“Andrea liebt mich so, wie ich bin.”

Eine “Kreativ-AG” im Förderzentrum.

Sei kreativ! Es bringt dich mit dir selbst in Berührung.

Eine Kreativ-AG leite ich schon lange. Bisher ausschließlich in einer Mittelschule — und ich liebe diese Arbeit! Nicht immer leicht, doch das eher aufgrund meines sehr breit gesteckten Rahmens, welcher in einem Schulbetrieb nicht immer begeisterten Anklang findet. Doch darum geht es mir heute nicht (das wäre allerdings mal einen separaten Blockbeitrag Wert).

Mir wurde während des letzten Schuljahres angeboten, eine Kreativ-AG in einem Förderzentrum zu übernehmen…

Mache dir dein Leben bunt.

… und ohne zu überlegen sagte ich zu. Ich liebe die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen — und das Malen und Kreativ-SEIN sowieso. “Ja, ich nehme dieses Angebot sehr gerne an”.

Und so schlug ich bei sechs Jugendlichen in einem Förderzentrum auf. Siebte und achte Klasse. Drei Jungs und drei Mädels — perfekter Schnitt, wie ich finde. Oder auch “bassd”, wie wir Franken in solchen Fällen zu sagen pflegen.


“Und Action!”

Gehe ich von mir selbst aus, dann weiß ich, dass mir Vorgaben schon immer zuwider waren — und es noch immer sind. Somit war von Anfang an klar, dass ich jedem der (mehr oder weniger freiwilligen) Teilnehmer meiner Kreativ-AG viel Spielraum zum ganz eigenen Kreativ-Sein geben werde. Aber sowas von!

Jeder Mensch ist kreativ. Voller Ideen. Davon bin ich überzeugt.

Ich will mit jedem einzelnen Schüler seine ganz eigene Kreativität wieder ausgraben! Und somit ließ ich jeden von ihnen auch selbst danach buddeln. Ganz tief. Ich gab kein Thema vor in unserer gemeinsamen Zeit! Einzige Vorgabe: Kreativ sein. Irgendwie.

Selbst bin ich überzeugt, dass unser Schulbetrieb aktuell darauf aus ist, jegliche Kreativität und auch Eigeninitiative von Kindern im Keim zu ersticken. Eingeforderte Konformität den halben Tag. Wie soll man dann bitte für den Rest des Tages seine eigene Persönlichkeit entwickeln können?


Kreativ-AG. Ich stelle ihnen also lediglich Material und Zeit zur Verfügung — den Inhalt bestimmen sie selbst. Auch die Entscheidung, ob sie überhaupt kreativ sein wollen, überließ ich stets ihnen. Und 60 Minuten sind lange…


Ach ja: Wenn jetzt jemand auf die Idee kommen sollte, zu überlegen, dass Schüler ja nicht einfach “nichts” tun können, wenn sie Unterricht haben, dann kann ich nur fragen: Bist du selbst an allen Tagen gleich kreativ? Und ja, ich erlaube es mir selbst sehr gerne, auch manchmal nichts zu tun. Und selbst dann tue ich ja etwas, nämlich NICHTS. Oder…?

Weshalb sollte das bei Schülern anders sein? Ein vollkommen vermessener Gedankengang! Und überhaupt: Meistens wollen sie ja auch kreativ sein— Kreativität bringt uns nämlich immer mit uns selbst in Kontakt.

Und wie kreativ sie sind!

Alles entsteht aus dem Chaos.

Ein Gemeinschaftswerk, das spontan entstanden ist. Richtig geil geworden, wie ich finde.

Eine wundervolle Botschaft an uns alle.

Das Ergebnis einer coolen “Sprühaktion”. Die Künstlerin hatte so viel Spaß dabei! Ein Mädel, das mich und meine Grenzen oft “getestet” hat.

All cops are beautiful.

Und da mein Partner Polizist ist, fand ich dieses Werk besonders interessant. Der Künstler hat einen tollen Aufhänger für ein Gespräch über die Arbeit von Polizisten erschaffen.


Es entstehen so viele wirklich coole und kreative Bilder. Und alle unterscheiden sich vollkommen voneinander. Hey, unterscheiden sich nicht auch alle Kinder und Jugendlichen? Wie kann ich dann alle konform laufen lassen wollen — wo doch jeder einzigartig ist? Tststs, so eine Frage aber auch…


Die AG lief super — und stellte mich wöchentlich immer wieder vor neue Herausforderungen. Es war kein “Kreativ-AG-Tag” vorauszuplanen. Mal hatten sie richtig Lust, kreativ zu sein— und dann wollten sie einfach nur ihre Ruhe haben und “chillen”, wie sie es so schön bezeichnen. Grenzen gab es — und selbstverständich auch den Versuch, diese zu durch brechen.

Da war ein mitgebrachtes Kondom und die Frage nach meiner Meinung über Kondome. Oder es gab die Zeichnung eines “großen männlichen Geschlechtsteiles” und das Abwarten meiner Reaktion darauf. Naja, ich fragte in der nächsten Stunde lediglich, wer denn der Künstler dieses ganz außergewöhnlichen Werkes sei, da ich es ja benoten müsse. Stille im Raum. Und in dieser Stille und der mir kurzfristig (mit offenen Mündern) geschenkten Aufmerksamkeit bemängelte ich lächelnd und wie selbstverständich, dass ein paar Feinheiten noch fehlen würden. Ihr Respekt war mir ab diesem Moment ganz sicher…

Ich respektiere ihr kreatives Tun, ganz egal, was sie erschaffen.

Tja, soweit alles gut — nur ein Schüler machte mir Schwierigkeiten. Ernsthafte. Machmal war er ganz plötzlich verschwunden, um dann nach 15 Minuten ganz unauffällig wieder aufzutauchen. Er fragte um die Erlaubnis, zur Toilette zu dürfen — um dann 15 Minuten später mit leichtem “Rauch-Geruch” wieder da zu sein. Ehrlich war er, denn er gab ganz offen zu, “…mal eben eine Fluppe organisiert zu haben”. Ja, manchmal machte er mich wütend — und immer wieder zeigte er mir auch ganz brutal meine eigene Hilflosigkeit.

Dieses Bild erschaffte einen toller Aufhänger für ein Gespräch auf Augenhöhe.

Ein Werk von ihm.

Toll gemacht, wie ich finde.


Ein wertvoller Spiegel für mich!

Strenge nutzte bei ihm nichts. Das war mir schnell klar. Er erinnerte mich an mich selbst: Auch bei mir erreicht man mit Strenge eher das Gegenteil. Das fordert mich nämlich erst recht heraus. Ein Appell an seine Vernunft ließ mich ziemlich lächerlich wirken. Ebenso das Androhen einer Strafe. “Na, dann melden Sie es doch, mir egal”. Tja, was tun?

Er ist, wie ich finde, außergewöhnlich. Sehr selbständig. Geradlinig. Und ehrlich. Äußerlichkeiten sind ihm vollkommen egal. Ebenso Grenzen. Doch kümmerte er sich stets auch liebevoll um die anderen. Nur eben dann, wenn er es wollte. Ne “coole Sau”war er schon irgendwie. Enge Rahmen schienen ihm genau wie mir zuwider. Immer wieder durchbrach er wie selbstverständlich meine Grenzen. Ich sage mal, ein typisches Indigo-Kind. So wie ich selbst — was für ein Zufall aber auch…


Was tun?

… das war meine Frage! Es kam die vorletzte Stunde und er war wieder mal für 15 Minuten weg — “…um von einem Kumpel einen Schlüssel zu organisieren”. “Hä — wie bitte?” Doch wie reagiere ich darauf? Eine einzige Kreativ-Stunde habe ich noch, dann sind Ferien. Ich wusste, es gibt auch für dieses Problem die richtige Lösung! Nur welche?

Die perfekte Lösung für dieses Problem…

…fand ich zuhause im Briefkasten. Ich hatte mir von der wunderbaren Autorin Kerstin Werner zwei Bücher bestellt. Diese waren zufällig genau an diesem Montag angekommen. Und noch etwas lag im Paket: Ein kleines Geschenk-Büchlein der Autorin— einfach so. Als hätte Kerstin Werner gewusst, wofür ich gerade eine Antwort suchte?!


Geschenk-Büchlein: “Liebe ist die stärkste Kraft im Universum”.

Die Geschichte erzählt von einer Lehrerin, welche neu in eine Klasse kommt.

Einer der Schüler, Max Merker, war gleich besonders auffällig. Er störte den Unterricht, wo es nur ging…”

Nun, da gibt es durchaus Parallelen zu meinem “Problem”. Ich wusste, ich finde die Lösung in diesem kleinen Geschenk-Büchlein! Ein Geschenk des Universums sozusagen. Tja, das Universum geht manchmal eben ungewöhnliche Wege.

Wie diese Lehrerin in diesem Büchlein auf Max reagierte…

… war wunderbar. Und ganz und gar außergewöhnlich! Sie ließ ihm eine Strafarbeit schreiben. Keine gewöhnliche Strafarbeit jedoch.

“Du schreibst einhundertmal auf ein Blatt Papier folgenden Satz: “Frau Lenden liebt mich so, wie ich bin!”
Das ist es! Ich wusste, das ist auch meine Lösung!

Die Geschichte in dem Büchlein ging weiter: Max störte immer wieder den Unterricht. Und die junge Lehrerin ließ ihn abermals schreiben:

Obwohl ich mich daneben benommen habe, liebt Frau Lenden mich noch immer!”

Ja, Kerstin Werner erzählt das so wunderbar treffend in ihrem kleinen Büchlein. Sie fordert uns damit auf, stets hinter das Verhalten zu blicken.

Auch Malcolm Southwood, einer meiner Lehrmeister, sagte immer wieder: “Verurteile nie ein Verhalten, sondern frage dich immer, was ist die Angst, die dahinter steckt.”

Die letzte Stunde von den Sommerferien ist da!

Und ich hatte in dieser einen Stunde ein Thema für alle Künstler— das allererste mal! Sie sollten kleine Rahmen gestalten mit dem Satz:

“Andrea liebt mich so, wie ich bin.”

Das war sie, meine Lösung! Und alle machten mit. Jeder auf seine Art. Und hinterher gingen wir alle gemeinsam ein Eis essen.

Ganz sicher hat diese Stunde auch Spuren in den Herzen “meiner” Künstler hinterlassen. In meinem Herzen hat sie es auf alle Fälle!

Andrea Grillenberger. Künstlerin. Malerin. Autorin. Coach.

Herzlich, eure Andrea.

Hier findest du meine Datenschutzerklärung: www.andreagrillenberger.com/datenschutzerklärung/