ich meine hier nicht, weil einfach so ein Charakter unerwartet verstirbt, wie es woanders der Fall ist. Das ist ja “einfach”. Hier passiert dies, weil Dinge und Ereignisse intelligent ineinander greifen. Weil Charaktere, die vor drei Staffeln total unwichtig waren plötzlich wieder auftauchen und ihre Existenz einen neuen Sinn ergibt.

Natürlich, es gibt auch diese “normalen Tode”. Charaktere sterben. Es gibt unfassbar tragische Momente. Aber genau so viel Witz, Situationskomik und tolle Sprüche. Wer jedoch Konsistenz sucht, den wird enttäuscht sein. Es gibt viele, viele lose Enden. Bedingt dadurch, dass der Schauplatz sich über viele Zeitepochen, Universen und Dimensionen erstreckt, bleibt so manch Alienwesen und dessen Schicksal blass oder im Dunkeln. Dafür ist es jederzeit möglich, sich auf ein Wiedersehen, vielleicht 5 Staffeln später, zu freuen. Die Serie sprüht nur so vor Easter-Eggs und Selbstreferenzen.

Der Doctor ist natürlich nicht alleine. Viele der genannten tragischen Elemente entstehen durch seine Companions. Mitreisende auf seinen Abenteuern, die er mehr oder weniger freiwillig aufgabelt. Diese könnten auch unterschiedlicher nicht sein und durch diverse Umstände kann es sogar passieren, dass sie eine wichtige Rolle im Leben des Doctors einnehmen. Vielleicht stellt sich sogar heraus, dass dieser ohne mach einen seiner Companions niemals die Reise von Gallifrey angetreten hätte…

Durch diesen stetigen Wechsel der Hauptrollen und die schier unendliche Anzahl an Episoden ist Abwechslung groß geschrieben und man freut sich immer wieder, teilweise sogar in Nebensätzen einfach davon zu hören, was der Doctor denn nun wieder angestellt hat. Versehentlich Marilyn Monroe geheiratet und nun schnell weg hier? Ja. Kleopatra bittet ihn um ein Treffen und er fragt sich, was sie denn diesmal schon wieder will? Passiert. Und König von England ist er sowieso. Außerdem der Präsident der Welt. Nur in Krisenzeiten, versteht sich. So unterschiedlich wie seine Mitreisenden ist auch der Doctor selbst. Eine neue Regeneration wird in der Regel ins Spiel gebracht, wenn es storytechnisch bedingt ist oder der jeweilige Schauspieler die Rolle niederlegt. Da, wie bereits erwähnt, das Wissen vorhanden bleibt, der Charakter sich aber grundlegend ändern kann, ist jeder neue Doctor auch für die Serie neue Herausforderung. Ob wie ein verrückter Professor agierend oder als störrisches Alien, welches mit Menschen so gar nichts anfangen kann, jeder Schauspieler gibt seinem Doctor einen eigenen Touch mit. Eines bleibt, mehr oder weniger, gleich: Der Doctor verachtet Gewalt. Nur in den seltensten Fällen und nur an seine Grenzen getrieben lässt er sich hinreißen, eine Waffe zu benutzen oder die Fäuste sprechen zu lassen. Seine Waffe ist das Wort. Und es gibt unzählige Szenen, in denen der Time Lord heroische Reden schwingt. Je nach Charakter mal emotional, mal heroisch. Als grandiose Beispiele sollen hier Matt Smith, der 11. Doctor und Peter Capaldi, die Nummer 12 dienen.

Capaldis Anti-War-Speech ist ein wunderbares Spiegelbild unserer realen Gesellschaft und dieser Tage wichtiger denn je. Es steckt sehr viel Wahrheit darin und alleine mit dieser Szene hat er sich in der Serie unsterblich gemacht:

Der eingangs erwähnte Bekannte schaut die Serie mit großer Begeisterung noch heute. Wie auch eine handvoll anderer Personen, die ich überzeugen konnte, damit anzufangen. Und sie fiebern jeder neuen Staffel und jedem neuen Doctor entgegen. Es hat sich gelohnt, dran zu bleiben.

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