Gamecheck: NieR: Automata

For the glory of mankind.

Sie sind selten geworden. Diese Momente, in denen Spiele überraschen können. In denen sie einen ungläubig auf den Bildschirm starren lassen. In denen man nicht erfassen kann, was da gerade passiert. Aber man findet es einfach nur großartig.

NieR: Automata ist so ein Moment. Ein ungefähr 40–50 Stunden langer Moment. Ein wilder, erfrischender Ritt. Nach dem Prolog hat man hier schon mehr erlebt, als in drei anderen Spielen zusammen. Ist das überhaupt ein Spiel? Selten kratzt ein Stück Software so nahe am Begriff der “Kunst”, nein, am Begriff des “Gesamtkunstwerks” wie dieser Titel. Viele Teile, die unterschiedlicher nicht sein können, greifen hier ineinander und liefern Abwechslung pur, die in jedem anderen Spiel fehl am Platz wirken würde.

Nein. Dies ist kein 08/15 Action-Buttonmasher. Viel zu leicht wird man getäuscht von Screenshots, die schwache Technik offenbaren, einer Story, die zunächst plump und altbekannt wirkt: Aliens versuchen in der fernen Zukunft wieder einmal die Erde zu erobern. Die letzten Überlebenden der Menschheit fliehen auf den Mond um von dort, mit einer eigens erschaffenen Armee von Androiden den Kampf um den Heimatplaneten auszufechten. Die Grundprämisse reißt also zuerst keine Bäume aus, aber es sei verraten, dass dies natürlich nicht so bleiben wird. Aber irgendwo müssen die Entwickler schließlich beginnen.

Und so schlüpft man in die Haut (aus welchem Material ist die eigentlich…?) eines soeben erwähnten Androiden, namentlich des weiblichen Modells 2B. Ob die gewählte Darstellung der Gothic-Lolita einem zusagt, muss jeder selbst entscheiden, die wunderbar flüssigen Animationen der Spielfigur entschädigen für vieles. Außerdem: Japan. Wir nehmen das mal so hin.

Der Auftrag klingt simpel: Ein von den Aliens geschaffenes, riesiges Maschinenwesen auf der Erde zu finden und zu zerstören. Moment, war das nicht ein Third-Person-Actionspiel? Ja. Aber NieR: Automata ist so viel mehr. In einer Sekunde spielt man einen Twinstick-Shooter, dann ein Shoot ’em up im Bullet Hell-Stil. In den ruhigen Momenten ein Visual-Novel. Dann wieder ein bildschirmfüllender Bosskampf. Und das innerhalb weniger Minuten. Die Übergänge sind fließend, wirken zu keiner Zeit störend. Ebenso passiert es, dass beim Betreten eines Abschnitts plötzlich die Kamera eine feste Perspektive einnimmt, die Welt dynamisch zu einem 2D-Plattformer transformiert wird. Perfekt dem Pacing angepasst, absolut natürlich. Ja. Das klingt bescheuert. Aber es funktioniert. Es funktioniert sogar extrem gut. In seiner Konsequenz.

Konsequenz ist das Stichwort. Das Androiden-Dasein ist bis zum bitteren Ende durchexerziert. Dieses Spiel wird nicht gespielt. Man IST der Androide. Das Menü, jede Anzeige auf dem Bildschirm, alles ist ein Teil des Interfaces des Spielfigur. Zusätzliche Fähigkeiten, in Form von Computerchips, können in die Speicherbänke von 2B eingebaut werden. Der Platz ist begrenzt und und als Spieler stellt man fest, dass dieser Speicher sogar teilweise schon belegt ist. Die Anzeige für das eigene Leben, die Minimap, der ausgeteilte Schaden. Alles ist in Form von Chips vorhanden und kann beliebig erweitert werden. Wird nun zum Beispiel der Chip für die Minimap entfernt, ist zwar mehr Platz vorhanden, jedoch muss man auf die Karte zur Navigation verzichten. Es ist sogar möglich, aber nicht ratsam, den Lebenserhaltungschip eines Androiden zu entfernen…

Beim Spielstart wird NieR: Automata ungewohnt mitteilen, dass der Spielstand nicht automatisch gespeichert wird. Der Spieler soll doch bitte selbst herausfinden, wie das funktioniert. Die Konsequenz zeigt sich erneut. 2B kann ihre Erinnerungen und ihr eigenes Ich nur an speziellen, überall großflächig in der Welt verteilten Speicherstationen als Backup hochladen. Stirbt man, wird dieses Backup hoch droben im Orbit in einen neuen Androiden-Körper verpflanzt und dieser wird erneut auf die Erde geschickt. Nun ist es jedoch so, dass in diesem Körper eingesetzte Chips natürlich im neuen Körper fehlen, weshalb sich 2B schleunigst auf die Suche nach ihren Überresten machen sollte, um die Chips von dort wieder einzusammeln und sie weiter zu benutzen. Das System ist zu Ende gedacht. Sogar so weit, dass teilweise auch der Abspann sinnvoll ins Spiel integriert wurde.

Die zerstörte, post-apokalyptische Welt von NieR: Automata ist, wie bereits erwähnt, technisch eher schwach. Dies wird jedoch durch die Atmosphäre mehr als wieder wett gemacht. Der grafische Stil ist teilweise bewusst reduziert und trist. In verschiedenen Situationen werden sogar Farbfilter genutzt, um die Vorgänge entsprechend optisch zu untermalen. Dies schafft jederzeit die richtiger Stimmung, um verlassene Einkaufszentren, Küstenstädte oder Wüstenlandschaften in der kleinen, aber beeindruckenden Kulisse darzustellen. Das Spiel schafft es immer wieder, einen neuen Bereich zu einem Erlebnis zu machen, wenn man diesen neu betritt.

Besonders hervorzuheben und zu loben ist auf jeden Fall die dynamische Musikuntermalung. Die Tracks liegen in verschiedenen Fassungen vor und gehen, je nach dem, was im Spiel passiert, in die passende Version über. Als Beispiel soll die Wüste dienen. Beim reinen Erkunden bleibt die Musik dezent im Hintergrund, während sie sich mit Gesang steigert, sobald man die Ruinenstadt betritt. Der Sand peitscht zwischen den leeren Gebäuden. Tristesse, wo früher einmal das Leben pulsiert haben muss. Gerade, weil den Protagonisten nicht klar ist, was dies einmal war, wirkt die Szenerie, zusammen mit der Musik so faszinierend und atmosphärisch.

Natürlich dreht der Soundtrack je nach Ort im Kampf dann weiter auf. Stets passend zur schnellen Action auf dem Bildschirm. Es gibt zwar im Grunde nur zwei Tasten. Den leichten und den schweren Angriff. NieR: Automata mag damit nicht die Komplexität anderer Spiele von Platinum erreichen, jedoch entdeckt der Spieler mit fortgeschrittener Dauer immer neue Kombinationsmöglichkeiten. Diese sind außerdem an die Waffen geknüpft, von denen mehr als 40 auffindbar oder beim Händler zu bekommen sind. Wie auch die Chips kann man sämtliche Prügel in mehreren Stufen verbessern. Dies schaltet neben mehr Schaden weitere Möglichkeiten für Kombos frei, zudem die Angriffe je nach Art der Waffe, sei es Speer, Axt oder etwas anderes, variieren. Zwei Waffensets können gleichzeitig angelegt und während des Kampfes jederzeit gewechselt werden. Ist man geschickt genug, ist es möglich, mit einer Waffe eine Kombo zu starten, das Set zu wechseln und mit der nächsten Waffe diese Kombo fortzuführen, was wiederum zu anderen Ergebnissen führt.

Um dem ganzen die nötige Würze zu verleihen, haben sämtliche spielbaren Charaktere in NieR: Automata einen Pod dabei. Quasi ein kleiner, fliegender Roboter, der ebenfalls verschiedene Angriffe beherrscht. Sei es ein Maschinengewehr, ein Laser, Raketen oder passive Fertigkeiten, wie das Betäuben von Gegnern oder das Auffinden von Gegenständen. Auch die Pods können kombiniert werden und so mächtige Angriffe auslösen. Die Kämpfe bleiben so stets abwechslungsreich und gehen doch perfekt von der Hand. Mit weiteren Charakteren ist dann sogar das Hacken feindlicher Maschinen möglich, um Kämpfe komplett zu umgehen. Dies wird durch ein immer komplexeres Twinstick-Shooter-Spiel dargestellt, welches später im Spiel auch in der Story größere Bedeutung gewinnt.

Wenn der Abspann das erste Mal über den Monitor fliegt, ist das Abenteuer nicht zu Ende. Im zweiten Durchlauf spielt man 9S, einen Androiden, der sich auf das soeben erwähnte Hacking spezialisiert hat. Dieser hat 2B im ersten Durchgang begleitet, war jedoch nicht zu jeder Zeit an ihrer Seite. Nun sieht man die Geschehnisse aus seiner Sicht, was denkt und was sieht er? Was erlebte er, als er von 2B getrennt war? Und auch dieses Ende stellt nicht den Abschluss des Spiels dar. Die Story wird abermals mit einem vollkommen anderen Charakter fortgeführt. Und mit jedem erneuten Start des Spiels setzen sich die Puzzleteile weiter zusammen und offenbaren ein Gesamtbild. Die Motive von Maschinen, Androiden, ganze Handlungsstränge werden plötzlich klar. Den Abspann sollte man viel mehr als den Start einer neuen Episode des Spiels sehen. Die Konsequenz bleibt auch in der Narrativen vorhanden und hebt die Story auf eine ganz eigene Ebene. Jeder fortgeführte Spielstand weiß weiter zu überraschen. In jeder Hinsicht.

Unterm Strich bleibt nur zu sagen, dass jeder, der die Spieleindustrie einmal aufgrund Ideenlosigkeit oder Innovationsarmut verflucht hat, bei diesem Titel zugreifen muss. Jeder, der irgendwann in seinem Leben Videospiele auch nur ein bisschen geliebt hat, oder es heute noch tut, für den ist das Meisterwerk NieR: Automata ein Pflichtkauf.