Andrea, dich kann man nicht kontrollieren!

… na, da bin ich aber mal froh!

Die Unberechenbare…

Eine “alte Geschichte”, die noch immer in mir schwingt…

Ein wundervolles Orchester. Tiefste Oberpfalz. Sehr konservativ, in der vorgegebenen Norm lebend und immer alles unter Kontrolle. Alles lief normal dort. Und dann polterte ich in dieses Orchester…

Zuerst als Musikerin. Ich spielte mit. Zugegeben, mit meiner pinkfarbenen Patchwork-Hose war mir die Aufmerksamkeit aller ziemlich schnell gewiss. Und nach kurzer Zeit übernahm ich dort in diesem Verein das Jugendorchester. Gefühlt tausend Zufälle fügten das so. Es fiel mir zu.


Es war ein tolles Orchester. Nach einiger Zeit spielten über 30 Kinder und Jugendliche mit. Ich liebte diese Arbeit sehr! Das Dirigieren hatte ich professionell erlernt — doch für die Arbeit mit Kindern war ich mir noch nie zu schade!

Naja, mein “Rahmen” war schon immer etwas weiter gesteckt. Doch ich kam gut mit dem Verein klar. Sie beäugten mich zwar manchmal etwas argwöhnisch, doch ließen sie mir musikalisch alle Freiheiten. Lange Zeit. Und erkannten mit den Jahren, dass es an meiner Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen im Orchester wirklich nichts zu beanstanden gab. Trotz meines bunten Äußeren und meiner oft ungewöhnlichen Sichtweise der Dinge…


Ein Einblick in meine Arbeit dort…

Im Laufe der Jahre, in denen ich mit diesem Orchester arbeitete, nahmen wir auch an einem Wettbewerb teil und erreichten in unserer Stufe die höchste Bewertung. Im Wertungsbericht hieß es damals:

“Ein absolut überzeugender Vortrag. Eine hervorragende Probenarbeit mündet hier in einen ausgezeichneten Vortrag, der musikalisch sehr bewegt hat. Hier wurde Musik gemacht! Weiter so!”

— Ich schreibe das jetzt hier, weil ich zeigen will, dass ich da musikalisch wirklich einen super Job gemacht habe und es keinen Grund gab, an meiner Arbeit zu zweifeln. Doch wer sucht, findet immer einen Grund.

Dann kam ein Konzert — das auch gleich mein Abschiedskonzert dort sein sollte. Nur wusste ich das vorher noch nicht. Warum mein letztes Konzert? Weil ich es doch tatsächlich gewagt hatte, eine spontane Idee umzusetzen… Huch, sowas aber auch…


“We are the world” — von Michael Jackson!

Ein so geiler Song, wie ich finde! Wir hatten genau diesen Song im Konzertprogramm. Und auch die Kids im Orchester liebten dieses Stück ganz besonders. Das Konzert konnte also kommen!


Unsere drei Stücke hatten wir für das Konzert — denn als Jugendorchester spielten wir immer unsere drei Stücke, gleich nach der Pause. Und dann kommt wie jedes Jahr kurz vor dem Konzert die Frage nach einer passenden Zugabe. Na, das ist ja diesesmal ganz leicht: Wir spielen einfach noch einmal die Jackson-Nummer und holen uns als Steigerung einen Chor mit auf die Bühne. Also ich fand meine Idee richtig gut…


Der Chor formt sich…

Machte mich auch sofort auf die Suche nach Sängern, denn es blieb nur noch etwa eine Woche. Meine Schüler sollten mir helfen und ihr Umfeld nach guten Sängern abklappern. Für mich war das die perfekte Lösung und ich zweifelte keine Sekunde am Erfolg…

… die Vorstandschaft schon. Der Vorstand rief mich zum Rapport und fragte, was diese Aktion denn soll — ohne Rücksprache mit dem Vorstand und dann noch so kurzfristig?! Nur eine Woche vorher!?! Das muss gestrichen werden!

So empörten sie sich. Huch, ich wollte ja keine Drogen verkaufen am Konzert — sondern dieses lediglich mit einem Chor noch mehr aufpeppen und etwas verschönern?! Naja, dachte ich mir, ok, dann eben ohne Chor. Kein Problem.

Das Konzert stand vor der Tür…

Für mich war die Choraktion schon lange aus dem Gedächtnis gestrichen, als mich zwei Tage vor dem Konzert der Pfarrer aus dem Ort anrief und mich wissen ließ, dass er selbstverständlich sehr gerne mitsingen werde, er es nur nicht zu einer Probe schafft. Am Konzert wäre er aber auf alle Fälle dabei, ließ er mich wissen. Hihihi — eine Schülerin hatte fleißig Werbung gemacht — offensichtlich auch bei der Geistlichkeit.

“Na, wenn das mal kein Zeichen von Oben ist!”

So dachte ich mir damals und ich begann erfolgreich, meinen kleinen Chor zu reanimieren. Zur Sicherheit organisierte ich noch ein paar sangeskräftige Freundinnen, denn so 15 sollten wir am Konzert schon sein. Damit es nicht albern wird. Der Rest wird sich zeigen. Ich denke mir in solchen Situationen immer “No risk, no fun”. Und ich bat den Schöpfer um Unterstützung meiner Idee… Wirklich! Ich WUSSTE damals einfach, dass das klappt.

Sofort schrieb ich einen Text für die Anmoderation der Zugabe — und so etwas kann ich wirklich sehr gut! Wer mich kennt, weiß das. Ich war mir echt sicher: “Des läffd!”


KONZERT!

Es kam der große Moment. Wir haben alle drei Stücke gespielt, die Kids haben ganz viel Applaus eingeheimst— und das Publikum forderte die Zugabe (Plan läuft). Der kleine, süße Tubist kletterte nach vorne an den Rand unserer Bühne und startete souverän seinen Aufruf:

Wir spielen jetzt als Zugabe noch einmal “We are the world”. Wer von euch schon immer mal hier auf der Bühne stehen wollte, darf jetzt zu uns raufkommen und mitsingen. Textblätter haben wir vorbereitet.”

Tatatataaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Überall zwischen denn fast 800 Zuhörern verstreut standen jetzt in diesem Augenblick meine etwa 15 eingeweihten Chorsänger auf — So, als würden auch sie sich spontan entschließen, dabei zu sein. Und selbstverständlich zogen sie all die anderen mit! Juhuuuu, das war mein Plan gewesen!


Wie geil ist das denn? Ruck Zuck waren 80 Menschen auf der Bühne! Der Bürgermeister. Der Landrat. Die Mönche. Sogar unsere behinderten Zuhörer aus dem nahegelegenen Auhof sangen mit. Ooooooch, war das schön!

Die Liebe war fühlbar in diesem Augenblick.

Während dieses Liedes war eine Energie im Raum, das hatte ich noch nie erlebt. Die Kids spielten so toll (damit meine ich nicht fehlerfrei, sondern einfach so rund und als EIN Orchester — mit Liebe und einer Wärme im Herzen) und all die Menschen sangen mit. Das schaffte eine Verbindung zwischen all den Menschen, es war schier unglaublich.

Ich hatte Tränen in den Augen beim Dirigieren, so sehr hat es meine Seele berührt. Und ganz fest habe ich mich beim Schöpfer dafür bedankt! Danke, lieber Schöpfergeist…

Es wurde etwas so Großartiges erschaffen. So empfand ich es. So empfanden die Beteiligten. Das fanden die Zuhörer. Sogar in der Zeitung war davon zu lesen und die Presse wählte ein Bild mit den Kleinen und dem Chor für ihren Bericht.


Nur dem Vorstand hat es nicht gefallen! Und ich musste abermals zum Rapport.

Böse Blicke. Strafende Blicke. Und wißt ihr, was mir konkret vorgeworfen wurde:

Man könne mich nicht kontrollieren!!?

Mein Ergebnis wäre zugegeben sehr gut — nur meine Herangehensweise wäre das nicht…. Zack! Das hat gesessen. Häääääää??!! Wie bitte??

Ich habe gekündigt. Gleich nach dem Konzert. Das war einfach nicht mehr meine Energie dort. Ich möchte die Musik er-LEBEN. Ich freue mich darüber, wenn die Zuhörer berührt werden. Wenn sie eine Botschaft mit nach Hause nehmen können. In diesem Fall war es die Botschaft: “We are the World”. Frei übersetzt bedeutet das für mich:

“Wir sind alle Eins”.

Erstreben wir nicht gerade in der Musik den Einklang? Soll die Musik leben oder soll sie perfekt sein? Was genau ist perfekt? Weshalb überhapt die Zweifel, ob die Choreinlage klappen wird? ZWEI-fel?


Kopf an Zentrale: Alles unter Kontrolle.

Solange es noch so viele kopfgesteuerte Menschen in den Vorstandschaften unserer Vereine gibt, die alles kontrollieren wollen, solange werden die Zuhörer perfekt organisierte Musik erleben. Ein Stück an das nächste gereiht — mit perfekt anmoderierten Stücken. Komponist, Geburtsdatum und Sterbedatum. “Das interessiert keine alte Sau.” Und doch höre ich das immer wieder in den Konzerten.

Setzen wir uns doch dafür ein, dass die Musik uns Menschen verbindet. In der Liebe zu ihr. Liebe fühlen. Liebe geben. Liebe SEIN — einzig dazu sind wir doch hier auf diesem Planeten.

Und um das zu erreichen, entziehe ich mich auch gerne jeglicher Kontrolle…

Fazit:

Immer wieder stoße ich bei meiner Arbeit als Dirigentin an Grenzen. Keine musikalischen Grenzen allerdings. Es knallt bei mir stets mit der Vorstandschaft. Und doch weiß ich, dass ich immer am richtigen Platz bin. Oft bin ich einfach nur “Entwicklungshelfer” in Orchestern, um deren Weichen neu zu justieren.

Eine neue Sichtweise. Eine komplett neue Ausrichtung des Orchesters. Eine Veränderung des Repertoires. Eine Aufwertung der Konzert. Volle Hallen an Konzerten — einmal eine Steigerung von 70 Konzertbesuchern vor meiner Zeit hin zu fast 500 Besuchern während meiner Zeit. Auch wurde einmal auf mein Bestreben hin aus einer Jugendkapelle ein Blasorchester.

Ich bin stets wie ein Wirbelwind, der durch die Orchester fegt. Naja, meist fege ich durch die Vorstandschaften und erkenne sehr schnell alte und verkrustete Strukturen. Nicht immer angenehm für die Beteiligten. Und nicht jeder liebt mich dafür…

Doch ausnahmslos immer haben die Orchester in meiner Zeit als Dirigentin einen riesigen Zuwachs von neuen Musikern zu verzeichnen. Offensichtlich wirke ich wie ein Magnet auf die “Kinder der neuen Zeit”.

Die Menschen verbinden sich immer mehr in der Musik. Das ist wunderschön. Und vielleicht ist das mein Job als Dirigentin…

Herzlich, Andrea.

Lebe wild und unberechenbar!

www.andreagrillenberger.com

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